Frauenfußball an US-Hochschulen Ich kicke, also nehmt mich!

Fußballerinnen sind in den USA heiß begehrt: Colleges und Hochschulen suchen in Deutschland nach Talenten und bieten hoch dotierte Stipendien. Die Freiburgerin Jana Linke nutzte die Chance. Bereut hat sie das nicht, aber nach der nächsten Saison will sie zurück.

Patrick Seeger / SC Freiburg

Von Mathias Peer


Um ein Studienplatz bewerben musste sich Jana Linke nicht, die amerikanischen Colleges rissen sich um sie: 16 Stipendien-Angebote hatte die heute 22-jährige Freiburgerin - bevor sie überhaupt ihr Abitur bestanden hatte. "Ich kam mit dem Schreiben von Absagen kaum hinterher", sagt sie.

Zu der Zeit spielte sie als Innenverteidigerin beim SC Freiburg in der Bundesliga - das machte sie begehrt. Um sie für ihr Fußballteam zu gewinnen, wetteiferten die US-College-Trainer mit Stipendien. Jana entschied sich für das Tusculum College, das älteste College in Tennessee. Der Wert ihres Stipendiums: 20.000 Dollar, rund 16.300 Euro.

Etwa tausend amerikanische Hochschulen haben Frauenfußball-Mannschaften. Weil der Nachwuchs knapp ist, sehen sich die Trainer auch im Ausland um, für sie gilt Deutschland als einer der wichtigsten Talentexporteure. Wer hier im Juniorenbereich in den oberen beiden Spielklassen spiele, habe beste Chancen in den USA, sagt Philipp Liedgens, Geschäftsführer der Stipendienberatung Sport-Scholarships.

Das sieht auch Karen Hoppa so, sie ist Trainerin der Auburn Tigers, der Frauenfußball-Mannschaft an der Auburn University in Alabama. Acht Mal erreichte sie mit ihrem Team in den vergangenen zehn Jahren den Einzug in das Turnier der 64 besten amerikanischen Hochschulen. Um das Niveau zu halten, flog sie kürzlich nach Deutschland zur Sportschule Duisburg-Wedau. Hier trägt der Deutsche Fußball-Bund jedes Jahr den Länderpokal der besten Jungspielerinnen aus. "Die Qualität hat mich beeindruckt", sagt die Trainerin. Rund 15 Spielerinnen würden gut in ihr Team passen, mit ihnen hat sie Adressen ausgetauscht.

Dienstleister helfen bei der Stipendiensuche

Hoppa und ihre Kollegen betreiben den Aufwand nicht nur aus Prestigegründen: In den USA ist Hochschulsport ein milliardenschweres Geschäft. Die Spiele der besten Teams werden landesweit live im Fernsehen übertragen, herausragende Athleten avancieren zu Stars. Für die Hochschulen bedeutet das: Wer sportlich zur Spitze gehört, profitiert von den Einnahmen aus den TV- und Sponsoring-Verträgen - und bekommt durch die Aufmerksamkeit einen kräftigen Schub bei den Bewerberzahlen. Zwar haben Sportarten wie Football und Basketball immer noch den größten Stellenwert, aber der Frauenfußball holt auf.

Die wenigen deutschen Fußballerinnen werden aber von Trainern wie Hoppa entdeckt. Größere Chancen auf ein Stipendium haben sie, wenn sie auf sich aufmerksam machen. In den vergangenen Jahren haben sich dafür mehrere Dienstleister etabliert: Berater wie Maivon, Sport-Scholarship und Soccerships bewerten das sportliche Niveau der Interessenten. Für die besten erstellen sie ein Online-Profil und schicken die Daten an die Trainer.

Sechs bis zwölf Monate später könne fast jede Interessentin aus mehreren Angeboten auswählen, sagt Geschäftsführer Philipp Liedgens. "Wenn es wider Erwarten doch nicht klappt, liegt das fast immer daran, dass die Spielerin entweder den Schulabschluss nicht geschafft oder es sich einfach anders überlegt hat." Zwar könnten Sportlerinnen auch in anderen Sportarten ein Stipendium ergattern, Tennis, Hockey und Golf beispielsweise, so gut wie im Frauenfußball seien die Erfolgschancen aber nirgendwo sonst.

Hartes Training, leichtes Studium

Auch Jana Linke bekam ihr Stipendium über eine Agentur. 190 Euro zahlte sie für die Erstellung des Profils, hinzukamen 2400 Euro Provision, nachdem sie den Stipendienvertrag unterschrieben hatte. Alle Kosten deckt das Stipendium nicht: Rund 7.000 Euro zahlt sie jährlich selbst. "Ich finde das nicht wirklich schlimm", sagt Jana. In Deutschland hätte ein Studienjahr letztlich mehr gekostet, vermutet sie.

