Sprechstunden-Rallye an der Uni "Das nimmt gar kein Ende heute, ist ja furchtbar"

Mal sind Sprechstunden eine lockere Plauderei, mal gleichen sie einer Audienz. Und fast immer treten Studenten wie Bittsteller auf: Sie erwarten wenig und fordern nichts. Die Bochumer Wissenschaftlerin Dorothee Meer rät in ihrem Gastbeitrag zu einem selbstbewussteren Umgang mit Professoren.


Der Student Mark A. hat 35 Minuten vor der Tür eines seiner Lehrenden, Professor Helmut S., darauf gewartet, an die Reihe zu kommen. Sechs Kommilitonen und Kommilitoninnen waren vor ihm "dran", vier weitere warten noch. Aber nun öffnet sich die Tür des Dozenten. Der vorhergehende Student verabschiedet sich, Helmut S. tritt aus seinem Zimmer. Er blickt auf die Wartenden und eröffnet das Gespräch mit Mark A. mit den Worten: "Das nimmt ja gar kein Ende heute, ist ja furchtbar". Dann begrüßt er Mark A. lachend mit "Tach".

Studenten: Einzelne gehen in der Masse unter
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Studenten: Einzelne gehen in der Masse unter

Während sie das Zimmer betreten, fragt Helmut S.: "Wollen Sie auch eine Bescheinigung?" Mark wäre der vierte Student an diesem Tag, der seinen Leistungsnachweis bei Helmut S. abholen will. Die Sprechstunde dauert bereits 55 Minuten, und dem Professor sitzt unerledigte Arbeit im Nacken: Ein Projektantrag muss bis Ende der Woche fertig werden, die Vorlesung für den nächsten Tag ist auch noch nicht vorbereitet. Wenigstens will Mark A. nicht auch noch eine Bescheinigung, was Helmut S. mit "Na Gott sei Dank" honoriert.

Er bietet dem Studenten einen Platz an seinem Besuchertisch an, auf dem einige Bücher und die Papiere für den Projektantrag liegen. Wo Mark sich hinsetzen will, liegt der Aktenordner mit den korrigierten Hausarbeiten, den Helmut S. zuvor benötigt hat. Er schafft Platz: Der "Und worum geht's bei Ihnen?" Die Sprechstunde kann beginnen.

Die Studierenden rechnen gar nicht mit Aufmerksamkeit

Mark A. ist im sechsten Semester und hat längst begriffen, dass Sprechstunden im Berufsalltag von Lehrenden eine sehr untergeordnete Bedeutung zukommt. Die "eigentlichen Aufgaben" von Lehrenden liegen in anderen Bereichen. Der Bücherstapel auf dem Tisch und der fehlende Platz machen dies auch symbolisch deutlich. Und so rechnet Mark A. gar nicht mit viel Aufmerksamkeit oder Zeit. Er wird sich kurz fassen und diese Sprechstunde so schnell wie möglich verlassen. Schließlich warten noch vier Kommilitoninnen vor der Tür.

Diese Strategie von Mark A. entspricht das Verhalten einer Vielzahl von Studierenden in Sprechstunden: Sie erwarten wenig und fordern in der Regel nichts. Sie nehmen sich selbst und ihre Anliegen bis zur Unkenntlichkeit zurück und treten eher als Bittsteller denn als Gesprächspartnerinnen auf. In der Folge stehen häufig nicht ihre Anliegen im Mittelpunkt, sondern die Kompetenzen ihrer Lehrenden.

Diese Tendenz fordert die große Mehrzahl der Studierenden geradezu heraus: Systematisch steuern sie bereits zu Beginn der Sprechstunde das Wissen der Lehrenden an und kommen scheinbar gar nicht auf die Idee, eigene Kompetenzen zu nutzen. Ihre kommunikative Selbstreduktion beginnt vielfach bereits mit Einleitungsformeln vom Typ "Ich hab nur ne ganz kurze Frage". Ihre Anliegen formulieren sie bis zur Unverständlichkeit gerafft: "Ich sollte noch mal reinkommen wegen dem Text da". Eigene Vorarbeiten und Interessen werden bagatellisiert: "Ich hab da mal so'n bisschen was kopiert" oder "Es geht nur um meine Prüfungsthemen" zeigt. Auch Kommentare vom Typ "Wenn es Ihnen vielleicht entgegenkommt" deuten nicht gerade auf einen selbstbewussten Umgang mit eigenen Vorhaben hin.

Miserable Vorbereitung auf den Beruf

Andererseits finden sich auf Seiten der Lehrenden nur selten Aktivitäten, die den Formen der Selbstabwertung der Studierenden entgegenwirken: Nachfragen, mit denen Lehrende die Vorarbeiten oder die Überlegungen der Studierenden in den Mittelpunkt zu rücken, sind nicht die Regel.

Buch von Dorothee Meer: Studierende machen sich zu klein

Buch von Dorothee Meer: Studierende machen sich zu klein

Selbst bei unverständlichen Formulierungen nehmen sich Lehrende vielfach nicht die Zeit, die Anliegen ihrer Gesprächspartner zu klären. Stattdessen greifen sie sich Teilaspekte heraus, auf die sie dann mit eigenen Ausführungen reagieren. Ob sie dabei die eigentlichen Probleme der Studierenden bearbeiten und deren Fragen beantworten, ist da häufig Glückssache. Substanzielle Nachfragen von Studierenden, Widerspruch oder längere inhaltliche Überlegungen sind trotzdem kaum zu anzutreffen.

Nicht wirklich erstaunlich sind diese Beobachtungen, wenn man berücksichtigt, wie wenig Anlass Studierende der großen Fachbereiche haben, innerhalb der Hochschule Selbstbewusstsein zu entwickeln und positive Erfahrungen mit den eigenen Kompetenzen zu machen. Wie der geschilderte Sprechstundenanfang andeutet, werden sie als Einzelne kaum wahrgenommen und als Masse gering geschätzt.

Gerade deshalb jedoch sind die in Sprechstunden beobachtbaren Verhaltensweisen beider Beteiligten in vielfacher Hinsicht besorgniserregend. So müssen Studierende im Hinblick auf ihre mündlichen Abschlussprüfungen in der Lage sein, sich in Kontakten zu ranghöheren Lehrenden aktiv zu präsentieren - eine Fähigkeit, über die nur wenige von ihnen ohne Übung verfügen. Aber auch außerhalb ihres Studiums sind Studierende auf ihr kommunikatives Durchsetzungsvermögen in hierarchischen Gesprächssituationen angewiesen, wollen sie beispielsweise den Einstieg ins Berufsleben erfolgreich bewältigen.

Bezieht man diese Perspektiven auf die in Sprechstunden beobachtbaren Verhaltensweisen, so stellt man fest, dass die große Mehrzahl der Studierende dort mit Unterstützung ihrer Lehrenden eher ihre Fähigkeiten zur Selbstverzwergung einüben, anstatt Formen des selbstbewussten Auftretens und der kompetenten Selbstdarstellung zu trainieren. Hier muss sich im Selbstverständnis beider Beteiligten Grundlegendes verändern, soll diese Praxis nicht auch in Zukunft Hochschul-Realität bleiben.

Von Dorothee Meer



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