Sparwut in Sachsen "Unis kann man nicht verwalten wie eine Imbisskette"

Über 14.000 Studenten protestierten am Donnerstag in Sachsen gegen Einstellungsstopp und Haushaltssperre an den Hochschulen. Einige Fakultäten stehen vor dem Aus - zum Beispiel die Dresdner Architektur, der Prüfungschaos und eine drastische Ausdünnung der Lehre drohen.

Von Stefan Locke


Studentenprotest in Dresden: Uni nicht wie einen Schnellimbiss führen
DDP

Studentenprotest in Dresden: Uni nicht wie einen Schnellimbiss führen

Dresden - Sie war eine der am höchsten bewerteten Fakultäten im kürzlich veröffentlichten Uni-Spezial der Zeitschrift "Stern". Nun droht ihr das Aus. Wenn die am Freitag verhängten Sparmaßnahmen der Landesregierung bestehen bleiben, kann die Fakultät Architektur an der TU Dresden keine Studenten mehr vernünftig ausbilden.

"Wer im kommenden Wintersemester bei uns anfängt, kann sein Studium nicht mehr gemäß der Studienordnung durchführen", sagt Christian Spindler vom Fachschaftsrat Architektur. Der Grund: Pflichtveranstaltungen wie Bauklimatik fielen ersatzlos weg, weil Professoren in Rente gingen, ihre Stellen aber nicht neu besetzt werden dürften.

"Wir verlieren die Basis"

Doch selbst wer schon kurz vor dem Vordiplom stehe, könne in nächster Zeit nicht mit einer Prüfung rechnen. So müssten alle Studenten einen Vordiploms-Entwurf in Baukonstruktion machen. Am Lehrstuhl liefen indes fünf der sechs Betreuer-Stellen aus. "Der verbleibende Betreuer hätte dann 160 Studenten am Hals", erklärt Spindler. Schon hat der Professor angekündigt, seine Veranstaltungen im Grundstudium ganz zu streichen. Doch auch im Hauptstudium könnte er nur auf Sparflamme fahren. "Alles, was das Studium erst interessant macht, fällt dann weg", sagt Spindler.

Kein Scherz: Stundenplan der Architekturstudenten im Grundstudium nach den Sparmaßnahmen

Kein Scherz: Stundenplan der Architekturstudenten im Grundstudium nach den Sparmaßnahmen

Dass die Universität sparen muss, war schon lange bekannt, doch am vergangenen Freitag verschärfte sich die Situation. Wegen drastisch gesunkener Steuereinnahmen verhängte die Landesregierung einen Einstellungsstopp und verdoppelte die bereits bestehende Haushaltssperre. Nun dürfen die Universitäten 40 Prozent ihrer bereits zugesagten Mittel nicht verwenden und auslaufende Stellen nicht mehr besetzen.

Das trifft die Dresdner Architekten besonders hart. Denn die meisten Assistenten und Betreuer haben hier nur Jahresverträge, die Fluktuation ist hoch. "Was bisher der Kreativität zugute kam, fällt uns jetzt in den Rücken", sagt Spindler.

25 Stellen laufen an der Fakultät in den nächsten beiden Semestern aus, die meisten davon im akademischen Mittelbau. "Damit verlieren wir die Basis", sagt Wolff-U. Weder, Professor für Gestaltungslehre. Viele Fächer könnten schon ab dem kommenden Semester nicht mehr gelehrt werden.

An neue Lehrstühle sei überhaupt nicht zu denken. In Kürze sollte zum Beispiel eine Professur für Denkmalkunde eingerichtet werden. "Auch das können wir nun abblasen", sagt Weder. Er ist erzürnt, dass den Hochschulen der neue Sparbeschluss so kommentarlos untergeschoben wurde. "Das Ding kam einfach so an, von Ausnahme oder Sonderfall war überhaupt keine Rede", so Weder.

Ähnlich wie den Architekten geht es auch anderen Fakultäten. Zwar hat der Freistaat zugesagt, alle bestehenden Fakultäten zu erhalten. Wie das in der gegenwärtigen Lage noch zu meistern sein soll, weiß niemand an den Hochschulen. Spontan trafen sich deshalb gestern in Chemnitz, Dresden und Leipzig über 14.000 Studenten, Hochschulmitarbeiter und Professoren, um gegen die jüngsten Beschlüsse der Landesregierung zu protestieren.

"Kopfloser Kahlschlag"

Mit Sprechchören wie "Abwählen" und "Auswechseln" zogen in Dresden über 8000 Studenten von der Universität zum Landtag. Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU) wurde von den Demonstranten ausgepfiffen. Er versuchte, die Sparbeschlüsse mit dem Steuerloch in Sachsen und der seiner Meinung nach verfehlten Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu rechtfertigen.

Protestierende Studenten in der Elbe: Die Bildung geht baden
AP

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Alle Landeseinrichtungen müssten tiefe Einschnitte hinnehmen, sagte Rößler, noch neu in seinem Amt. Die Haushaltssperre sei hart - man könne sie aber durch "intelligente Lösungen und Streckung von Projekten meistern". Stellenkürzungen seien gerechtfertig, weil die Studentenzahlen ab 2008 sinken würden. Informatikprofessor Bernhard Ganter antwortete darauf grimmig: "Wer glaubt, dass man Universitäten verwalten kann wie eine Imbisskette, der hat sich getäuscht."

Der Senat der Technischen Universität Dresden erklärte sich mit den Studentenprotesten solidarisch und forderte die Landesregierung auf, Einstellungsstopp und Haushaltssperre sofort aufzuheben. Die Sparpolitik sei ein "kopfloser Kahlschlag", der in seiner "bürokratischen Undifferenziertheit" eine "Missachtung von Bildung und Forschung in Sachsen" darstelle. Der Freistaat reagiere "unsensibel und allein buchhalterisch" auf ein Problem, dass er seit Jahren kenne.

Die Lösung: Ehrenamtliche Professoren

Der Dresdener Rektor Achim Mehlhorn verwies darauf, dass in Kürze 193 frei werdende Stellen nicht wieder besetzt werden könnten und rund 100 Studenten ihre Qualifikationsarbeiten nicht beginnen oder abschließen könnten. Zudem würden Forschungsgelder aus der Industrie, vom Bund und der EU drastisch zurückgehen.

Mehlhorn rechnet damit, dass 17 Millionen Euro an Drittmitteln wegfallen. Im vergangenen Jahr hatte die Universität rund 82 Millionen Euro an Drittmitteln zur Verfügung. Mit diesem Geld würden 1600 Arbeitsplätze bezahlt. "Das nennt man ein glänzendes Geschäft", sagte Mehlhorn, "man spart 13 Millionen Euro, und dafür gehen 17 Millionen Euro verloren."

Der Senat kündigte eine Kampagne an, um die Konsequenzen der Sparbeschlüsse deutlich zu machen. Auch die Architekturstudenten planen weitere Protestaktionen. Schon jetzt haben sie Absperrbändern um die Fakultät gezogen und Schilder mit "Zwangsurlaub" und "Geschlossen" aufgehängt. Zudem sei geplant, Stellenanzeigen zu schalten. Inhalt: "TU Dresden, Fakultät Architektur sucht ehrenamtliche Professoren und Mitarbeiter". Vielleicht eine der letzten Möglichkeiten, die seit 1876 in Dresden bestehende Architekturausbildung zu erhalten.



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