Im August vergangenen Jahres startete ihr Studium, für Sportwissenschaften hatte sie sich eingeschrieben. Zum ersten Mal flog sie alleine, von ihren Eltern war sie noch nie so weit entfernt. Im Flugzeug wuchs die Nervosität: Kann ich mit den Amerikanerinnen mithalten, fragte sie sich. Übertriebene Erwartungen hatte sie aber nicht: "Es war nicht mein Traum, Profispielerin zu werden", sagt sie. "Mir war klar, dass das selbst in den USA, wo der Frauenfußball viel weiter ist, wahnsinnig schwer ist." Sie wollte vor allem Erfahrungen sammeln, sich weiterentwickeln.

Trainer Mike holte sie am Flughafen ab, eine Ehre, die nur den Erstsemestern aus dem Ausland zuteil wird. Auf dem Weg zum College spendierte er einen Salat mit Putenbruststreifen. "Die letzte ordentliche Mahlzeit, danach wurde das Essen miserabel", sagt Jana. Täglich auf der Mensa-Karte: Pizza, Pommes, Hamburger und Hot Dogs. Sonderbehandlungen durch den Trainer waren dann auch passé.

In den ersten Monaten hat sie viermal in der Woche trainiert, hinzukamen zwei bis drei Spiele. Für das nationale Turnier qualifizierte sich ihre Mannschaft aber nicht, damit endete die Saison früh. Sie sei natürlich enttäuscht gewesen, sagt Jana. Dafür begann für sie jetzt das Studentenleben: Tagsüber lernen, abends Party. Wofür während der Saison keine Zeit war, holte sie jetzt nach. Das Studium forderte sie nicht so sehr, im ersten Jahr standen vor allem Grundlagenkurse wie Mathematik und Englisch auf dem Stundenplan. "Es war nicht besonders schwer - ähnlich wie in der Oberstufe", sagt Jana.

Derzeit ist sie in Deutschland, besucht Eltern und Freunde, Anfang August startet das neue Semester. Eine Saison will sie noch im College-Team spielen, dann kommt sie zurück - obwohl ihr in den USA ein deutlich höher dotiertes Stipendium angeboten wurde. "Ich habe das Gefühl, dass ich hier bei weitem nicht so viel lerne, wie es an einer deutschen Uni möglich wäre", sagt Jana. Die Zeit in den USA werde sie aber nicht bereuen - das Stipendium habe ihr schon jetzt was gebracht: "Sportlich bin ich fitter geworden und persönlich verändert habe ich mich auch." Ein relativ zurückhaltender Mensch sei sie gewesen, als sie aufbrach. "Heute kann ich viel offener auf andere zugehen."

Im nächsten Jahr will sie Medizintechnik studieren - am besten in einer Stadt mit gutem Frauenfußball-Team. Den Sport will sie nämlich auf keinen Fall aufgeben. Ihre Mannschaft in Amerika und das harte Training werde sie am meisten vermissen, sagt Jana - und auch manch ein Highlight: Zu Beginn der kommenden Saison schickt ihr College sie zum einwöchigen Trainingslager nach Hawaii.

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Version des Artikels zeigte ein Bild, auf dem nicht Jana Linke, sondern eine andere Fußballerin zu sehen war. Wir haben den Fehler korrigiert.

