Sportstudium Dicker Bizeps und Pferdelunge sind nicht alles

An den harten Eignungstest scheitern viele. Und wer es doch ins Studium schafft, wird oft durch Verletzungspausen ausgebremst. Trotzdem ist ein Sportstudium bei Abiturienten sehr beliebt - dabei haben viele Jobs nach dem Examen nur am Rande mit Sport zu tun.

Aufnahmetest der Sporthochschule: Angstdisziplin Kugelstoßen - "bitte nicht werfen"
dpa

Aufnahmetest der Sporthochschule: Angstdisziplin Kugelstoßen - "bitte nicht werfen"


Sportstudenten werden von Kommilitonen aus anderen Fächern gern ein wenig belächelt. Schließlich geht es im Sport doch bloß um Muskeln. Was kann man da schon lernen außer Weisheiten wie "Der Ball ist rund"? In Wahrheit ist das Fach nicht zu unterschätzen. Und auf dem Arbeitsmarkt sind Absolventen gefragt - vorausgesetzt, sie haben mehr zu bieten als nur gute Zeiten auf der Laufbahn.

Auch angehende Sportstudenten haben oft falsche Vorstellungen vom Fach. Viele machten den Fehler, dass sie aktiv Sport machen wollen und sich deshalb für ein Sportstudium entscheiden, sagt Stephanie Ebbert, Leiterin der Studienberatung an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln. "Aber man muss sich von vornherein klarmachen, welche Kompetenzen man hat und was man damit später im Beruf anfangen will." Leistungssportler zu werden, sei für die meisten einfach keine realistische Perspektive.

In Köln gibt es vier Bachelor-Studiengänge mit unterschiedlichen Schwerpunkten: "Sportmanagement und Sportkommunikation" bereitet die Studenten auf Posten im Vereinsmanagement oder im Sportartikel-Marketing vor. Wer "Sport, Gesundheit und Prävention" studiert, kann später zum Beispiel in Reha-Kliniken oder Seniorenheimen arbeiten. In "Sport, Erlebnis und Bewegung" gehen Absolventen etwa in den Sporttourismus. Nur im relativ kleinen Studiengang "Sport und Leistung" geht es um Leistungssport. Andere Hochschulen bieten auch noch Journalistik oder Informatik für den Sportbereich an.

An der Eignungsprüfung scheitern viele

"Das sind fast alles Berufe, in denen man nicht viel Sport treibt", betont Studienberaterin Ebbert. "Wer zum Beispiel in einer Rehabilitationseinrichtung arbeiten will, dem muss klar sein, dass er dort vor allem alte und kranke Menschen anleitet." Außerdem sind es fast alles Berufe, in denen man nicht allzu viel Geld verdient. Nur 1300 bis 1900 Euro netto verdienen Diplom-Absolventen ein bis drei Jahre nach dem Abschluss, hat die Absolventenstudie 2010 der DSHS ergeben.

Sportmanagement-Studenten kommen aber immer häufiger in Branchen unter, die gar nichts mit Sport zu tun haben. "Die Arbeitgeber schätzen die Ausdauer, die Leidensbereitschaft und den Teamgeist, den Sportstudenten im Studium bewiesen haben", sagt Ebbert.

Bekannt sind die Sport-Studiengänge vor allem für ihre knüppelharten Aufnahmetests, bei denen es nicht nur auf Muskelkraft und Ausdauer, sondern auch auf die richtige Technik ankommt. Die Durchfallquoten bei der Sporteignungsprüfung sind legendär: In Köln zum Beispiel stehen 20 Disziplinen an einem einzigen Tag an - in mindestens 19 müssen die strengen Vorgaben erfüllt werden, denn schon beim zweiten "Defizit", wie es die Prüfer nennen, ist ein Kandidat aus dem Rennen.

"Das darf man nicht zu lax nehmen, sondern muss sich gut vorbereiten", sagt der Sportstudent Jonathan Schaller. "Wenn ich in einer Sportart Bundesliga bin, dann reicht das noch lange nicht." Welche Leistungen erwartet werden, ist von Uni zu Uni unterschiedlich.

Lernen zwischen Tartanbahn und Hörsaalbänken

Sind sie dann erstmal drin, lernen Sportstudenten allen Vorurteilen zum Trotz nicht nur auf der Tartanbahn, sondern vor allem im Vorlesungssaal und im Labor. Etwa die Hälfte der Zeit nimmt der Bereich Sportwissenschaft ein, erklärt Frederik Borkenhagen von der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS) in Hamburg. Dabei geht es etwa um die Frage, was beim Training im Körper passiert und wie die Muskeln reagieren.

Ganz wichtig sei die Verzahnung von Theorie und Praxis. "Im Seminarraum werden biomechanische Prinzipien erörtert, und dann geht man raus, nimmt einen Diskus in die Hand und probiert das mit den Beschleunigungskräften einfach aus", sagt Borkenhagen. Rund 40 Prozent der Studienzeit ist für Theorie und Praxis einzelner Sportarten eingeplant, der Rest für Praktika.

