Spurensuche nach 20 Jahren Die Super-Biografen

Was soll bloß aus mir werden? Vor 20 Jahren befragten Forscher aus Konstanz und Zürich 2000 Jugendliche über ihr Leben - und jetzt erneut. Bei ihrem einmaligen Projekt verblüffte die Psychologen und Soziologen, wie stark das Elternhaus den Lebensweg prägt.

Von Frank van Bebber


Abiturienten: Wo sind sie in 20 Jahren?
DDP

Abiturienten: Wo sind sie in 20 Jahren?

Konstanz - 5 wurden ermordet, 4 brachten sich um, insgesamt 42 sind tot: Schon die Statistik erzählte Schicksale, als Forscher der Universitäten Konstanz und Zürich jene 2020 Menschen suchten, die sie zwanzig Jahre zuvor schon einmal über ihr Leben befragt hatten. Damals waren die Jugendlichen 12 bis 16 Jahre alt, eine ganze Generation aus Frankfurter Vierteln und Dörfern im Odenwald. Drei Jahre lang fahndeten die Forscher nun nach den Frauen und Männern, die inzwischen Mitte dreißig sind. Sie schrieben 6200 Briefe an frühere Adressen und Eltern, 2795 mal telefonierten sie, sie recherchierten nach Klassentreffen und über Verwandte. Am Ende fanden sie 80 Prozent der Gesuchten wieder. Was aus diesen jungen Menschen geworden ist, wollten die Forscher wissen und stellten ihnen auf 21 Seiten erneut intime Fragen von Familie über Beruf bis Sex.

"Da stehen alle möglichen Lebensschicksale dahinter", sagt der Züricher Psychologie-Professor Helmut Fend. Die Befragten haben heute 1699 Kinder, 882 von ihnen haben geheiratet, 11 sind zum zweiten Mal geschieden, jeder dritte war bislang einmal arbeitslos. Noch nie in Deutschland und wohl noch nie in Europa haben Forscher über eine so lange Zeitspanne einen so tiefen Einblick in das Leben so vieler Menschen bekommen. Psychologen und Soziologen werten nun die einmaligen Daten der 1527 Befragten aus - Arbeit für Jahre. Doch schon jetzt zeigt sich, dass die Wissenschaftler alte Theorien überprüfen können: Sie finden Antworten auf die Frage, ob das spätere Leben Jugendlicher vorhersagbar ist.

Einfluss der Eltern sinkt erst und steigt dann wieder

Psychologe Fred Berger von der Universität Zürich wertet zum Beispiel aus, wann die Jugendlichen von Zuhause auszogen - im Durchschnitt mit 23 Jahren. Bergers unerwartete Analyse: Eine gute und enge emotionale Bindung an die Eltern verzögert bei Mädchen den Auszug, während sie ihn bei Jungen beschleunigt. Mädchen wollten die enge Beziehung möglichst lange pflegen, erklärt Berger. Jungs dagegen empfänden sie als sichere Basis, die ihnen eine Entscheidung für den Auszug in die Welt erleichtere.

Dem Konstanzer Soziologieprofessor Werner Georg gibt der Datensatz einen zuvor nicht möglichen Einblick in Bildungs- und Berufskarrieren. Als die Forscher die Jugendlichen und ihre Eltern von 1979 bis 1983 erstmals fragten, ahnten sie nicht, ob sie Senkrechtstarter oder Berufsversager würden. Anders als bei nachträglichen Befragungen hatte niemand etwas vergessen oder wollte beschönigen. Zwei Jahrzehnte später kann Georg "Zusammenhänge zeigen und relativ klare Prognosen machen".

Deutliche Ergebnisse lieferte dem Wissenschaftler etwa die Frage nach der Lesekultur in den Familien, erhoben über Bücher sowie die Lektüre von "Spiegel" oder "Zeit". Die Lesekultur hänge sehr stark von der Bildung der Eltern ab und beeinflusse zugleich stark den Schulabschluss, sagt Georg. Lesekultur vermittle sprachliche und gedankliche Fähigkeiten, die in der Schule wichtig seien. Ergebnis: Eltern mit guter Bildung lesen mehr mit ihren Kindern als andere, was dazu führt, dass ihre Kinder bessere Schüler seien.

Start mit Spikes oder Klotz am Bein

Das war noch zu erwarten; richtig spannend wurde es für die Forscher bei der Langzeitperspektive. Bei der Wahl des ersten Berufs nämlich ist die Lesekultur keine gute Erklärung mehr. Hier dominiert der Schulabschluss. "Das kulturelle Kapital des Elternhauses hat seinen direkten Einfluss an dieser Schwelle im Lebenslauf vollständig verloren", sagt Georg.

Doch dann die Überraschung: Im weiteren Leben entdeckte er den Faktor "kulturelles Kapital" plötzlich wieder. Nicht zwischen dem ersten, aber zwischen dem heutigen Beruf und der Lesekultur im Elternhaus gibt es einen messbaren Zusammenhang. Wer früh Lesekultur mit auf Weg bekam, macht eher Karriere als andere. Offenbar hilft sie bei Selbstdarstellung und in Situationen, die für den beruflichen Aufstieg wichtig sind. Kulturelles Kapital aus der Kindheit werde in der Lebensmitte wieder wichtig, sagt Georg.

Die Studie belegt damit: Fähigkeiten, die bei Menschen Mitte dreißig als persönliches Talent wahrgenommen werden, sind in Wahrheit auch Folge sozialer Bedingungen im Elternhaus. Bestimmen Kindheit und Jugend also das ganze Leben vor? Georg warnt Laien vor einer zu engen Interpretation - was Soziologen als Zusammenhang sehen, bedeute noch keine unabwendbare Folge.

Doch er sagt am Beispiel der Lesekultur auch: Der Start ins Leben sei eben nicht für alle gleich. Es sei eher wie bei einem 100-Meter-Lauf, bei dem die einen mit Spikes starten. Und die anderen mit einem Klotz am Bein.



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