Der SPIEGEL

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06. Juli 2010, 12:33 Uhr

Stipendien-Debatte

"Klischee von der abgeschotteten Elite"

Fördern Stiftungen nur Schnösel aus gutem Hause, die das Geld gar nicht nötig hätten? Von wegen, sagt Ex-Stipendiat Christian Fuchs. Er sieht Stipendien auch als sozialen Kitt für die Gesellschaft - und widerspricht im UniSPIEGEL energisch der These von der "Inzucht der Eliten".

Ich bin in Tokio und Wien aufgewachsen, Daddy war dort Diplomat. Die meisten Freunde habe ich in London, sie haben nach unserer Schulzeit - in einem südenglischen Internat - in der City angefangen. Übers Wochenende war ich dort, wir haben über unsere Portfolios geredet, wobei wir immer ins Philosophieren kommen, Schopenhauer und...

Halt, stopp, das bin ich nicht wirklich. Meine Eltern sind beide Akademiker, nur das stimmt. Beide haben in der DDR Agrarwissenschaften studiert, wurden aber nach der Wende arbeitslos. Mein Vater lebt bis heute von Hartz IV.

Ohne Stipendium hätte ich nicht studieren können, genauso wenig wie meine beiden Brüder. Mir fallen aus dem Stand zehn Konstipendiaten ein, denen es ähnlich ging. Dass es trotzdem klappte, verdanke ich einer der vom UniSPIEGEL geschmähten Institutionen. Ich wurde von der "Journalistischen Nachwuchsförderung" der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt. Meine Eltern hatten niemals "hohen" oder "gehobenen Sozialstatus", ich werde den auch nicht so schnell erreichen. Ich habe keinen Chauffeur, nicht einmal ein Auto. Ich bin Journalist.

SPIEGEL-Autor Johann Grolle legt in seinem Artikel nahe, dass die deutschen Begabtenförderungswerke am Ende immer dieselben intellektuellen und begüterten Eliten unterstützen. Kinder von Nicht-Akademikern und Migranten hätten das Nachsehen.

Es steht jedem frei, sich zu bewerben

Und ja, es ist richtig, es werden immer noch zu wenig Arbeiterkinder und Ausländer von Friedrich-Ebert-Stiftung, Cusanuswerk und Co. gefördert.

Aber kann man den Förderern vorwerfen, dass die "Falschen" bei ihnen vorsprechen? Schließlich steht es jedem Abiturienten frei, sich um Förderung zu bewerben. Und führt nicht gerade das Klischee von der abgeschotteten Elite dazu, dass Kinder aus ärmeren Elternhäusern zögern, eine Bewerbung abzusenden?

Die angeführten "Kinder von Anwälten, Architekten und Oberstudienräten" kenne ich aus meinem Studium, keiner von diesen Kommilitonen hat sich um ein Stipendium beworben, sie hatten es nicht nötig. Wozu der Papierkrieg, das Risiko der Schmach, abgelehnt zu werden? Die 80 Euro Büchergeld, die es im Erfolgsfall zu ergattern gab, erschienen den Anwaltssöhnen als eine zu schlechte Kosten-Nutzen-Rechnung.

Nur wir, die wir nichts zu verlieren und viel zu gewinnen hatten, unterwarfen uns der Ausleseprozedur: Fragebogen, Persönlichkeitsgutachten, Professorengutachten, Auswahlwochenende, während des laufenden Programms dann jedes Halbjahr einen zehnseitigen Semesterbericht schreiben.

Unser "Club der Überflieger" soll sich laut UniSPIEGEL "in erlesenem Kreise bei allerlei Workshops, Akademien, Sprachkursen oder Berufsseminaren" getroffen haben. Ich kann mich gut erinnern. An fast hundert Tagen insgesamt fuhr ich für die Pflichtseminare der Stiftung in so erlesene Orte wie Hamminkeln-Dingden am Niederrhein, ins sachsen-anhaltinische Wendgräben oder ins Dormotel Dormagen.

Stipendium als Anstoß, unsere Stimme hören zu lassen

Dort ersannen wir Konzepte gegen die Entvölkerung Mecklenburg-Vorpommerns oder grübelten über andere wichtige Themen der Zeit. Wenn ich nach einem Seminar während der Semesterferien wieder nach Jena in meine Studenten-WG zurückkehrte, hatte ich Postkarten oder E-Mails von Arztsöhnen im Briefkasten, die mir von ihren Surf-Abenteuern in Trinidad schrieben oder vom Praktikum beim Sundance Festival in Utah.

Wir wollten weiterkommen, na klar! Wir reihten Praktika aneinander und lernten in Rhetorikschulungen, uns vorteilhaft zu präsentieren. Das war schnöseligen Karrieristen doch viel zu profan! Uns aber gab das Stipendium den Anstoß, unsere Stimme hören zu lassen, im Frauenhaus auszuhelfen, im Dritte-Welt-Laden. Es war jedes Mal so: Bei einem einzigen Seminar der Konrad-Adenauer-Stiftung habe ich mehr Engagierte getroffen als während des gesamten übrigen Studiums.

Das sind Studienstipendien nämlich auch: sozialer Kitt für die Gesellschaft. Dass mehr soziale Durchmischung guttut, haben die Geldgeber übrigens längst verstanden. Allein die Konrad-Adenauer-Stiftung investiert ab 2010 sieben Millionen Euro, um Nachwuchs aus Migrantenfamilien und aus Nicht-Akademiker-Haushalten zu gewinnen.

Seit zwei Jahren besuchen Mitarbeiter der Stiftung gezielt Schulen, an denen der Migrantenanteil bei mehr als 90 Prozent liegt. Die Schüler dort fühlen sich nicht zugehörig zu den Begabten, auch wenn sie es sind. Eine wichtige Aufgabe der Stiftung ist: die Klischees von Diplomatensöhnen, Anwaltstöchtern und der "Inzucht der Eliten" zu widerlegen.

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