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22. November 2013, 07:21 Uhr

Kürzung an Hochschulen

Ost-Unis droht Spardiktat

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Politikwissenschaft, Pharmazie, Wirtschaftsgeschichte - gestrichen. Viele Hochschulen in Ostdeutschland müssen massiv sparen. Nach Jahren des Aufschwungs werden in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Hunderte Stellen abgebaut. Viele Professuren und ganze Studiengänge fallen weg.

Die Sensenfrau kam an einem Dienstagvormittag Mitte November. Sie hatte zwei Begleiter an ihrer Seite, ebenfalls in Schwarz gekleidet und mit Sonnenbrillen. Gemeinsam schnappten sie sich Jörg Nagler, Professor für Nordamerikanische Geschichte, holten ihn aus dem Hörsaal der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. An der Sense ein Schild mit der Aufschrift "KW-Vermerk". Keine Wiederbesetzung.

Nicht Naglers Leben ist in Gefahr, sondern seine Professur. Darauf wollten Studenten mit dieser Aktion hinweisen. "Wir haben rund 20 Professoren aus Seminaren und Veranstaltungen herausgeholt", erzählt Silvana-Simone Günther, die sich als Sensenfrau verkleidet hat. Die 27-Jährige studiert Erziehungswissenschaften und schreibt gerade ihre Bachelor-Arbeit. Seit Oktober engagiert sie sich für die Studentenproteste in Jena, auch aus Angst, dass der Master-Studiengang, den sie machen will, bald nicht mehr angeboten wird.

125 sogenannte Vollzeitäquivalente muss die Uni in Thüringen bis 2015 loswerden. Da viele der rund 6900 Beschäftigten in Jena in Teilzeit arbeiten, werden weitaus mehr als diese 125 Vollzeitstellen wegfallen, darunter Arbeitsplätze in der Verwaltung, im wissenschaftlichen Mittelbau und eben Professuren. Ganze Studiengänge sollen sogar verschwinden oder nur noch in Kooperation mit anderen Hochschulen angeboten werden.

500 Wissenschaftler in Thüringen könnten betroffen sein

Über chronischen Geldmangel und schmerzhafte Sparmaßnahmen klagen bundesweit viele Unis. Circa sieben Millionen Euro muss die Uni Jena nach eigenen Angaben bis 2015 einsparen, das Geld vom Land reiche nicht aus, um die gestiegenen Ausgaben aufzufangen - neue Tarifverträge hätten unter anderem zu höheren Personalkosten geführt. Unter ähnlichen Sparzwängen leiden auch die anderen acht Hochschulen in Thüringen, an der Bauhaus-Universität Weimar werden zum Beispiel um die 60 Stellen gestrichen.

Thüringen müsse Jahr für Jahr mit einem geringeren Landeshaushalt auskommen, klagt der Sprecher des Kultusministeriums, zuletzt waren es 200 Millionen Euro weniger aus den Töpfen der Europäischen Union und des Bundes, unter anderem weil Förderungen für die neuen Länder auslaufen. Daran liege es nicht, der Sparkurs sei politisch gewollt, sagen Kritiker hinter vorgehaltener Hand. Weil nach Jahren des Wachstums nun stagnierende oder gar sinkende Studentenzahlen in Ostdeutschland erwartet werden, wollen die Landesregierungen schon mal am Personal sparen, glauben sie.

In Sachsen werden mehr als tausend Stellen gestrichen

Und das, nachdem jahrelang in die Hochschullandschaft Ost investiert worden war: 5000 Studenten zählte die Uni Jena 1990, heute sind es rund 20.000. Und der Anteil der Studenten, die aus den alten Bundesländern zum Studieren nach Thüringen kommen, ist auf aktuell 40 Prozent gestiegen. Doch jetzt mussten sich die Unis gegenüber dem Kultusministerium in Erfurt verpflichten, einen Struktur- und Entwicklungsplan vorzulegen: Auf welche Schwerpunkte will sich die jeweilige Hochschule konzentrieren, was kann dafür wegfallen? "Für die Unis bedeutet das, dass sie auf einige Studienfächer verzichten müssen", sagt Ministeriumssprecher Gerd Schwinger.

Ähnlich sieht es an den Unis in Sachsen und Sachsen-Anhalt aus. Mehr als tausend Stellen müssten die Hochschulen in Sachsen bis 2020 abbauen, allein in Leipzig fielen jährlich 24 feste Stellen weg, sagt Carsten Heckmann, Pressesprecher der Uni Leipzig. Die Folge: Studiengänge wie Pharmazie wird es in Zukunft hier wahrscheinlich nicht mehr geben. Und in Sachsen-Anhalt sollen von 2015 bis 2025 jährlich fünf Millionen Euro an den Hochschulen eingespart werden, "Umstrukturierungen" inklusive.

In Jena heißen die neuen Profile "Light, Life, Liberty" - die Uni will sich künftig auf Fächer wie Physik, Altersforschung und Geisteswissenschaften konzentrieren. Doch diese inhaltliche Entscheidung hat nur bedingt Auswirkungen darauf, welche Professuren und welche Lehrstühle den Sparmaßnahmen tatsächlich zum Opfer fallen. Denn: Professoren sind Beamte auf Lebenszeit, ihnen kann nicht gekündigt werden. Stattdessen werde die Uni-Leitung Stellen von bereits betagten Lehrstuhlinhabern nicht neu ausgeschrieben, wenn der Professor emeritiert, stirbt oder an eine andere Uni wechselt.

"Auch Lehrbeauftragte können lehren"

"Top-Wissenschaftler gehen dann eben an andere Unis", befürchtet Simon Stützer. Der 27-Jährige promoviert in Physik und hat eine Dreiviertelstelle an der Uni Jena. Auch die Zukunft seines Chefs, eines Juniorprofessors, ist durch die Kürzungen gefährdet. Stützer will auch deshalb weiter demonstrieren. Unter dem Motto "stepagainst" wächst in diesen Tagen der Protest der Studenten, auf Facebook, auf Twitter und auf dem Campus. Am Freitag wird wieder demonstriert, mehr als 2000 Leute haben sich bereits online angemeldet.

Grund zur Sorge gebe es eigentlich nicht, findet dagegen Axel Burchard, Pressesprecher der Uni Jena. Für eine gute Lehre brauche es nicht zwingend Professoren: "Lehraufgaben können auch durch Lehrbeauftragte erfüllt werden."

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