Streit um Altkanzler Helmut Schmidt wird Ehrendoktor in Marburg

Die einst als "rote Kaderschmiede" bekannte Uni Marburg will nun doch Helmut Schmidt zum Doktor honoris causa machen. Einzelne Altlinke konnten sich nicht mit dem Antrag durchsetzen, dem früheren Bundeskanzler die Ehrung zu verwehren.


Altbundeskanzler Helmut Schmidt, 87, wird Ehrendoktor der Marburger Philipps-Universität. Diese Entscheidung gab heute der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Hochschule bekannt. Dem Votum für die Auszeichnung des Sozialdemokraten zum Doktor honoris causa der Philosophie waren zum Teil heftige Auseinandersetzungen innerhalb des Fachbereichs vorausgegangen.

Alt-Bundeskanzler Schmidt: Auszeichnung jetzt auch aus Marburg
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Alt-Bundeskanzler Schmidt: Auszeichnung jetzt auch aus Marburg

Der Termin des Festaktes zur Verleihung der Ehrendoktorwürde steht noch nicht fest. Der 1918 in Hamburg geborene Schmidt studierte Volkswirtschaft und Staatswissenschaft. Später war der SPD-Politiker unter anderem Hamburger Innensenator, SPD-Fraktionschef im Bundestag, Minister für Verteidigung, Wirtschaft und Finanzen und schließlich von 1974 bis 1982 Bundeskanzler.

Helmut Schmidt ist Ehrendoktor mehrerer namhafter Universitäten: Harvard, Oxford, Cambridge; auch die Pariser Sorbonne und die japanische Keio-Universität zeichneten den SPD-Politiker aus. Mehr als zwanzig Hochschulen haben Schmidt bereits für seine Verdienste als Politiker und Staatsmann geehrt.

Der Fachbereich schien zunächst seinen Ruf als linke Bastion bestätigen zu wollen: So hatte sich etwa der Politikprofessor Frank Deppe öffentlich gegen die Verleihung des Dr. h.c. an Schmidt gewandt. Der Sozialdemokrat habe in der Wirtschaftspolitik einen "Bastard-Keynesianismus vertreten" und "mit dem Haushaltskonsolidierungsgesetz die neoliberale Wende eingeleitet, die dann durch Kohl nur weitergeführt wurde", schrieb Deppe in einem mehrseitigen Plädoyer gegen Schmidt. Als Gegner der Gewerkschaften und "Wortführer eines neonationalistischen Diskurses" habe der Sozialdemokrat einen Kurs vertreten, den viele Wissenschaftler und Studenten des Marburger Fachbereichs abgelehnt hätten.

"Gegenseitige Toleranz und Anerkennung"

Am Ende stimmte aber eine absolute Mehrheit der Mitglieder des Fachbereichsrats, in dem Hochschullehrer, Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und administrativ-technisches Personal vertreten sind, der Ehrendoktorwürde für Schmidt zu. "Bei aller Kontroverse in der Sache setzte sich die gegenseitige Toleranz und Anerkennung der Differenzen in der Einschätzung der Lebensleistung eines deutschen Spitzenpolitikers durch", heißt es in der Mitteilung der Universität.

"Das der Aufklärung verpflichtete Fach Philosophie erkennt in Helmut Schmidt den Philosophen im Politiker", so die offizielle Laudatio, aus der Dekan Dirk Kaesler zitierte. Und weiter: "Sein Handeln zeigt eine sichere Orientierung an den Prinzipien unabhängigen Vernunftgebrauchs, moralischer Selbstverpflichtung, kritisch rationaler Situationsbeurteilung und pragmatischer Ausrichtung an der Reichweite menschlicher Vernunft und politischen Handelns."

Zur Untermauerung seiner Absicht, Schmidt mit der Ehrendoktorwürde auszuzeichnen, hatte die Universität auswärtige Fachgutachten von namhaften Professoren wie Karl Dietrich Bracher (Bonn), Jürgen Habermas (Starnberg) und Julian Nida-Rümelin (München) eingeholt.

Zur vorausgegangenen Debatte bemerkt die Universität: "In einem Fachbereich, in dem so unterschiedliche Fächer wie Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie, Religionswissenschaft, Völkerkunde und ein Zentrum für Konfliktforschung unter einem gemeinsamen organisatorischen Dach miteinander verbunden sind, musste ein Vorschlag dieser Qualität naturgemäß zu intensiven, leidenschaftlichen und darum auch kontroversen Diskussionen führen."

jaf/AP/dpa



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