Spione wider Willen
Russischer Geheimdienst horcht Deutschland-Stipendiaten aus
"Wie war es denn so in Deutschland?" Diese Frage stellen jungen Russen, die von einem Auslandsaufenthalt zurückkehren, nicht nur Freunde und Verwandte. Auch der russische Geheimdienst interessiert sich für die Erkenntnisse der Spione wider Willen.
Junge Russen, die mit Hilfe von Journalismus-Stipendien oder dem parlamentarischen Austauschprogramm des Bundestags nach Deutschland kommen, werden nach ihrer Rückkehr offenbar systematisch vom russischen Inlandsnachrichtendienst FSB ausgehorcht. Das berichtet DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe.
Von rund 100 Stipendiaten, die bislang im Rahmen des Programms "Journalisten International" nach Deutschland kamen, sind nach Aussage des Projektleiters, des ehemaligen Intendanten des Senders Freies Berlin,
Günther von Lojewski, "rund ein Dutzend" Absolventen anschließend vom FSB einvernommen worden.
Neben Austauschwissenschaftlern, Studenten und Praktikanten
in Unternehmen interessiert sich der Geheimdienst offenbar besonders für Absolventen des Austauschprogramms des deutschen Bundestags. Mindestens acht junge Russen, die im Rahmen der "Internationalen Parlaments-Praktika" Bundestagsabgeordnete begleitet haben, sollen anschließend Besuch vom FSB bekommen haben. Der Leiter des Programms, der CDU-Abgeordnete Wolfgang Börnsen, äußerte in einem Brief an Außenminister Joschka Fischer "große Sorge" über
die Kontaktierung der Stipendiaten durch den FSB.
Inzwischen hat sich der Minister des Problems angenommen. Das Auswärtige Amt habe veranlasst, antwortete
Fischer am 30. April, "dass dem russischen Inlandsdienst auf geeignetem Weg deutlich gemacht wurde, dass eine nachrichtendienstliche Kontaktaufnahme mit den
Stipendiatinnen und Stipendiaten zum Zweck der Informationsgewinnung für die Bundesregierung nicht hinnehmbar wäre".