Streit an US-Hochschulen Zu weiß für die Uni?

In den USA erhalten ethnische Minderheiten bei der Uni-Bewerbung seit Jahren Bonuspunkte. Jetzt klagen drei weiße Studenten, weil sie leer ausgingen. Der Oberste Gerichtshof muss entscheiden, ob die Rasse bei der Zulassung eine Rolle spielen darf. Amerika wartet auf eines der brisantesten Bürgerrechts-Urteile seit Jahrzehnten.

Von Jochen A. Siegle


Affirmative Action: Ein schwarzer Student protestiert gegen die Abschaffung
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Affirmative Action: Ein schwarzer Student protestiert gegen die Abschaffung

Jennifer Gratz hatte hochfliegende Pläne. An der Universität von Michigan in Ann Arbor wollte sie studieren und ihren Doktor machen. Doch die Uni lehnte sie ab, Gratz sah sich gezwungen, ihren Hochschultraum an den Nagel zu hängen. Und diese Niederlage sitzt tief: Obwohl die abgelehnte Bewerbung schon sieben Jahre zurückliegt, zieht die mittlerweile 25-Jährige nun vor Gericht – und zwar vor den Obersten Gerichtshof der USA.

Denn Gratz fühlt sich diskriminiert. Ihrer Meinung nach wurde ihr Studienplatz an der Renommier-Uni an weniger qualifizierte afro-amerikanische oder hispanische Studenten vergeben, die nur aufgrund des "Affirmative Action"-Programms der Hochschule angenommen worden seien – also aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit. "Universitäten, die diese indirekte Quotenregelung anwenden, diskriminieren auf Basis der Hautfarbe", wettert Gratz.

Die Mischung macht's, sagen die Unis

Die Geschichte der "Affirmative Action" reicht weit zurück. Bereits in den siebziger Jahren beschlossen zahlreiche private wie staatliche Universitäten, bei der Zulassung neben Schulabschluss-Zensuren und Resultaten von Aufnahmetests auch die ethnische Zugehörigkeit zu berücksichtigen.

US-Studenten: Beim Streit um die Förderung von Minderheiten fliegen oft die Fäuste
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Damit wollten sie benachteiligten Gruppen den Zugang zu Bildung erleichtern und eine "ethnische Mischung" an den jahrzehntelang fast ausschließlich "weißen" Colleges gewährleisten. In der US-Gesamtbevölkerung liegt der Anteil der Weißen bei 69 Prozent, der Anteil der Bürger afrikanischer oder hispanischer Herkunft bei je 12,5 Prozent. Unterdessen ist der Prozentsatz der Studenten aus Minderheiten in den letzten zehn Jahren tatsächlich von 20 auf fast 30 Prozent gestiegen. Gerade an den Renommier-Universitäten sieht es allerdings anders aus - und wo die "Affirmative Action" abgeschafft wurde, stürzten die Minderheiten-Anteile rapide.

In der Praxis bedeutet das Prozedere an der Universität von Michigan, dass Bewerber afro-amerikanischer oder hispanischer Herkunft – ähnlich wie an vielen anderen US-Hochschulen – bei der Zulassung 20 Bonuspunkte erhalten. Insgesamt reicht die Evaluierungs-Skala bis 150 Punkte.

20 Bonuspunkte für Afro-Amerikaner und Latinos

Und so können Studieninteressenten einer dieser ethnischen Minderheiten weißen Schulkameraden vorgezogen werden, die mit besseren Noten die Highschool abgeschlossen haben – etwa im Fall von Jennifer Gratz, wie deren Anwälte aus Einschreibeunterlagen erfahren haben wollen.

Kritiker der "Affirmative Action" argumentieren, dass sich daraus eine "Rückwärtsdiskriminierung" von Mehrheiten, sprich Weißen, ergebe. Und das verstößt nach Auffassung von Bürgerrechtlern wie etwa Vertretern des konservativen Washingtoner Center for Individual Rights (CIR) nicht nur gegen die Verfassung. Zahlreiche US-Professoren bestätigen auch, dass die Programme zugleich im zunehmenden Konkurrenzkampf um Studienplätze bei Top-US-Unis mehr und mehr Unmut unter studierwilligen Weißen schüren.

Neben Jennifer Gratz sehen sich auch Patrick Hamacher und Barbara Grutter nur aufgrund ihrer falschen Hautfarbe in Michigan zurückgewiesen und fechten diese Entscheidung nun mit tatkräftiger Unterstützung des CIR juristisch an: Farbenblind sollen die Unis sein, verlangt das Kläger-Trio.

Brisante Aufgabe für die Richter

Supreme Court: Die Richter entscheiden, ob Unis farbenblind sein müssen
AP

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Damit steht die seit Jahren umstrittene Praxis gleich in mehreren Fällen auf dem verfassungsrechtlichen Prüfstand. Über die "Affirmative Action" – von der verblüffenderweise auch Asia-Amerikaner ausgeschlossen sind – haben bereits mehrfach US-Gerichte verhandelt und widersprüchliche Urteile gefällt. Im Dezember hat sich nun der Oberste Gerichtshof der USA der Fälle Gratz, Hamacher und Grutter angenommen.

In sieben amerikanischen Bundesstaaten haben die Universitäten die Anwendung der indirekten ethnischen Quotenregelung bereits abgeschafft. In Kalifornien wurde die "Affirmative Action" 1978 vom Supreme Court für verfassungswidrig erklärt. Das neue Urteil wird für das Frühjahr erwartet – und es birgt jede Menge politischen Zündstoff.

Schließlich geht es um weit mehr als die Zulassung zu Colleges. Beobachter und Minderheitenorganisationen wie die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) sprechen sogar davon, dass die Entscheidung der obersten US-Richter das wichtigste Bürgerrechts-Urteil seit Jahrzehnten darstelle.

Center for Individual Rights: Förderung gegen die Verfassung?

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Wie brisant die Angelegenheit ist, demonstriert zudem das Verhalten der US-Regierung: Die Bush-Administration konnte sich bislang zu keinem offiziellen Statement zu den Klagen durchringen. Im Dezember hatte sich selbst der inzwischen wegen rassistischer Äußerungen geschasste republikanische Mehrheitsführer im Senat, Trent Lott, für die "Affirmative Action" ausgesprochen – jedoch wohl nur, um seinen Hintern zu retten: Schließlich opponieren die Konservativen schon seit jeher gegen deren Anwendung.

So auch US-Präsident George W. Bush, der sich in der Vergangenheit schon mehrfach als Gegner der "Affirmative Action" geoutet hatte.



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