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Seite 1
herrdörr 08.08.2012
1. Einen Bachelor aus den USA ...
... kombiniert mit einem Master in Deutschland ist unschlagbar. Ich wäre drüben geblieben.
lug&trug 08.08.2012
2. Ein Bachelor aus den USA...
Zitat von herrdörr... kombiniert mit einem Master in Deutschland ist unschlagbar. Ich wäre drüben geblieben.
... ist etwa wie die deutsche gymnasiale Oberstufe plus 2 Jahre (Grund-)Studium, also für einen Deutschen mit Abitur eigentlich 2 vergeudete Jahre mit Pflichtkursen wie "social problems" oder "religious studies" (je nach College), egal welches Hauptfach man studiert. Was daran "unschlagbar" sein soll, erschließt sich mir nicht. Der Master hier ist eigentlich das gleiche wie das frühere Diplom, während der dortige Master an einer guten Uni wohl eher etwas anspruchsvoller (da wissenschaftlicher ausgerichtet) ist. Oder meinen Sie "unschlagbar" in Bezug auf den nötigen Arbeitsaufwand?
hador2 08.08.2012
3.
Zitat von lug&trug... ist etwa wie die deutsche gymnasiale Oberstufe plus 2 Jahre (Grund-)Studium, also für einen Deutschen mit Abitur eigentlich 2 vergeudete Jahre mit Pflichtkursen wie "social problems" oder "religious studies" (je nach College), egal welches Hauptfach man studiert. Was daran "unschlagbar" sein soll, erschließt sich mir nicht. Der Master hier ist eigentlich das gleiche wie das frühere Diplom, während der dortige Master an einer guten Uni wohl eher etwas anspruchsvoller (da wissenschaftlicher ausgerichtet) ist. Oder meinen Sie "unschlagbar" in Bezug auf den nötigen Arbeitsaufwand?
Solche pauschalen Aussagen sind immer wenig hilfreich. Es kommt sehr wohl auf die Wahl der Uni sowie auf das Hauptfach an. Es gibt Fächer und Unis (und zwar nicht nur teure Privatunis) an denen ist der US-Bachelor allemal sinnvoller als das was man in Deutschland heute Bachelor nennt. Womit sie recht haben ist, dass in den USA die Pflichtkurse teilweise wenig mit dem eigentlichen Studienfach zu tun haben....was ich aber nicht immer als negativ sehen würde. Hierzulande hat man das andere Extrem, da bleibt inzwischen in vielen Fächern kaum noch Zeit überhaupt mal in eine andere Richtung reinzuschnuppern.
lug&trug 08.08.2012
4.
Zitat von hador2Solche pauschalen Aussagen sind immer wenig hilfreich. Es kommt sehr wohl auf die Wahl der Uni sowie auf das Hauptfach an. Es gibt Fächer und Unis (und zwar nicht nur teure Privatunis) an denen ist der US-Bachelor allemal sinnvoller als das was man in Deutschland heute Bachelor nennt. Womit sie recht haben ist, dass in den USA die Pflichtkurse teilweise wenig mit dem eigentlichen Studienfach zu tun haben....was ich aber nicht immer als negativ sehen würde. Hierzulande hat man das andere Extrem, da bleibt inzwischen in vielen Fächern kaum noch Zeit überhaupt mal in eine andere Richtung reinzuschnuppern.
Kein Widerspruch, aber da habe ich auch nie was anderes behauptet. Der hiesige Bachelor muss erst noch zeigen, was er taugt. Stimmt auch, aber genau dafür gibt es bei uns die gymnasiale Oberstufe, die in den USA wohlgemerkt nicht existiert. Und wer will, kann natürlich auch in D-Land beim Studium in andere Richtungen reinschnuppern; aber er wird halt nicht zu Sachen *verpflichtet*, die ihn überhaupt nicht interessieren und nichts mit dem Fach zu tun haben. Diese Selbständigkeit und Wahlfreiheit ist klassischerweise genau der Unterschied zwichen Schule und Studium. Letztendlich ist das Ganze aber auch schlicht ein kultureller Unterschied: hier ist ein Studium nicht notwendig für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn, weil es z.B. im Handwerk das Ausbildungssystem gibt. In den USA braucht man für nachezu alles, was keine Hilfsarbeitertätigkeit ist, einen Collegeabschluss (=Bachelor). Eine Krankenschwester hat dort halt z.B. Nursing studiert (oder auch was ganz anderes, man hat ja mit dem College auch Allgemeinbildung erlangt und andere Skills erworben). Allein von daher ist und bleibt eine Vergleichbarkeit trotzt derselben Benennung der Abschlüsse schwierig bis unmöglich.
hador2 08.08.2012
5.
Zitat von lug&trugKein Widerspruch, aber da habe ich auch nie was anderes behauptet. Der hiesige Bachelor muss erst noch zeigen, was er taugt. Stimmt auch, aber genau dafür gibt es bei uns die gymnasiale Oberstufe, die in den USA wohlgemerkt nicht existiert. Und wer will, kann natürlich auch in D-Land beim Studium in andere Richtungen reinschnuppern; aber er wird halt nicht zu Sachen *verpflichtet*, die ihn überhaupt nicht interessieren und nichts mit dem Fach zu tun haben. Diese Selbständigkeit und Wahlfreiheit ist klassischerweise genau der Unterschied zwichen Schule und Studium. Letztendlich ist das Ganze aber auch schlicht ein kultureller Unterschied: hier ist ein Studium nicht notwendig für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn, weil es z.B. im Handwerk das Ausbildungssystem gibt. In den USA braucht man für nachezu alles, was keine Hilfsarbeitertätigkeit ist, einen Collegeabschluss (=Bachelor). Eine Krankenschwester hat dort halt z.B. Nursing studiert (oder auch was ganz anderes, man hat ja mit dem College auch Allgemeinbildung erlangt und andere Skills erworben). Allein von daher ist und bleibt eine Vergleichbarkeit trotzt derselben Benennung der Abschlüsse schwierig bis unmöglich.
Naja, sie schrieben ein deutscher Abiturient würde in den USA zwangsläufig und unabhängig vom Fach 2 Jahre verschenken. Das stimmt aber so halt nicht. Genau das ist mit dem neuen Bachelorsystem fast nicht mehr möglich und auch schon vorher war das bei weitem nicht bei allen Fächer drin. Gerade in den Naturwissenschaften und bei den technischen Fächern bleibt in Deutschland kaum Zeit irgendwas anderes zu machen. Ja, da haben sie meine volle Zustimmung. Deshalb ist es ja auch so lächerlich wenn es bei internationalen Vergleichen heißt die Studentenquote in Deutschland sei so viel niedriger als in den USA oder andernorts.
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