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Streichkonzert im Südwesten: Musikhochschulen haben den Haushalts-Blues

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Sparpläne an Musikhochschulen Baden-württembergische Streichkonzerte

Pianist Edward Hamrock zog von Los Angeles ins ländliche Trossingen, wegen der exzellenten Ausbildung. Jetzt will die baden-württembergische Wissenschaftsministerin an Musikhochschulen 500 Studienplätze streichen. Die Studenten fragen sich: Was wird aus uns?

Wenn Edward Hamrock sich ans Klavier setzt, scheint er die ganze Welt auszublenden. Der 25-jährige Klavierstudent legt die Finger ganz sacht auf die Tasten und spielt ein Stück von Arnold Schönberg. Er schließt die Augen, bewegt sich im Rhythmus der Töne. "Diese Musik liegt mir am Herzen", sagt Hamrock.

Alles andere scheint in diesem Moment weit weg: die Diskussionen um die Sparpläne an den Musikhochschulen im Land. Der Streit darüber, welchen Wert Kultur im Südwesten hat. Die Frage, wie viel ein Student eigentlich kosten darf. Und wie viele davon sich seine Musikhochschule in Trossingen in Zukunft noch leisten wird.

"Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn sie die Hochschule verkleinern oder schließen", sagt Hamrock. Er ist vor einem Jahr aus den USA gekommen - von der pulsierenden Großstadt Los Angeles in die ländliche Ruhe im Landkreis Tuttlingen. Neben der Hochschule stehe ein Bauernhof, sagt er. An seinem Blick lässt sich nicht ablesen, ob er das gut findet. Er hatte sich an seiner Uni für einen Austausch mit Deutschland beworben. Als die Zusage kam, musste er erst mal im Internet nachsehen, wo das liegt: Trossingen.

500 Studenten und 50 Professoren weniger

Zu Beginn hatte der Amerikaner in der 15.000-Einwohner-Stadt noch ganz alltägliche Sorgen: Verstehe ich Schwäbisch? Schmecken Spätzle? Komme ich in den Kursen gut mit? Heute fragt er sich: Was soll ich machen, wenn Trossingen sich auf Alte Musik spezialisiert - wie es die Pläne des Wissenschaftsministeriums bisher vorsehen? Finde ich damit einen Job? Oder wechsle ich besser an eine andere Hochschule? Und wenn ja, wohin? Eigentlich will er im Januar die Aufnahmeprüfung in Trossingen machen und langfristig dortbleiben. "Das ist meine Heimat geworden, das würde mir dann genommen."

Wie Hamrock geht es vielen ausländischen Studenten in Trossingen; sie stellen nach Angaben der Hochschule mehr als ein Drittel der Eingeschriebenen. Denn Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hat im Sommer ein Sparkonzept für die Musikhochschulen vorgestellt. Rund 500 Studienplätze und 50 Professorenstellen sollen gestrichen werden, um vier bis fünf Millionen Euro im Etat zu erwirtschaften.

"Warum tut Deutschland das?"

Für Trossingen würden die Pläne bedeuten: 200 Studienplätze weniger, außerdem eine Bündelung der Ausbildung für Alte Musik und Elementare Musikpädagogik. "Die Politiker können einfach Pläne in unserem Leben ändern", sagt der 25-Jährige. Dagegen wird seit Monaten heftig protestiert - Kritik kommt nicht nur von den Betroffenen, sondern auch aus Politik und Wirtschaft.

Fünf Standorte gibt es mit Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Mannheim und Trossingen in Baden-Württemberg. Dass ausgerechnet dieses gut betuchte Bundesland bei der Musikerausbildung sparen will, sorgt für Unverständnis. Der Deutsche Kulturrat setzte die mit rund 480 Studenten kleinste Musikhochschule im Land kürzlich sogar auf die Rote Liste bedrohter Kultureinrichtungen.

"Politiker sehen den Gewinn und Nutzen von Musik nicht", sagt Ido Azrad, 27. Der junge Mann aus Israel, ein mehrfach ausgezeichneter Musiker, studiert seit mehr als zwei Jahren in Trossingen Klarinette. Momentan macht er einen Master in Alter Musik. Azrad hat sich die Hochschule und seine Dozenten ganz gezielt ausgesucht. "Hier unterrichten unglaublich tolle Leute. Was ich hier gelernt habe, hätte ich nirgendwo sonst gefunden."

Doch Azrad geht es nicht allein um die Musikhochschulen und ihre Studenten. "Wer gut ist, wird seinen Platz finden", sagt er. "Ich mache mir Sorgen um die Kultur." Wie beeinflusst Kunst den Einzelnen? Was passiert mit einem Land, in dem Kultur nicht mehr geschätzt oder womöglich nicht mehr gefördert wird? "Ich glaube, dass man auf lange Sicht durch Kunst und Kultur eine bessere Gesellschaft gewinnt." Für ihn sei unbegreiflich, dass ein Land wie Deutschland - das traditionell viel Wert auf Kultur lege - bei deren Förderung spare. Auch Gebührenpläne für Studenten aus dem Nicht-EU-Ausland, die in Baden-Württemberg ebenfalls diskutiert werden, irritieren ihn. "Warum tut Deutschland das?"

Kathrin Streckenbach/dpa/fln
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