Von der RAF bis heute Achtung, Spitzel im Hörsaal

Skandal in Heidelberg: Ein verdeckter LKA-Ermittler bespitzelte monatelang linke Studenten. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Spione an Unis gab es immer wieder - einer nahm sogar großen Einfluss auf die RAF.

Der junge Mann (l.), der hier bei einer Demo die Topfdeckel aneinanderschlägt, ist ein LKA-Beamter. Fast ein Jahr lang hatte er im Jahr 2010 an die baden-württembergische Polizei berichtet.

Der junge Mann (l.), der hier bei einer Demo die Topfdeckel aneinanderschlägt, ist ein LKA-Beamter. Fast ein Jahr lang hatte er im Jahr 2010 an die baden-württembergische Polizei berichtet.


Es war ein Partybesuch, der Simon Brenner enttarnte. Der verdeckte Polizeiermittler hatte monatelang an der Universität Heidelberg spioniert, als er zufällig eine alte Bekannte traf: "Du bist doch der Simon von der Polizei", sagte sie zu ihm.

Neun Monate zuvor hatte sich Brenner in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eingeschleust - getarnt als Germanistikstudent. Im Auftrag des Landeskriminalamts sammelte er Informationen über seine Kommilitonen und besetzte mit ihnen sogar Hörsäle. Nach der Enttarnung Brenners klagten sieben Bespitzelte gegen das Land Baden-Württemberg. Vor einigen Monaten urteilte das Verwaltungsgericht Karlsruhe, dass der Einsatz des Spions wohl rechtswidrig war.

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Ein Maulwurf in Heidelberg: Das Geheimnis von "Simon Brenner"
Undercover-Beamte dürfen demnach nur eingeschleust werden, wenn ein Verdacht auf begangene Straftaten von erheblicher Bedeutung besteht oder es konkrete Indizien für zukünftige Verbrechen gibt. Der Fall Brenner sorgte bundesweit für Aufsehen. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Neu sind Einsätze von Spitzeln in Studentenkreisen nicht.

Der Provokateur: Peter Urbach

Angeblich ein Handwerker, in Wahrheit Spitzel: Peter Urbach (M.)
picture alliance/ dpa

Angeblich ein Handwerker, in Wahrheit Spitzel: Peter Urbach (M.)

Der wohl spektakulärste Fall von Spionage im studentischen Milieu begann Anfang 1967, als ein Mann mit Hut und Werkzeugtasche im Büro des Berliner SDS erschien. Sein Name: Peter Urbach. Er sagte, er sei Handwerker. In Wahrheit arbeitete er als Agent für den Verfassungsschutz.

Spion Urbach sollte die linke studentische Szene gezielt kriminalisieren. Der Plan ging auf. Der V-Mann versorgte SDS-Mitglieder sogar mit Sprengsätzen und Schusswaffen.

Auch die Geschichte der terroristischen Roten Armee Fraktion wäre ohne Urbach anders verlaufen. Er besorgte einem der Gründungsmitglieder eine Waffe - und lieferte 1970 Topterrorist Andreas Baader ans Messer. Danach tauchte der Spitzel unter.

Der Mann mit dem Koffer: Klaus-Dieter Engelbert

Da lag die Spionage im Tübinger Uni-Milieu schon lange zurück: Klaus-Dieter Engelbert im April 2012
Klaus Franke

Da lag die Spionage im Tübinger Uni-Milieu schon lange zurück: Klaus-Dieter Engelbert im April 2012

Im Jahr 1973 ging der Tübinger Staatsschützer Klaus-Dieter Engelbert in die Geschichte ein - als "Mann mit dem Koffer". Damals protestierten die Studenten der Eberhard-Karls-Universität gegen eine Reform des Landeshochschulgesetzes, die eine politische Entmündigung der Allgemeinen Studierendenausschüsse vorsah. Hörsäle und Seminare wurden bestreikt.

Engelbert sollte eine Gruppe von Studenten observieren, denen man vorwarf, Straftaten begangen zu haben. Vom Fenster eines Cafés aus fotografierte der Spion am 27. Juni 1973 eine Demo. Eine Studentin entdeckte ihn, mehrere Kommilitonen stürmten daraufhin die Treppe des Gebäudes hinauf. Sie überwältigten Engelbert und nahmen ihm seinen Koffer ab, darin eine Pistole und eine Fotoausrüstung. Die Affäre sorgte seinerzeit ebenso für Furore wie Jahrzehnte später der Fall Brenner.

Stasimethoden: Erich Mielke

Er schnüffelte nicht persönlich, aber schicke seine Spione an westdeutsche Hochschulen: Stasi-Chef Erich Mielke (l.)
Getty Images

Er schnüffelte nicht persönlich, aber schicke seine Spione an westdeutsche Hochschulen: Stasi-Chef Erich Mielke (l.)

Auch der DDR-Geheimdienst hatte unter der Leitung Erich Mielkes etliche Spitzel an den westdeutschen Unis installiert. Sie sollten Kommilitonen für den Sozialismus gewinnen oder Forschungsergebnisse beschaffen, wie es in einem Lehrbuch hieß.

Mindestens 25 Hochschulen hatte die Stasi im Visier, darunter die in Köln, München und Münster. Die Spitzel schnüffelten in erster Linie jenen Professoren und Kommilitonen hinterher, die sich kritisch zum DDR-Regime geäußert hatten. Erst nach dem Mauerfall fanden viele ehemalige Studenten heraus, dass sie ausgeforscht worden waren.

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