Streit über VroniPlag-Gründer "Verprellter Liebhaber oder SPD-Mitglied, das ist egal"

Der VroniPlag-Gründer hat sich geoutet, jetzt wurde bekannt: Es ist ein SPD-Mann. Werden die Plagiatsjäger also von politischen Motiven getrieben? Nein, sagt Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff im Interview. Und selbst wenn: Abschreiben bleibt abschreiben.

Plagiatsjäger: Zwei VroniPlag-Leute sind nicht mehr anonym
DPA

Plagiatsjäger: Zwei VroniPlag-Leute sind nicht mehr anonym


SPIEGEL ONLINE: Frau Weber-Wulff, Sie arbeiten mit auf der Plattform VroniPlag, die Plagiate in Doktorarbeiten aufspürt...

Weber-Wulff: ...ich heiße dort WiseWoman.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren bislang die Einzige, von der Name und Pseudonym öffentlich bekannt waren. Jetzt hat der VroniPlag-Gründer, genannt Goalgetter, bei SPIEGEL ONLINE seinen bürgerlichen Namen öffentlich gemacht: Martin Heidingsfelder. War das ein richtiger Schritt?

Weber-Wulff: Goalgetter blieb kaum eine andere Wahl - was ich schade finde. Irgendjemand fand es wahnsinnig lustig, seinen echten Namen in Foren zu posten. Jetzt stürzen sich alle auf ihn und versuchen, ihm zwielichtige Motive nachzuweisen.

SPIEGEL ONLINE: VroniPlag hat bislang fast nur liberale und bürgerliche Politiker als Plagiatoren überführt, darunter die Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis und Silvana Koch-Mehrin. Der Gründer der Plattform ist SPD-Mitglied. Da gibt es keinen Zusammenhang?

Weber-Wulff: Es macht keinen Unterschied, ob er in einer Partei ist oder nicht. Wissenschaft strebt nach Objektivität. Es ist egal, ob jemand Student ist oder Koryphäe, ob CDU- oder SPD-Mitglied, ob parteilos oder hochpolitisch. Goalgetters Motivation spielt für die Wissenschaft schlicht keine Rolle - wir dokumentieren nur.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihre Arbeit hat politische Auswirkungen.

Weber-Wulff: Gewollt ist, dass Plagiatoren die Folgen ihres Handelns tragen. Wer sich einen Titel nicht ehrlich erarbeitet hat, sollte sich auch nicht damit schmücken. Geprüft und entschieden wird das dann aber von den Universitäten. Und die Gesellschaft muss sich fragen, ob sie von Leuten regiert werden will, die unredlich arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Chatzimarkakis wirft dem VroniPlag-Gründer politische und kommerzielle Interessen vor, was der wiederum bestreitet.

Weber-Wulff: Herr Chatzimarkakis sollte nicht von sich auf andere schließen. Aber selbst wenn es solche Motive gäbe: Jemand, der abschreibt, verhält sich wissenschaftlich nicht korrekt. Ob er von einem verprellten Liebhaber überführt wird oder von einem SPD-Mitglied, ist egal.

SPIEGEL ONLINE: Auffällig war schon, dass Goalgetter alias Heidingsfelder sehr darauf drängte, Verdachtsfälle zu veröffentlichen.

Weber-Wulff: Er war ungeduldig, das stimmt. Aber das sind viele Leute. Wissenschaft ist jedoch langsam. Abwägen, überprüfen, das dauert seine Zeit. Manche müssen das erst lernen.

SPIEGEL ONLINE: Goalgetter wurde für seine Ungeduld bestraft, Sie und Ihre Kollegen entzogen ihm Nutzungsrechte.

Weber-Wulff: Ach kommen Sie! Das sind ganz normale Reibereien, die in jedem Wiki jeden Tag stattfinden. Natürlich diskutiert und streitet man sich; manchmal wird es auch so anstrengend wie in einer Studenten-WG, in der es um den Putzplan geht. Aber insgesamt ist der Umgang bei VroniPlag sehr angenehm, viel höflicher als etwa in der Wikipedia.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst in einer Partei?

