Umgang mit Plagiatoren "Nicht der Mensch wird bloßgestellt, sondern die Schrift"

Die Plattform VroniPlag veröffentlicht Namen von mutmaßlichen Plagiatoren - und gefährdet so Karrieren. Jetzt lassen falsche Doktoren ihre Namen bei Google löschen. Ein Betrug an der Wissenschaft, findet Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff.
Ein Interview von Bernd Kramer
Google-Säuberung (Symbolbild): Wer abschreibt, sollte auch gefunden werden, findet Weber-Wulff

Google-Säuberung (Symbolbild): Wer abschreibt, sollte auch gefunden werden, findet Weber-Wulff

Foto: Friso Gentsch/ picture alliance / dpa
Zur Person
Foto: HTW Berlin/Jennifer Weber

Debora Weber-Wulff, 56, ist Professorin für Informatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft und vor allem als Plagiatsexpertin bekannt: Unter dem Nickname WiseWoman arbeitet sie an VroniPlag Wiki  mit, einer Internetplattform, die Plagiatsfunde dokumentiert und unter anderem den Plagiatsfall der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin ins Rollen brachte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Weber-Wulff, Sie und Ihre Mitstreiter bei VroniPlaglag Wiki  veröffentlichen die Namen von Plagiatoren. Jetzt empören Sie sich, dass einige der öffentlich Entlarvten dagegen vorgehen. Was passiert da gerade?

Weber-Wulff: Ich habe einen Brief von Google bekommen mit einem Link zu meinem persönlichen Blog  und dem Hinweis, dass er künftig aufgrund des europäischen Datenschutzes nicht mehr in den Suchergebnissen auftaucht. Auf der Seite hatte ich 36 Namen aufgeführt von Personen, deren wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf VroniPlag Wiki dokumentiert sind. Mindestens einer muss sich also beschwert haben. Wer heute einige Personen googelt, deren Doktorarbeiten wir bei VroniPlag Wiki untersucht haben, findet die Treffer gar nicht mehr oder erst auf den hinteren Seiten der Suchergebnisse.

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen die Menschen öffentlich bloß und strafen sie mit einem Eintrag auf ihrer Seite. Verstehen Sie, dass die sich dagegen wehren?

Weber-Wulff: Eine Promotion ist ein öffentlicher Beitrag zur Wissenschaft. Nicht der Mensch wird bloßgestellt, sondern die Schrift. Man muss als Wissenschaftler für das geradestehen, was man veröffentlicht. Es ist seit jeher in der Wissenschaft so, dass man Besprechungen von veröffentlichten Schriften publiziert.

SPIEGEL ONLINE: Durch das Internet hat sich die Wirkung einer solchen kritischen Veröffentlichung dramatisch verändert. Google macht Namen auffindbar, die früher in wissenschaftlichen Fachblättern untergingen. Sie stellen die Leute prominent an den Pranger.

Weber-Wulff: Was heißt hier Pranger? Es ist egal, was die Leute sonst so tun. Hier geht es um Wissenschaft, und die findet öffentlich statt.

SPIEGEL ONLINE: Selbst Universitäten gehen behutsamer vor als Sie. Eine Hochschule gibt bei einer Plagiatsprüfung in der Regel keinen Namen an die Öffentlichkeit.

Weber-Wulff: Warum sind sie denn so behutsam? Manche Universität verteidigt nicht die Wissenschaft, sondern lieber Personen, die plagiieren. Ich wünsche mir, dass die Universitäten besser begründen, warum es keine Folgen bei offensichtlichen Plagiaten gibt.

SPIEGEL ONLINE: An Universitäten werden mutmaßliche Plagiatoren vorher angehört. Warum machen Sie das nicht auch so?

Weber-Wulff: Wir betreiben bei VroniPlag Wiki kein Gerichtsverfahren, sondern einen wissenschaftlichen Diskurs. Jede Person, auch der Autor, kann sich auf der Diskussionsseite beteiligen und erklären, warum etwa eine seitenlange, ungekennzeichnete Übernahme aus der Wikipedia im Einklang mit der wissenschaftlichen Redlichkeit steht.

SPIEGEL ONLINE: Viele derjenigen, die sich um Löschung bemühen, sind Ärzte. Für die geht es nicht um die Wissenschaft, sondern um die Grundlage ihrer Existenz.

Weber-Wulff: Mag sein. Aber diesen Schaden hat nicht die Überprüfung der Arbeiten verursacht. Das hat der Arzt oder die Ärztin selbst verschuldet, indem er oder sie in der Arbeit plagiiert hat. VroniPlag Wiki dokumentiert Textübereinstimmungen. Mehr nicht.

SPIEGEL ONLINE: In jüngster Zeit hat sich VroniPlag Wiki vor allem auf Mediziner konzentriert. Dass deren Dissertationen oft wenig taugen, ist bekannt. Ist es nicht unverhältnismäßig, aus dieser Masse Einzelne herauszugreifen und so prominent zu machen?

Weber-Wulff: Der Zufall spielt eine Rolle, keine Frage. Es wurden vor allem medizinische Arbeiten überprüft, weil viele online zur Verfügung standen und einfach zu durchsuchen waren. Jeder, der promoviert, muss damit rechnen, dass seine Arbeit irgendwann einmal gelesen und kritisiert wird. Das ist Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sind Mediziner nicht einfach nur ein leichtes Ziel?

Weber-Wulff: Vielleicht. Aber landläufig wird nicht unterschieden zwischen verschiedenen Doktorgraden. Wenn der Doktor in der Medizin wirklich etwas anderes ist, dann sollen sie es auch anders nennen.

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