Streit um Sexualkunde Wo der Teufel tanzt

Die Nonnen einer bayerischen Realschule dürfen nicht länger Biologie unterrichten, weil sie ein Schulbuch zensierten und 14 Seiten über "Sexualität und Fortpflanzung" herausrissen. Die frommen Schwestern bleiben stur, die Auerbacher Schüler sollen nichts über Sex erfahren - eine Meldung und ihre Geschichte.


Der Teufel lacht, wenn die Mädchen kurze Röcke tragen, "zieh dich um", muss man ihnen sagen und schickt sie heim. Der Teufel liebt Discos. Fasching. Popmusik. Wenn Schüler Schlagzeug spielen, dann tanzt der Teufel, also muss man die Höllenmaschine wegschließen, für die Jugend ist das nichts. So denken sie, die Nonnen von Auerbach. Nicht alle, aber viele schon.

Nonnen: Kollision christlicher Moral mit weltlichen Lehrbüchern
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Nonnen: Kollision christlicher Moral mit weltlichen Lehrbüchern

Jeden Tag muss der Teufel bekämpft werden. Er lauert zu Hause, wenn das Kind Mutter oder Vater nackig sieht. Oder im Schulbuch sitzt er, im Kapitel "Sexualität und Fortpflanzung". Das fand jedenfalls Schwester Gerlinde, die im September die Zehntklässler in Biologie übernahm. Also hat sie das Biologiebuch zensiert. Das hat zu jenem Skandal geführt, zu dem sich die Schulleiterin jetzt nicht äußern will; Schwester Beata heißt sie und ist eine Stimme voll autoritärer Sanftmut am Telefon: "Wir werden alles ins Reine bringen. Lassen Sie es doch damit genug sein. Ich bitte Sie." Auerbach in der Oberpfalz, ein bayerisches Städtchen mit rund 9300 Einwohnern, sehr katholisch, sehr konservativ. Eine Realschule im Kloster, für etwa 280 Buben und Mädchen, geleitet von einer Nonne, gemeinsam betrieben von Stadt und Landkreis und der "Kongregation der Schulschwestern von Unserer Lieben Frau". Ein bisschen verschroben vielleicht, dieses Institut, aber die Leistungen der Schüler stimmten, und das sehr Katholische passte zu Auerbach, wo man früher damit aufwuchs, dass der Pfarrer von der Kanzel dröhnte, bis ihm der Speichel vom Gesicht troff: "Macht's nur so weiter! In die Hölle kommt ihr sowieso!" "Habt's euch net so" Das war normal. Und normal ist immer noch, dass zwei von drei Kindergärten von den Nonnen geführt werden, dass sie die Grundschule prägen, die Realschule sowieso, und wenn Eltern sich beim Bürgermeister Helmut Ott über die Schwestern beschwerten, dann hat er sie weggeschickt: "Habt's euch net so. Wenn ihr die Kinder dorthin gebt, dann müsst ihr des ertragen." Jetzt spricht er anders. Spricht von "Fundamentalisten", spricht von einer "Parallelgesellschaft", sagt, dass man das nicht dulden dürfe ­ und wurde mit diesem Standpunkt, obwohl er in der SPD ist, kürzlich mit 80 Prozent der Stimmen wieder gewählt. Weil das zu weit ging, meint er, was sich die Nonnen geleistet haben. Weil man sich auch von frommen Schwestern nicht erpressen lässt. Im September also hat Schwester Gerlinde die 14 Seiten entfernt. Beim Einbinden hat man's gemerkt, da fehlt was, wie, bei dir auch? Die Kinder, jetzt neugierig, besorgten sich die Seiten bei Freunden, im Internet: Aha. Also darum geht's. Der Elternbeirat stellte die Nonnen zur Rede: Man macht doch keine Sachen kaputt. Aber ja doch, sagte Schwester Marcellina, damals Schulleiterin, man macht es, weil der Unterricht ohne die Seiten besser wird. "Fast hatten wir uns damit abgefunden", sagt Cornelia Herrmann, die Vorsitzende im Elternbeirat. "Wir dachten: Na ja, die Seiten sind weg, das ist jetzt halt so." Schwester Marcellina versicherte bedauernd, solche Aufregung hätten die Schwestern nicht gewollt. Aber 14 Tage später zog die Biologielehrerin der 8. Klasse deren Bücher ein. Wie fundamentalistisch sind die Schulschwestern? Sie sollten nicht lesen, dass das menschliche Sexualverhalten nicht nur der Fortpflanzung dient. Dass es das Bedürfnis nach Lust und Erregung erfüllt und das Bedürfnis nach Freude und Glück. Die Bücher verschwanden, die Eltern protestierten, die Nonnen stellten sich taub. Und wenig später war im "Nordbayerischen Kurier" von einem bösen Verdacht zu lesen: dass Auerbacher Schulschwestern dem Gedankengut einer radikalen fundamentalistischen Organisation verpflichtet seien ­ dem "Engelwerk", dessen Schriften anzuwenden der Vatikan untersagt. Tanz und Fasching verbietet dieser Glaube, und wer ein Sexualkundebuch in die Finger bekommt, dem wird geraten: "Zerreißt das Ding." Dass sie dem Engelwerk nahe stünden, bestritten die Schwestern. Aber das Misstrauen blieb. Man erinnerte sich plötzlich an Pater Morscher, einst ein wichtiges Mitglied im Engelwerk, der jahrelang im Kloster der Exerzitienmeister war. An den Tanzkurs in der Schulturnhalle, der abgebrochen werden musste, weil er gegen das Gewissen von Schwester Marcellina, der Schulleiterin, und von Schwester Blandine, der Provinzoberin, verstieß. An den Schüler, der bei einem Motorradunfall starb, und von Schwestern war zu hören, dass das ein Zeichen Gottes gegen Tanzveranstaltungen sei. Die Nonnen schalten auf stur Wurde Auerbach unterwandert? Von einem Geheimbund, der sich seine Kaderschule schuf? "Die Sache eskalierte", sagt Helmut Ott, der Bürgermeister des kleinen Städtchens. Die Nonnen blieben stur. Lange sträubten sie sich, aber dann wurde Schwester Marcellina doch gegen die mildere Schwester Beata ausgetauscht. Biologie unterrichten jetzt weltliche Lehrer. Die Nonnen haben trotzig den Schulverband verlassen. Manche von ihnen, die einsichtigeren, sollen auch künftig unterrichten dürfen; wer das ist, das prüfen jetzt das bayerische Kultusministerium und die päpstliche Behörde im Vatikan. Schwester Blandine plant anders. Sie will die Realschule in eine Privatschule nach ihrem Geschmack verwandeln; der Antrag beim Ministerium ist gestellt. Und bis darüber entschieden ist, bleiben die Fundamentalistinnen sich treu: Wenn die Achtklässler ihre Biobücher zurückkriegen, haben ein paar Klosterschwestern gedroht, dann stellen sie den Unterricht ein. Mitten im Schuljahr. Sofort. BARBARA SUPP



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