Sprachtest Neuer Toefl schockt Asiaten

Ohne Toefl-Test geht an den meisten englischsprachigen Unis nichts. Künftig müssen ausländische Bewerber Englisch auch sprechen, nicht nur verstehen. Die neue Version des Testklassikers treibt vor allem Japanern, Koreanern oder Chinesen den Angstschweiß auf die Stirn.


Absolventen-Feier (in Miami): Ohne erfolgreichen Toefl bleiben Ausländer draußen
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Absolventen-Feier (in Miami): Ohne erfolgreichen Toefl bleiben Ausländer draußen

20 Schüler sitzen in einem kahlen Klassenraum und reden. Nicht miteinander - durcheinander. Ihr Gesprächspartner ist ihr Kassettenrekorder, das Gesprächsthema ihr Lieblingszimmer in der Wohnung der Eltern. Die Schüler sprechen Englisch. Den "Advanced Placement International English Language"-Test können auch schon Schüler der Oberstufe absolvieren, um an englischsprachigen Universitäten aufgenommen zu werden. Neben Grammatik und Schreibleistung wird auch das Sprechen der Kandidaten geprüft.

Noch weiter verbreitet und der Standard für die Uni-Zulassung ist der Toefl ("Test of English as a foreign language"). Bisher mussten die Teilnehmer dabei Ankreuz-Aufgaben lösen und Fragen zu Texten beantworten - ohne Prüfung der mündlichen Kommunikation. Nun blüht dem Urgestein der Sprachtests eine gravierende Neuerung: Die Studenten müssen auch sprechen. Neben den Multiple-Choice-Aufgaben hören die Studenten künftig einer Aufzeichnung zu, lesen eine Passage und sprechen anschließend darüber. Ihre Antwort wird digital aufgezeichnet und dann von Experten bewertet.

Damit soll der Toefl näher an den Universitäts-Alltag heranrücken. "Die Schüler brauchen doch immer eine Kombination der Fähigkeiten", sagte Mari Pearlman, Vizepräsidentin des Educational Testing Service (ETS), der Nachrichtenagentur AFP. "Wenn man liest, schreibt man auch mit. Wenn man in einem Klassenraum sitzt, muss man auch sprechen." Außerdem bräuchten die Studenten alle drei Fähigkeiten auch außerhalb des Klassenraums - um zum Beispiel eine Wohnung zu suchen oder die Bedienungsanleitung einer Waschmaschine zu verstehen.

Mitschreiben ja, aber sprechen ist unhöflich

Der Toefl ist nach wie vor der Standardtest für die Sprachzulassung: Etwa 750.000 Studenten haben ihn im vergangenen Jahr absolviert. Der Anlass für die Toefl-Reform waren Bedenken der weltweit 5200 englischsprachigen Colleges und Universitäten. Denn die hatten oft Probleme mit studentischen "Textbook"-Experten, die jedoch kaum Sprechen geübt hatten. Darüber hinaus klagten viele US-Studenten, dass sie ausländische Dozenten wegen schlechter Aussprache kaum verstehen konnten.

Nach zehn Jahren voller Beschwerden und Entwicklungsarbeit ist jetzt der neue Toefl am Start, der "iBT", ("Internet-based test"). Am vergangenen Wochenende wurde die neue Version in den US-Test-Centern schon eingesetzt, am 22. Oktober wird er auch in Kanada, Frankreich, Deutschland und Italien eingeführt. Weltweit müssen sich die Studenten ab 2006 auf die neue Sprech-Komponente einstellen.

Schon jetzt flattern vor allem asiatischen Studenten die Nerven. Denn sie fürchten das Sprechen: In den Schulen konzentriert sich der Englischunterricht generell auf Vokabeln und Grammatik. "Die meisten Asiaten, vor allem die aus Japan, Korea oder Taiwan, lieben es zu lesen, die Struktur und die Grammatik", sagte Toefl-Teilnehmer Yoshihiko Iwasaki während einer Testpause in Boston. "Beim Sprechen sind wir eher schwach, weil es oft unhöflich ist, etwas auszusprechen, eine Meinung zu äußern oder mit dem Lehrer zu reden. Wenn wir ein Seminar belegen, sitzen wir da, schreiben mit und versuchen, uns alles zu merken."

Deutsche Kandidaten müssen nicht bangen

In Deutschland sieht man der Einführung des neuen Toefl da gelassener entgegen: "In unseren Regionalbüros herrscht da weitgehend Gleichgültigkeit. Das ist eben ein neuer Test, und der muss gemacht werden", erklärt Julia Kesselburg vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Sie sieht keinen Grund zur Panik für deutsche Bewerber: Europäische Studenten hätten ohnehin weniger Probleme mit der Aussprache der englischen Laute. Bei Chinesen oder Japanern sei das anders.

"Wir denken, dass der neue Test eine größere Herausforderung für die asiatischen Studenten ist", sagte auch Emily Pierre, die am Kaplan Center in Boston die Englischtests organisiert. Doch beim ETS vertraut man da auf den asiatischen Ehrgeiz: "Die sind unglaublich leistungsfähig und zielstrebig", erklärte Vizepräsidentin Mari Pearlman.

Die Pädagogen hoffen nun, dass die neue Toefl-Version auch den Englischunterricht verbessern könnte. Als in den siebziger Jahren beim Test erstmals auch verlangt wurde zu schreiben, hätten sich die Curricula weltweit den Anforderungen angepasst. Nun prophezeit der ETS einen ähnlichen Effekt durch den runderneuerten Toefl - vielleicht auch in Asien.

Jens Radü



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