Stasi an der Uni Wo die Hörsaalwände Ohren hatten

An den ostdeutschen Universitäten hatte der Staatssicherheitsdienst stets seine Finger im Spiel und seine Ohren überall. Zwei Wissenschaftler aus Halle arbeiteten sich jetzt durch Stasi-Aktenberge. Ihr Bericht zeigt: War doch gar nicht nötig - viele Studenten verhielten sich freiwillig staatskonform.


Studenten sind gefährlich frei: gerade aus der Familie entlassen, noch nicht in Arbeitsprozesse eingebunden. In der ehemaligen DDR hatte man das erkannt und gefürchtet - so sehr, dass sich das Ministerium für Staatssicherheit reichlich Stimmungsberichte aus den Unis verfassen ließ. Eine neuen Untersuchung über die Stasiberichte von der Uni Halle zufolge hätte der Staat gar nicht hektisch spionieren lassen müssen: Das kritische Potenzial unter den Studenten hielt sich in Grenzen.

Stasi-Akten (Archiv in Erfurt): "Auf Weisung des Ministers"
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Stasi-Akten (Archiv in Erfurt): "Auf Weisung des Ministers"

Die Wissenschaftler Dieter Knötzsch und Heinrich Blobner haben die Stimmungsberichte erforscht, die Stasispitzel an der Uni Halle von 1959 bis 1989 regelmäßig verfassten. "Auf Weisung des Ministers" lautet der Titel ihrer Studie, für sie sich im Auftrag des Landesbeauftragten für Stasiunterlagen in Sachsen-Anhalt durch die Aktenmeter arbeiteten.

Knötzsch kommt zu einem vorsichtigen Schluss: "Das Ministerium wollte eher die wichtigsten politischen Argumentationen der Studenten und des wissenschaftlichen Nachwuchses kennen lernen." Schnelle Informationen sollten her, damit die Regierung jederzeit reagieren konnte. Rechenschaftsberichte oder Hofberichterstattung seien nicht das Ziel des Ministeriums für Staatsicherheit gewesen.

Politisch ziemlich "gefestigte" Studenten

Dossiers mit bis zu 60 Maschinenseiten gingen an die Stasi und wurden bisweilen hektisch verfasst: Zu Zeiten des Prager Frühlings, der 1968 gewaltsam zerschlagen wurde, fragte Berlin mehrmals täglich telefonisch und telegrafisch nach der Stimmung in Halle. Die Meinung der Studenten war anscheinend gespalten, oft aber auch staatskonform: Viele betrachteten die Vorgänge im sozialistischen Bruderstaat als eine Aktion westlicher Politik und als eine Gefahr für die sozialistische Ordnung des gesamten Ostblocks.

Politisch gefestigt waren Studenten an den DDR-Unis dabei keineswegs von Anfang an: Erst in den sechziger Jahren hatten die Studenten dafür eine hinreichend lange Schulzeit hinter sich und wurden in den späten siebziger und den frühen achtziger Jahren zunehmend zum Studium ausgewählt.

Die beiden Wissenschaftler der Uni Halle haben sich allerdings nicht damit beschäftigt, ob die Berichterstattung ernsthafte Konsequenzen für kritische Studenten hatte und ob die Dossiers überhaupt wahrheitsgetreu waren: "Wir können nur sagen, was in den Berichten stand", so Knötzsch.

Campus & Karriere / Deutschlandfunk



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