Sprachkurse für Ausländer "Schule aus, Deutsch aus"

Am 1. Januar tritt das neue Zuwanderungsgesetz in Kraft. Erstmals müssen neu ankommende Immigranten Pflichtkurse in Deutsch belegen. Schülern und Sprachschulen steht eine kleine Revolution bevor.

Von Florian Peil


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Berlin - "Ich interessiere mich für antike Münzen", sagt Tamer Akkoyun aus Istanbul. Sein Satz kommt stockend, aber fehlerfrei. Dozentin Sabine Mohns lobt und ruft den nächsten ihrer sieben erwachsenen Schüler auf. Reflexive Verben sind das Thema, jeder muss dazu einen Satz erfinden. Murat Tascioglu aus Yozgat in der Türkei überlegt kurz, grinst und sagt dann zu seiner Dozentin: "Ich verliebe mich in sein' Tante." Der Kurs lacht. Deutsch verstehen ist leichter als Deutsch sprechen, soviel ist klar nach drei Monaten Unterricht an der Hartnackschule in Berlin-Schöneberg.

Die meisten Teilnehmer des Deutschkurses sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen. Sie stammen aus der Türkei, Albanien, Syrien und Russland. Viele von ihnen sind Kurden. Den Kurs besuchen sie freiwillig - vor allem um ihre Berufschancen zu verbessern, um studieren oder eine Ausbildung machen zu können. Natalia Nekipelova etwa will erst ihr Abitur nachmachen, um anschließend Ökonomie zu studieren. In Russland hatte die 22-jährige als Buchhalterin gearbeitet. Sokol Kyreakopoulou aus Albanien hingegen will nach dem Kurs wieder als Fliesenleger arbeiten.

Das Gesetz schreibt Integrationskurse vor

Doch so viel Engagement zeigen nicht alle Zuwanderer. Viele Ausländer hierzulande sprechen nur wenig bis gar kein Deutsch - auch wenn sie schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Das trifft besonders auf die erste Generation von Arbeitsmigranten zu, die in den sechziger Jahren nach Deutschland kamen. "Viele dieser Männer hatten kaum Kontakt zu Deutschen", sagt Monika Wünsch, Koordinatorin für Integrationskurse und Deutschlehrerin an der Hartnackschule in Berlin. "Auf der Arbeit gab es vielleicht einen türkischen Vorarbeiter oder einen türkischen Meister und sonst nur türkische Freunde. Wo sollen die denn Deutsch gelernt haben?"

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Die Sprachlosigkeit vermeiden helfen soll das neue Zuwanderungsgesetz, das am 1. Januar in Kraft tritt. Jeder neue Einwanderer aus einem Nicht-EU-Land muss künftig einen Integrationskurs besuchen. Dieser umfasst einen Sprachkurs mit 600 Stunden und 30 Stunden Orientierungskurs, der Grundlagen über Kultur, Geschichte und Recht in Deutschland vermitteln soll.

Jeder Zuwanderer, der eine unbefristete Niederlassungserlaubnis will, muss künftig den erfolgreichen Abschluss dieser Kurse nachweisen. Schulschwänzern drohen Strafen - im schlimmsten Fall dürfen sie nicht dauerhaft bleiben. Es sei denn, sie können alle fünf Jahre einen vorrangigen Grund für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung vorlegen, wie zum Beispiel eine Ehe.

Lehrinhalte bis ins kleinste Detail festgelegt

Anspruch auf einen finanziell geförderten Kurs haben zunächst nur Immigranten, die neu ins Land kommen. Die Gruppe der so genannten Bestandsausländer, die seit mehr als zwei Jahre in Deutschland leben, werden hingegen abwarten müssen, ob für sie dann noch Plätze frei sind. Das für die Integrationskurse zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) rechnet für 2005 mit einer Verdopplung der Teilnehmerzahlen von 70.000 auf 138.000. Gleichzeitig sollen die Zuwendungen von 169 auf 208 Millionen Euro steigen.

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Doch ob das neue Zuwanderungsgesetz den Sprachschulen einen Boom bescheren wird oder nur ein Mehr an Bürokratie, darüber sind sich die Kursträger noch uneins. Denn um die Programme ab Januar 2005 überhaupt anbieten zu können, wurden die Bestimmungen geändert - mit dem Ziel, das Niveau des Unterrichts zu erhöhen. Dafür hat das BAMF verbindliche Vorgaben erarbeitet. Um einheitliche Standards in den Schulen zu garantieren, ist im neuen Zuwanderungsgesetz bis ins kleinste Detail festgelegt, wie Lehrinhalt und Grundstruktur der Kurse auszusehen haben.

"Ich sehe das so plusminus", beschreibt Henning Lauterbach, Leiter der Hartnackschule in Berlin, seine Erwartungen. Verbindliche Vorgaben seien grundsätzlich zwar zu begrüßen, einige Regelungen bereiteten ihm jedoch Kopfzerbrechen. Dazu gehörten unter anderem die gestiegenen Anforderungen an die Qualifikation der Deutschlehrer.

Deutsch lernen ohne Kontakt zu Deutschen?

Denn neben einer "hohen fachlichen Qualifikation" verlangt das BAMF auch eine "hohe pädagogische sowie interkulturelle Kompetenz", wie es in einem Papier des Ministeriums heißt. Unterrichten darf künftig nur noch, wer ein abgeschlossenes Studium in Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache studiert hat. Alle anderen müssen sich weiterbilden. Lauterbach kritisiert diesen Fortbildungszwang: "Wir haben bei uns hoch qualifizierte Lehrer mit unterschiedlichen Universitätsabschlüssen, die seit zehn bis 15 Jahren Deutsch unterrichten - wozu brauchen die denn eine Nachqualifizierung?"

Trotz aller bürokratischer Regelwut bleibt ein Problem, das auch die umfangreichste Reform nicht wird beseitigen können: Wie sollen Immigranten Deutsch lernen, wenn kein Deutscher da ist? Wenn die Kontakte mit Deutschen auf den Unterricht beschränkt bleiben?

Damit haben auch die Schüler an der Hartnackschule zu kämpfen. Fast alle leben in Berliner Stadtvierteln wie Wedding oder Neukölln, in denen viele Bewohner Ausländer sind. Satellitenschüsseln bringen hier das türkische, arabische oder russische Fernsehprogramm ins Wohnzimmer. Der Bäcker und der Gemüsehändler sind Türken, Fleisch kauft man beim ägyptischen Metzger. Deutschkenntnisse sind in solchen Gegenden meist unnötig - "Schule aus, Deutsch aus", bringt Murat Tascioglu die Situation auf den Punkt.



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