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"Speedwatching" Das Leben ist kurz - guck schneller

Wie wär's mit einer ganzen Staffel "Game of Thrones" - in der halben Zeit? Das ist zwar nicht schön, aber effizient: Wer Serien beschleunigt guckt, kriegt am gleichen Abend vielleicht noch seine Hausarbeit fertig.

"Game of Thrones" ist ja ganz schön. Aber mit allen Folgen ist man rund zweieinhalb Tage beschäftigt . Wenn man dazwischen nicht schläft, isst oder mal zur Toilette geht. Und bei zehn Staffeln "Big Bang Theory" muss man knapp sechs Tage einplanen. Ein Langläufer wie die "Simpsons" hält einen gut 15 Tage vor dem Bildschirm.

Wie soll man das schaffen? Wer soll all die Serien gucken, der nebenher arbeiten, einkaufen, sich ernähren muss? Oder vielleicht doch ein paar Sozialkontakte pflegt, etwa zur eigenen Familie?

In der nicht endenden Folgenflut lautet die Antwort für einige hartgesottene Fans mittlerweile "Speedwatching" - Konsum von Serien mit hohem Abspieltempo. Der Grundgedanke: Wer doppelt so schnell guckt, schafft auch doppelt so viele Folgen.

Glaubt man Anleitungen von Könnern, wird das Gehirn dabei schrittweise an die doppelte Abspielgeschwindigkeit gewöhnt. Wer "Gilmore Girls" oder "Westworld" erst mit 1,2-fachem und dann 1,5-fachem Tempo guckt, schafft irgendwann auch das zweifache oder sogar mehr. Dabei helfen Videoplayer wie VLC und Erweiterungen für den Internetbrowser.

"Das Leben ist kurz. Verschwende es nicht damit, Videos mit einfacher Geschwindigkeit zu gucken", schreibt der Nutzer einer entsprechenden Erweiterung für den Browser Google Chrome. Die Chrome-Erweiterung "Video Speed Controller " wurde schon mehr als 235.000 Mal heruntergeladen. Mit Software wie dieser kann man Videos auf Internetseiten im Tempo steuern, etwa auf den Webportalen vieler Streamingdienste.

Ihre Popularität kann kaum überraschen: Der Strom an Serien nimmt stetig zu, befeuert durch die Konkurrenz von Kabelsendern wie HBO, CBS und Fox sowie Streamingdiensten wie Netflix, Amazon und Hulu. Dummerweise ist da eine ganze Menge guter Stoff dabei, selbst Serienverrückte verzweifeln manchmal an der Flut an spannendem TV-Material.

Erfindung eines Jurastudenten

455 Drehbuchserien erschienen einer Studie des Senders FX  zufolge im Jahr 2016 allein in den USA - im Jahr 2010 gab es nicht einmal halb so viele. Der Moment des "Peak TV", an dem ein dann übersättigter Serienmarkt schwächelt und die Zahl der Produktionen wieder sinkt, ist noch immer nicht erreicht.

Dann also mit doppeltem Tempo durchs Angebot. Ob das eine echte Lösung ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Genuss, ein TV-Kunstwerk in Ruhe zu gucken und die von Regisseur und Drehbuchautor vorgesehenen Pausen, Längen oder Zeitlupen voll auszukosten, geht beim "Speedwatching" flöten.

Dafür werde das Leben aber "effizienter", schrieb die "Washington Post" vergangenen Sommer : Vier Folgen "Unbreakable Kimmy Schmidt" passten jetzt in nur eine Stunde. "Es gibt mehr zu gucken als jemals zuvor."

Erfunden haben will die ans "speed reading" (Bücher) und "speed listening" (Podcasts) angelehnte Methode der frühere Jurastudent Alexander Theoharis. Er sei vor ein paar Jahren versehentlich an eine Taste gekommen, die ein laufendes Video etwas beschleunigt habe, erzählte er der "Seattle Times" 2014. Nun guckt er "Breaking Bad" mit 1,6- und "The Office" mit 2,4-facher Geschwindigkeit und Untertiteln. Er habe einfach wissen wollen, was in diesen Serien passiert, sich wegen der verlorenen Zeit im Studium aber oft schuldig gefühlt.

"Modern Family" werde bei doppeltem Tempo sogar lustiger, schreibt die "Washington Post", denn "die Witze kommen schneller und schlagen härter ein". Man müsse auch keine Zeit mehr mit öden Füllinhalten verschwenden.

Allerdings kann es einem passieren, dass das Gehirn ein normales, dann langsam wirkendes Erzähltempo irgendwann nicht mehr erträgt. Der Genuss einer Serie im Normaltempo wäre ruiniert, möglicherweise für immer. Und, fragte das "New York Magazine", wenn es so viel Arbeit ist, eine Serie zu verfolgen, warum guckt man sie dann überhaupt?

mamk/Johannes Schmitt-Tegge/dpa
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