Streiten GÜTESIEGEL VON DER AGENTUR

Boom beim Bachelor und Master ­ nun werden endlich Mindeststandards für die neuen Studiengänge festgelegt.


An seine Zeit als Avantgarde denkt Thomas Brill, 27, mit gemischten Gefühlen zurück. Vor sechs Jahren schrieb er sich an der Ruhr-Universität Bochum als einer der ersten Studenten in Deutschland für einen Bachelor-Studiengang ein. Er und seine Kommilitonen waren so etwas wie Parias.

"Der Asta, aber auch mancher Professor hielten uns für Dünnbrettbohrer, die nur an einem schnellen Abschluss anstatt an Bildung interessiert waren." Als "unwissenschaftlich" und als "Durchlauferhitzer im Dienste der Wirtschaft" wurden die in Bochum und Augsburg in Modellversuchen erprobten Studiengänge damals gern abgetan.

Solche Vorurteile grassieren zwar noch immer, aber wer sich heute für einen Bachelor-Studiengang einschreiben will, hat mittlerweile mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen ­ mit den Folgen eines unerwarteten Booms.

Seit Ende 1998 können alle deutschen Hochschulen gestufte Studiengänge nach angelsächsischem Muster einführen, und seitdem wächst das Angebot an Bachelor (BA)- und den darauf aufbauenden Master (MA)-Titeln ständig. Mehr als 350 Studiengänge haben die Universitäten und Fachhochschulen eingerichtet, zumeist in den Ingenieurs- und Geisteswissenschaften, in denen es zuletzt entweder an Studenten oder an Perspektiven für die Absolventen fehlte.

An den Hochschulen, aber auch in Politik und Wirtschaft gelten die neuen Angebote als Allheilmittel, um die Studienzeiten zu verkürzen, die Zahl der Studienabbrecher ­ derzeit über 70 000 pro Jahr ­ zu verringern und die Berufschancen auf dem weltweiten Arbeitsmarkt zu verbessern.

Ziemlich hohe Erwartungen, die so schnell nicht zu erfüllen sind. Denn im Gründungsfieber haben sich die Universitäten nicht miteinander abgestimmt ­ ein großes Durcheinander ist die Folge. Das Studienangebot ist unüberschaubar geworden, zwischen den Studiengängen bestehen teilweise erhebliche Qualitätsunterschiede. Manche Universitäten bieten den Bachelor bereits nach vier Semestern an, andere erst nach acht; Auslandspraktika sind mal vorgeschrieben, mal nicht.

Diesem Wildwuchs wollen die Hochschulen und die Länder nun mit Mindeststandards und Qualitätsprüfungen ein Ende bereiten. Ein Akkreditierungsrat mit Vertretern von Hochschulen, Gewerkschaften, Arbeitgebern und Studenten hat Kriterien aufgestellt, die für alle neuen BA/MA-Angebote gelten sollen. "Die Studiengänge müssen international ausgerichtet sein und für die Berufsbefähigung ihrer Studenten sorgen", meint der Vorsitzende des Rats, der Münchner Mathematik-Professor Karl-Heinz Hoffmann, 60.

Das klingt trocken, ist aber anspruchsvoll gemeint. Nur Studiengänge mit mehrsprachigen Vorlesungen, obligatorischen Auslandspraktika, ausländischen Dozenten und Prüfungen nach dem europaweit bewährten Credit-Point-System werden als "international ausgerichtet" anerkannt.

Um die "Berufsbefähigung" der Absolventen zu verbessern, sollen Industrie und Wirtschaft schon an der Entwicklung der neuen Studienangebote mitwirken. Das ist eine kleine Revolution ­ denn ob ein Studium auf einen Beruf vorbereitet oder nicht, interessierte bislang die deutschen Universitäten wenig.

Ob die neuen BA/MA-Studiengänge den Standards genügen, soll vor ihrer staatlichen Zulassung von Akkreditierungsagenturen geprüft werden. Die werden vom Akkreditierungsrat auf Zeit zugelassen; ihnen sollen neben Professoren und Studenten auch Vertreter der Wirtschaft angehören.

Erfüllt ein Studiengang alle Anforderungen, erhält er ein Gütesiegel, "mit dem die Hochschule um Studenten werben kann", erklärt Hoffmann. Zwingend vorgeschrieben wird dieses Verfahren zwar nicht. Einzelne Bundesländer aber haben bereits angekündigt, dass sie ohne Überprüfung und Gütesiegel keine BA- und MA-Studiengänge mehr zulassen werden.

Auch die Wirtschaft hält die Prozedur für unverzichtbar. "Bisher wurden neue Studiengänge vor allem formaljuristisch geprüft", sagt Udo Dierck, 51, beim Elektrokonzern Siemens für das Hochschulmarketing verantwortlich. "Mit der Akkreditierung bekommen inhaltliche Qualität und Kundenorientierung größeres Gewicht."

Davon sollen nicht zuletzt die Absolventen einen Vorteil haben. Siemens-Mitarbeiter Dierck will bei kommenden Einstellungen jedenfalls "auch darauf achten, ob jemand von einem akkreditierten Studiengang kommt oder nicht".

So könnte das Gütesiegel am Ende sogar die bisher eher mäßigen Berufsaussichten für Bachelor- und Master-Absolventen in der heimischen Wirtschaft verbessern.

MARCO FINETTI



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