Widerstand der Stipendiaten Mehr Geld? Nein, danke!

Der Bund spendiert den 25.000 Stipendiaten in Deutschland von 1. September an mehr "Büchergeld": Doch es gibt auch Studenten, die auf die zusätzlichen 150 Euro verzichten. Benjamin Paaßen, 23, ist einer davon. Im Interview erklärt er, warum.
Stipendiat Paaßen: "Erhöht lieber das Bafög"

Stipendiat Paaßen: "Erhöht lieber das Bafög"

Foto: Thomas Gatter

Ab Sonntag bekommen 25.000 Stipendiaten in Deutschland mehr Geld: Das "Büchergeld", das sie zusätzlich zu ihrem Stipendium bekommen, wird von 150 auf 300 Euro pro Monat angehoben. Die linken Studentenvertreter des fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) schimpfen über "Förderung für Bessergestellte". Doch, und das überrascht: Es protestieren auch diejenigen gegen das erhöhte Büchergeld, die davon profitieren.

Bereits 2010 hatte die Bundesregierung ihr Stipendienprogramm beschlossen - ein Prestigeprojekt. Sie führte das umstrittene "Deutschlandstipendium" ein, monatlich 300 Euro für ausgewählte Studenten, und erhöhte auch das Büchergeld, um die anderen Stipendiaten nicht schlechterzustellen.

Die allerdings initiierten damals eine Online-Petition, in der sie von "unverhältnismäßigen und den Umständen unangemessenen" Plänen sprachen und forderten eine moderatere Erhöhung des Büchergelds. Rund 3600 haben unterzeichnet. Die Bundesregierung erhöhte das Büchergeld daraufhin zunächst von 80 auf 150 Euro. Zum 1. September kommen nun die vollen 300 Euro.

Viel zu viel, sagt Benjamin Paaßen, Stipendiat bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. Er engagiert sich bei "Stipendienspenden"  - einer Initiative, die dazu aufruft, das Büchergeld für einen guten Zweck weiterzureichen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Paaßen, Sie bekommen Geld geschenkt und wollen es nicht haben. Sind Sie noch bei Trost?

Paaßen: Diese Frage ist verständlich. Aber der Grundgedanke von Bafög und Stipendien ist ja, dass nur diejenigen Geld bekommen, die sich ihr Studium sonst nicht leisten könnten. Das Büchergeld aber erhält jeder Stipendiat. Damit privilegiert es diejenigen, die sowieso schon privilegiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind einfach ein guter Mensch?

Paaßen: Vielleicht. Andererseits sagen wir von "Stipendienspenden": Erhöht lieber das Bafög und nicht das Büchergeld. Damit bekämen wir am Ende ja auch mehr Geld.

SPIEGEL ONLINE: Stipendiaten kommen oft aus gut situierten Akademikerhaushalten - Sie auch?

Paaßen: Meine Eltern haben beide studiert und arbeiten jetzt als Angestellte, mein Vater als Altenpfleger, meine Mutter als Hauswirtschafterin. Stipendien werden immer nach dem normalen Bafög-Satz berechnet, hinzukommt das Büchergeld. Insgesamt bekomme ich derzeit 545 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Die zwölf Begabtenförderungswerke begrüßten einträchtig die Erhöhung des Büchergelds. Es eröffne "allen Geförderten wertvolle Freiräume, um ohne finanzielle Sorgen intensiv und umfassend studieren und sich fortgesetzt gesellschaftlich und sozial engagieren zu können". Sie sagen also, Sie können auch ohne Extra-Geld umfassend und intensiv studieren?

Paaßen: Ich kann mein Studium durchziehen, ohne eine Leistungsprämie zu bekommen. Ursprünglich war das Büchergeld ja tatsächlich mal dafür gedacht, sich Studienmaterialien zu kaufen. Aber jetzt? 300 Euro für Bücher - so viel musst du erst mal lesen. Wenn Studentinnen und Studenten heute Geld fehlt, dann liegt es am Bafög. Es ist oft falsch, schlecht oder nicht hinreichend berechnet. Darüber sollten wir diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Stipendiaten?

Paaßen: Ich habe nur gehört, dass andere sich mal beschwert haben - nach dem Motto: "Was erlaubt ihr euch? Ich brauche das Geld." Und sie haben damals eine Gegenpetition initiiert, das war die größte Kritik. Rund 3000 haben die unterzeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Ihre Kommilitonen - ohne Stipendium?

Paaßen: Meist muss ich denen erst mal erklären, was Büchergeld überhaupt ist. Dann reagieren sie eher gleichgültig: "Wenn du das Geld bekommen kannst, dann nimm es halt."

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen es und geben es weiter. Wohin?

Paaßen: Ich spende es den Bildungsinitiativen Arbeiterkind und Plan MSA. Derzeit 70 Euro im Monat und ab September 220 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Die zwölf Begabtenförderungswerke fördern derzeit rund ein Prozent der Studenten. 25.400 Stipendiaten haben seit der ersten Erhöhung des Büchergeldes rund 1,8 Millionen Euro pro Monat mehr zur Verfügung. Trotzdem haben Sie seit Gründung der Initiative nur rund 32.000 Euro Spenden gesammelt. Ziemlich wenig.

Paaßen: Das ist nur ein kleiner Bruchteil, das stimmt. Trotzdem freuen wir uns über die Leute, die spenden. Aber natürlich wäre es schön, wenn es noch mehr wären. In der Initiative "Stipendienspenden" engagieren sich nur Stipendiaten der Studienstiftung. Auch andere Stiftungen haben ähnliche Initiativen gegründet. Villigst beispielsweise das Projekt "Bildungsfunken" und das Cusanuswerk "Deine Chance für Bildungsgerechtigkeit". Dort landet auch Geld.

SPIEGEL ONLINE: Warum engagieren Sie sich bei "Stipendienspenden"?

Paaßen: Stipendien verkommen immer mehr zu einer Elitenprämie. Es geht nur noch darum, die Besten eines Jahrgangs zu fördern. Ich fände es besser, wenn wir sagen: Wir fördern diejenigen, die aufsteigen sollten, weil sie eine Begabung haben, und sorgen so dafür, dass die Gesellschaft insgesamt solidarischer wird.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie engagieren sich nicht, weil Sie sich engagieren müssen? Schließlich wird ein soziales Engagement von Stipendiaten erwartet - und macht sich gut im Lebenslauf.

Paaßen: Nein, ich engagiere mich auch beispielsweise bei Attac. Den Bereich habe ich also schon abgedeckt. Außerdem sorge ich mit diesem Engagement auch nicht überall für Sympathien. Bonuspunkte bringt das nicht unbedingt.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus