Sprechstunden an Unis "Mensch, Mädels, traut euch doch was zu!"

Während männliche Studenten bei Sprechstunden mit Professoren betont forsch auftreten, neigen ihre Kommilitoninnen zur Selbstverzwergung. Das hat Vera Zegers, 32, in ihrer Doktorarbeit herausgefunden. Im Interview sagt die Maastrichter Sprachwissenschaftlerin, wie Studentinnen sich geschickter und selbstbewusster darstellen können.


Überrascht von den krassen Unterschieden: Linguistin Zegers

Überrascht von den krassen Unterschieden: Linguistin Zegers

SPIEGEL ONLINE

: "Man(n) Macht Sprechstunde" lautet der Titel Ihrer Untersuchung, für die Sie an der Ruhr-Uni Bochum 70 Gespräche zwischen Professoren und Studenten auf Tonband und Video aufgenommen haben. Was genau haben Sie bei der Analyse entdeckt?

Vera Zegers: In den Gesprächen zwischen Lehrenden und Studierenden ging es um alle erdenklichen Themen: um Hausarbeiten, Referate, Scheine aus dem letzten Semester, Prüfungsthemen, Themen für die Abschlussarbeit. Für mich war es frappierend zu sehen, wie sehr sich die Kommunikationsstrategien von Studenten und Studentinnen unterscheiden. Studentinnen neigen dazu, ohne Not und unaufgefordert ihre Unzulänglichkeiten zu betonen und gleichzeitig ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Nach dem Motto: Ich habe zwar schon 20 Bücher zu dem Thema gelesen, aber ich muss zugeben, ich bin mir immer noch sehr unsicher. Studenten dagegen präsentieren ihr Anliegen meist sehr bestimmt und sehr forsch. Sie argumentieren etwa so: Das Prüfungsthema, das Sie mir vorgeschlagen haben, ist mir zu weitläufig, außerdem sind die Bücher dazu aus der Bibliothek geklaut worden. Ich lese jetzt nur diese beiden Aufsätze.

SPIEGEL ONLINE: Da sind Studentinnen wohl einfach ehrlicher. Was ist daran falsch?

Studentinnen: Zahlenmäßig gleichauf
DER SPIEGEL

Studentinnen: Zahlenmäßig gleichauf

Zegers: Wer nicht mit seinen Pfunden wuchert, signalisiert: Ich brauche Hilfe, ich bin mir unsicher. Wenn eine Studentin zaghaft andeutet, sie wolle ihre Magisterarbeit "vielleicht" über Thomas Mann schreiben, sagt ein Prof unter Umständen: Wir haben aber gerade Goethe-Jahr. Schreiben Sie doch darüber. Die Kommunikationsstrategie der Studentinnen ist zu sehr auf Konsens bedacht. Übertriebene Kompromissbereitschaft ist aber in einem Sprechstundengespräch völlig fehl am Platz, weil man doch sein eigenes Anliegen durchbringen möchte.

Ich habe die Sprechstundengespräche verschriftlicht und jedes "vielleicht", "äh" und "eigentlich" gezählt. "Eigentlich" ist ein Lieblingswort der weiblichen Studenten. Sie reden auch gerne im Konjunktiv: Ich würde gern, ich könnte möglicherweise. Studentinnen sprechen außerdem viel leiser als ihre männlichen Kommilitonen, zögern oft, machen Pausen. Viele zeigen ihr mangelndes Selbstbewusstsein deutlich, indem sie "man" sagen, obwohl sie "ich" meinen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es überhaupt so wichtig, wie man in der Sprechstunde auftritt? Das kurze Gespräch mit dem Professor ist doch keine entscheidende Lebenssituation.

Zegers: Die Sprechstunde ist eine exzellente Übung - zum Beispiel für Prüfungen und Vorstellungsgespräche. Da begegnet man dem Professor oder der Professorin eins zu eins, was im Alltag an Massenunis selten der Fall ist. Diese Chance müssen Studentinnen nutzen und sich als "toughe Expertin" darstellen - durchaus auch mit Mut zum Bluff. Immerhin muss man sich teilweise von Hunderten anderer Studierender abheben, um dem Prof im Gedächtnis zu bleiben.

Frauen an der Uni: Zähne zeigen, rät die Expertin
Shell

Frauen an der Uni: Zähne zeigen, rät die Expertin

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die große Kluft zwischen Studentinnen und Studenten überrascht?

Zegers: Dass die Geschlechterfrage so in den Vordergrund trat, war zunächst gar nicht geplant. Ich wollte vielmehr herausfinden, wer in den Sprechstundengesprächen die Macht besitzt, wer das Gespräch beherrscht und mit welchen Mitteln. Eigentlich war ich fest entschlossen, nebenbei die Stereotypen vom forsch auftretenden Studenten und der bescheidenen, schüchternen Studentin mit meiner Doktorarbeit zu widerlegen - und jetzt habe ich sie stattdessen nachgewiesen. Das ist schon frustrierend. Ich denke: Mensch, Mädels, traut euch doch was zu!

SPIEGEL ONLINE: Was können Studentinnen unternehmen, um ihre Rolle als "schlechte Rednerinnen" in der Sprechstunde abzulegen?

Zegers: Frauen sollten in dieser Hinsicht von Männern lernen. In unserer Gesellschaft, vor allem an der Universität führt der männliche Gesprächsstil zum Erfolg. Jungen verinnerlichen das schon früh durch Vorbilder. Mädchen werden aufgrund ihres Geschlechts nicht so früh und so selbstverständlich in diesem Gesprächsstil geschult oder schulen sich darin selbst nicht so intensiv. Deswegen müssen Frauen nicht zu Männern mutieren. Sie sollten aber die Regeln erkennen, nach denen eine spezielle Gesprächssituation funktioniert.

Für die Sprechstunde beim Professor heißt das: auf die Darstellung der eigenen Person und des eigenen Wissens umschalten, die eigenen Fähigkeiten betonen und nicht die Defizite. Wer zu einem Professor geht, sagt sich vorher am besten: "Du kennst mich noch nicht, aber du wirst mich kennen lernen - und in Erinnerung behalten." Dazu gehört natürlich gute Vorbereitung. Empfehlenswert sind durchaus auch Trainings und Rollenspiele nach dem Motto "Selbstbewusster auftreten für Frauen".

Studentinnen können auch einfach darauf achten, im Studienalltag das eigene Gesprächsverhalten zu reflektieren und zu verbessern. Sie müssen ein Gespür dafür entwickeln, wie der akademische Diskurs funktioniert, durch welche Muster und Tabus er geprägt ist. Dieses Gespür fehlte den meisten Studentinnen in meiner Untersuchung, deswegen wurde auch die falsche Kommunikationsstrategie gewählt. Oder gar keine.

Das Interview führte Mirjam Gollmitzer



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.