Weber-Wulff: Nein, aber selbst wenn ich es wäre: Man wird dadurch nicht zum willenlosen Ausführungsorgan. Auch Goalgetters SPD-Mitgliedschaft heißt ja nicht, dass ihm Sigmar Gabriel sagt, was er tun und lassen soll.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie mit bei VroniPlag?

Weber-Wulff: Zum einen beschäftige ich mich als Plagiatsforscherin seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema. Zum anderen forsche ich auch zu E-Learning: Wie lernen und arbeiten Menschen miteinander in virtuellen Räumen? Bei VroniPlag kommt beides zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Und die anderen, von denen man die Namen noch nicht kennt, werden die auch nicht von politischen Motiven getrieben?

Weber-Wulff: Nein, einer hat sogar mal erzählt, er habe früher FDP gewählt, sei jetzt aber entsetzt über das Wissenschaftsverständnis einiger Liberaler. Aber wie gesagt: Selbst wenn wir alle Sozialdemokraten wären - das würde den Sachverhalt nicht ändern.

SPIEGEL ONLINE: Man kennt von VroniPlag jetzt Sie und Goalgetter. Sollten sich die anderen auch bekennen?

Weber-Wulff: Ich habe ihnen geraten: Outet euch nicht. Das alles lenkt nur von unserer Arbeit ab. Daran haben natürlich abschreibende Politiker ein Interesse, aber wir nicht.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

insgesamt 311 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
calido46 06.08.2011
1. Ja nee, is klar!
Komisch ist nur, daß es sich bei allen, denen ein Plagiat zum Vorwurf gemacht wird NICHT um SPD-Mitglieder handelt. Ein Schelm, der......
mackeldei 06.08.2011
2. Warum nicht?
Zitat von sysopDer VroniPlag-Gründer hat sich geoutet, jetzt wurde bekannt: Es ist SPD-Mann. Werden die Plagiatsjäger also von politischen Motiven getrieben? Nein, sagt Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff im Interview. Und selbst wenn: Abschreiben bleibt abschreiben. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,778626,00.html
Ich kenne kein prominentes SPD oder Grünen Mitglied ,das eine Doktorarbeit geschrieben hat. Joschka verprügelte zum Beispiel lieber Polizisten. Wird ihm auch hoch angerechnet.
davyjones 06.08.2011
3. .
Zitat von calido46Komisch ist nur, daß es sich bei allen, denen ein Plagiat zum Vorwurf gemacht wird NICHT um SPD-Mitglieder handelt. Ein Schelm, der......
Wer hindert das bürgerliche Lager daran, die wissenschaftliche Arbeit des politischen Gegners unter die Lupe zu nehmen?.........Ah, ja. Keiner. Na, also.
ecce homo 06.08.2011
4. wissenschaftliches Arbeiten
Zitat von calido46Komisch ist nur, daß es sich bei allen, denen ein Plagiat zum Vorwurf gemacht wird NICHT um SPD-Mitglieder handelt. Ein Schelm, der......
Jeder kann sich daran beteiligen und so funktioniert Wissenschaft ja auch. Jeder kann wissenschaftliche Arbeiten überprüfen und wenn man tatsächlich keine abschreibenden SPDler finden sollte, dann ist dies eben so. Melde dich doch dort an oder überprüfe auf eigene Faust, ob du einen SPDLer finden kannst, der ein Plagiat begangen hat. Das sind doch alles nur Versuche diejenigen zu diskreditieren, die Mißstände und Betrügereien aufspüren.
Monark™ 06.08.2011
5. --
Zitat von calido46Komisch ist nur, daß es sich bei allen, denen ein Plagiat zum Vorwurf gemacht wird NICHT um SPD-Mitglieder handelt. Ein Schelm, der......
Nun sollte mal Schluss sein mit dem ewigen Schelm-Zitat. Gründen Sie Ihr eigenes Wiki oder schließen Sie sich einem der (bislang weitgehend erfolglosen) Versuche an, unter "Linken" fündig zu werden. Oder sind die "Rechten" zu doof zum Suchen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.