Die Sport-Fakultäten arbeiten seit einigen Jahren verstärkt am wissenschaftlichen Renommee ihres Fachs. Forscher publizieren zunehmend in Englisch, um der deutschen Sportwissenschaft nach und nach zu internationaler Bedeutung zu verhelfen. Im vergangenen Jahr haben sich die Sportwissenschaftler erstmals am Hochschulrankings des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) beteiligt. "Das Fach Sport präsentiert sich an den Hochschulen heute mit Forschungsergebnissen und nicht wie früher nur mit Bewegungsangeboten bei bunten Nachmittagen", sagt Borkenhagen.

Verletzungspausen gehört zu beinahe jedem Sportstudium

Unterschätzen sollte man die Anforderungen des Studiums nicht. "Eigentlich hat jeder Sportstudent durch das harte Training eine Verletzungsphase", sagt Jonathan Schaller. Er ist Vorsitzender der Sport-Fachschaft an der Uni Freiburg. Studenten würden bewusst an ihre Leistungsgrenzen geführt, sagt dazu DVS-Geschäftsführer Borkenhagen. "Da gibt es schon einige, die sagen: Ich will doch Sportmanager werden - weshalb muss ich dafür den Felgaufschwung können?" Aber man müsse wissen, was es heißt, sportliche Leistung zu erbringen. "Wenn Sie später Marketing für Sporttextilien machen wollen, sollten Sie aus eigener Erfahrung wissen, wie die Zielgruppe tickt."

Die Schule ist nach wie vor der wichtigste Arbeitsplatz für Sportwissenschaftler. Zwei Drittel der Absolventen werden nach DVS-Angaben Lehrer. Sie müssen in viele Sportarten fit sein. "Man kann Schülern eine Übung einfach am besten erklären, wenn man sie selbst beherrscht", sagt Schaller, der ebenfalls auf Lehramt studiert.

Allerdings werden Sportlehrer an den Schulen nicht gerade gesucht. "Gerade in den nächsten Jahren sind die Chancen für Sportlehrer nicht so gut", sagt Schaller. Wer mit dem Fach eine gute Stelle finden will, sollte deshalb möglichst noch ein, zwei andere Fächer studieren, für die gerade Lehrer gebraucht werden.

