Spring Break 2003 Ballermann auf Amerikanisch

Wenn US-Studenten ihre Triebsteuerung auf Autopilot schalten, beginnt in den Strandhotels der Party-Marathon. Eine Woche im Frühling kennt die Meute nur ein Programm - trinken bis zum Koma, Sex bis zum Hormonkollaps. Sie reist stets dorthin, wo die Sonne ist. Und wo die Bikini-Mädchen so viel freizügiger sind als zu Hause in Kansas.

Von Henrike Roßbach


Spring Break bedeutet eigentlich nicht mehr als eine Woche Kurzferien für College-Studenten. Aber längst wurde daraus eine Art inoffizielle Meisterschaft im schlechten Benehmen. Während anderswo die Kanonen donnern, lassen die US-Studenten sich ihr Lieblingsvergnügen nicht nehmen. Je nach Universität geht es früher oder später los: Der Startschuss für die erste Spring Break-Woche der Saison 2003 fiel bereits am 22. Februar, die letzten dürfen erst am 12. April Flip-Flops und Bikinis einpacken.

Moqi Xu hat das bunte Spring Break-Treiben in New Orleans erlebt. Die Deutsche studiert ein Jahr lang an der Tulane University in New Orleans. "Wir haben Spring Break, wenn hier Mardi Gras ist. Da habe ich gedacht, das kann ich nicht verpassen", erzählt sie. Mardi Gras ist die Südstaatenvariante des Karnevals und zieht jedes Jahr Massen von Studenten und anderen Touristen aus den ganzen USA an. Bei den Paraden durch die Straßen von New Orleans werden "keine Süßigkeiten geworfen, sondern bunte Plastikperlenketten", sagt Moqi, "alle Leute beginnen schon am Nachmittag, sich zu besaufen".

Ist am Abend eine gewisse Füllhöhe erreicht, "fangen sie an, sich für die Perlenketten auszuziehen. Wenn man jemand Gutaussehendes sieht, geht man hin und verhandelt, welches Körperteil derjenige für welche Kette entblößt", erklärt Moqi die Rituale.

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Spring Break: Frühjahrsfest der Hormone
Immer mittendrin statt nur dabei: Studenten. "Die haben überall gecampt, und in der ganzen Stadt hat es nach Marihuana gerochen." Moqi hat sich jedenfalls gut amüsiert, auch wenn sie die große Sause für "ziemlich niveaulos" hält: "Eigentlich geht es nur ums Betrinken und Ausziehen. Lustig war es trotzdem, ich hatte noch nie so was erlebt."

Nicht nur in New Orleans geht es wild zu. Michael Palmer vom Studenten- und Jugendreiseverband für Nordamerika kennt die Lieblingsplätze der Spring Breaker: Panama City in Florida sei die unumstrittene Nummer eins, gefolgt von South Padre Island, Texas. Aber die heimischen Spielwiesen für die sonnen- und vergnügungshungrige Meute haben exotische Konkurrenz bekommen."Außerhalb der USA sind die Top Spots Cancun in Mexiko, die Bahamas sowie Mazatlan und Acapulco in Mexiko", sagt Palmer. Und diese Ziele werden immer beliebter. "Die Transportkosten sind heute geringer, die Studenten haben ein höheres Einkommen und reisen in jüngeren Jahren weiter weg als früher", erklärt Palmer den Trend.

Rock'n Roll im Hotel

"Spring Break macht etwa zehn Prozent der Gesamtzahl der reisenden Studenten aus", so Palmer. Auf den ersten Blick nicht sonderlich viel - aber diese zehn Prozent lassen jedes Jahr viele Dollars in den einschlägigen Hotels, Clubs und Bars unter Palmen. Rund 500.000 Partywillige fallen zum Beispiel in Panama City ein, und eine halbe Million Studenten können jede Menge Pizza essen.

Sie tun aber auch jede Menge weniger erfreuliche Dinge: von Balkonen springen, Hotelmöbel aus dem Fenster werfen oder Spiele à la "Ich ziehe mein T-Shirt aus, und du kaufst mir dafür eine Dose Bier" spielen. Weil das nicht jedem gefällt, ist in einem ehemaligen Hot Spot Schluss mit lustig: in Fort Lauderdale, Florida, der offiziellen Wiege des Spring Break.

"Es fing in den fünfziger Jahren an, als College-Studenten im Winter kamen. Das waren Schwimmer, die hier Wettkämpfe hatten. Die haben zu Hause von den schönen Stränden erzählt und sind im Frühling mit ihren Freunden wiedergekommen", erklärt Francine Mason, Sprecherin des Tourismusbüros in Fort Lauderdale. 1960 kam dann der Film "Where the Boys are" mit George Hamilton und Conny Francis in die Kinos - und so wurde Fort Lauderdale als Spring Break-Reiseziel unsterblich.

"Ihr könnt hier nicht mehr herkommen"

Den Höhepunkt erreichte der Tourismus 1985, als 350.000 College-Kids die Strände stürmten. "Da haben die Stadt und die Bewohner gesagt, wir können hier keine Spring-Break-Studenten mehr unterbringen", so Mason. Der damalige Bürgermeister verkündete in der Fernsehshow "Good Morning America": "Ihr könnt hier nicht mehr herkommen."

Es gab kein Spring-Break-Marketing mehr, keine MTV-Parties, stattdessen eine starke Polizeipräsenz und ein Alkoholverbot für den Strand - schmerzhaft für die College Crowd. Und deshalb zog sie weiter gen Daytona Beach, Panama City und an die Strände Mexikos. Nun betäuben sich viele US-Studenten, die ohnehin einen besonderen Hang zum Suff zeigen, dort zu Hunderttausenden eine Woche lang systematisch mit Alkohol, tanzen halbnackt auf Ladeflächen von Pickups, suchen nach schnellem Sex.

Fort Lauterdale verzichtet derweil auf einen Umsatz von rund 110 Millionen Dollar in nur sechs Wochen und verpasste sich ein neues Image, baute ein Veranstaltungszentrum, renovierte Hotels, polierte die Strandpromenade auf. "Sie werden nicht viele finden, die unsere Entscheidung bereuen", sagt Francine Mason heute, "wir sind ein kultivierteres ganzjähriges Reiseziel geworden."

Rund 15.000 Studenten kommen immer noch zur Frühlings-Sause nach Fort Lauderdale. Aber verglichen mit früher und mit den heutigen Hauptzielen ist das wenig. Und wer nach Fort Lauderdale fliegt, macht das bewusst, weil es dort nicht ganz so wüst zugeht.

Wie Sandra Binder. Die 23-Jährige Regensburgerin studiert derzeit für zwei Semester in Boulder, Colorado, und hatte ihren Koffer schon gepackt. "Ich wollte ans Meer, am Strand liegen, braun werden und abends ein bisschen weggehen", erzählt sie. Dann allerdings kam ein Jahrhundert-Blizzard dazwischen. In Colorado begann es zu schneien, bald mussten die Schneeräumer am Flughafen Denver aufgeben, Sandras Flug wurde gecancelt.

Wegen Spring Break waren alle anderen Flüge ausgebucht. Kein Sonnenbad am weißen Sandstrand von Fort Lauterdale - aber Sandra entschied sich für ein Sonnenbad auf den weißen Skipisten Colorados: Spring Break einmal ganz anders.



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