Marc Herwig, dpa

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
lawinchen, 06.06.2010
1. Ich mag mich täuschen ...
Zitat von sysopAn den harten Eignungstest scheitern viele. Und wer es doch ins Studium schafft, wird oft durch Verletzungspausen ausgebremst. Trotzdem ist ein Sportstudium bei Abiturienten sehr beliebt - dabei haben viele Jobs nach dem Examen nur am Rande mit Sport zu tun. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,698652,00.html
... aber ich meine mich zu erinnern, daß die Eignungstest-Kriterien vor zwanzig Jahren noch deutlich höher lagen. Eine Pferdelunge braucht es für 1:40 über 100m Freistil jedenfalls nicht, die schaffe ich als Mittvierziger heute noch locker. 1:40min ist die Minimalgeschwindigkeit, um auf der Distanz nicht zu ertrinken. Ein dicker Bizeps muß es für 7,60m im Kugelstoßen ebenfalls nicht sein, sofern die Technik auch nur rudimentär beherrscht wird. Gerade die SpoHo Köln war in den 80ern für eine brutale Aufnahmeprüfung bekannt, das hier erinnert mich eher an das Ehrenurkunden-Niveau der alten Bundesjugendspiele.
sportler101 06.06.2010
2. Feldaufschwung?
Die Übung heisst doch immer noch "Felgaufschwung"!
albert schulz 06.06.2010
3. wieder mal fachlich total überqualifiziert
Ein bißchen oberflächlich. Man muß in jeder Sportart überdurchschnittliche Leistungen erbringen, und dazu gehört jede Menge körperliches Training. Ein schlaksiger Jüngling etwa hat im Turnen ganz schlechte Karten, weil nicht die Schwierigkeit der Übung, sondern die formale Ausführung höher bewertet wird. Dabei geht es sehr wohl um Techniken und nicht um Muskelpakete. Einfachstes Beispiel ist das Turnen. Mit einem gutausgebildeten Trizeps kann man einige schwierige Übungen absolvieren, an den Ringen hilft aber nur ein bärenstarker Bizeps, und das berücksichtigen die Schleifer gesichert. Es gibt eben zwei Ziele. Erstens den Leistungssportler heranzüchten, den man als Sportler schätzt, zweitens den All-round – Sportler, den man als Sportlehrer benötigt. Ausdauersportarten (Pferdelunge) sind bei der Ausbildung übrigens ausgesprochene Stiefkinder, weil sie zuviel Zeit verschlingen. Das macht der Student in den Abendstunden und am Wochenende. An Sportabsolventen fällt immer auf, daß sie anders denken, auch einfacher und konkreter. So sind sie körperlich wie geistig weit weniger prüde als die Geistesheroen, sie schätzen ihre Gegner, und sie machen Schwächere nicht zur Sau, sondern nehmen sie mit. Wenn der Gegner gewinnt, war er nicht besser, sondern man selbst war schwächer. Daß solche Fähigkeiten in der Industrie geschätzt werden, wäre mir völlig neu. Wenn Chefs von Teamfähigkeit reden meinen sie absoluten Gehorsam. Ganz nebenbei auch ein Thema der Sportausbildung, ererbt von unseren Altvorderen, bei denen der Drill einen hervorragenden Rang einnahm, da Sport früher nichts anderes war als Wehrertüchtigung. Außerdem werden Sportlehrer gesucht, aber da die Landesregierungen sparen müssen, wird der Sportunterricht in gemeingefährlicher Weise geschlabbert, was gerade bei Stadtkindern an krimineller Bösartigkeit kaum zu übertreffen ist.
Newspeak, 06.06.2010
4. ...
Zitat von albert schulzEin bißchen oberflächlich. Man muß in jeder Sportart überdurchschnittliche Leistungen erbringen, und dazu gehört jede Menge körperliches Training. Ein schlaksiger Jüngling etwa hat im Turnen ganz schlechte Karten, weil nicht die Schwierigkeit der Übung, sondern die formale Ausführung höher bewertet wird. Dabei geht es sehr wohl um Techniken und nicht um Muskelpakete. Einfachstes Beispiel ist das Turnen. Mit einem gutausgebildeten Trizeps kann man einige schwierige Übungen absolvieren, an den Ringen hilft aber nur ein bärenstarker Bizeps, und das berücksichtigen die Schleifer gesichert. Es gibt eben zwei Ziele. Erstens den Leistungssportler heranzüchten, den man als Sportler schätzt, zweitens den All-round – Sportler, den man als Sportlehrer benötigt. Ausdauersportarten (Pferdelunge) sind bei der Ausbildung übrigens ausgesprochene Stiefkinder, weil sie zuviel Zeit verschlingen. Das macht der Student in den Abendstunden und am Wochenende. An Sportabsolventen fällt immer auf, daß sie anders denken, auch einfacher und konkreter. So sind sie körperlich wie geistig weit weniger prüde als die Geistesheroen, sie schätzen ihre Gegner, und sie machen Schwächere nicht zur Sau, sondern nehmen sie mit. Wenn der Gegner gewinnt, war er nicht besser, sondern man selbst war schwächer. Daß solche Fähigkeiten in der Industrie geschätzt werden, wäre mir völlig neu. Wenn Chefs von Teamfähigkeit reden meinen sie absoluten Gehorsam. Ganz nebenbei auch ein Thema der Sportausbildung, ererbt von unseren Altvorderen, bei denen der Drill einen hervorragenden Rang einnahm, da Sport früher nichts anderes war als Wehrertüchtigung. Außerdem werden Sportlehrer gesucht, aber da die Landesregierungen sparen müssen, wird der Sportunterricht in gemeingefährlicher Weise geschlabbert, was gerade bei Stadtkindern an krimineller Bösartigkeit kaum zu übertreffen ist.
Vielleicht gilt das unter Kommilitonen, gegenüber sportlich schwachen späteren Schülern gilt das häufig nicht mehr. Ich habe im Schulsport vor allem Ausgrenzung erlebt und keinen Teamgeist. Schwächere wurden schikaniert und diskriminiert, die vielbeschworene Einigungskraft des Sports hat nur unter denen funktioniert, die sportlich fähig waren und sich deshalb in irgendeiner Weise als auserwählte und bessere Menschen empfunden haben. Was im übrigen Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz betrifft. Jeder, der meint, das mal kennenlernen zu wollen, sollte ein Hardcore naturwissenschaftliches Studium absolvieren. Und unter Naturwissenschaftlern gibt es später auch enormen Wettbewerb, jedoch in der Regel ohne den fachlich schwächeren Kollegen abzuwerten, weil es in diesem Fall nicht allein am fachlichen Können liegt, wenn sich z.B. eine intellektuell herausfordernde Theorie als praktisch falsch erweist.
albert schulz 06.06.2010
5. Bachelor
Noch mal genauer gelesen. Bachelor ist kein Sportlehrer, sondern bestenfalls ein Übungsleiter. Und der bekommt bestenfalls A11, also so was wie ein Streifenpolizist, meist wird er aber gar nicht beamtet, sondern fristet als Bedarfsangestellter mit Zeitverträgen seinen Unterhalt, ziemlich mies bezahlt. Er darf nämlich gar nicht Referendar werden, also beamteter Lehrer des höheren Dienstes.
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