Streitfall Mohammed Experten stellen sich hinter Islam-Professor

Muhammad Sven Kalisch bildet Islamkundelehrer aus. Seit er Zweifel äußerte, ob Mohammed wirklich gelebt hat, gilt er Islamverbänden als Frevler und sieht sich bedroht. Nun solidarisieren sich über 80 prominente Muslime und Wissenschaftler mit dem Münsteraner Professor.

Von Andrea Brandt


Koran: "Provokante Thesen zur Diskussion stellen"
DPA

Koran: "Provokante Thesen zur Diskussion stellen"

Er hat sich den Zorn islamischer Verbände zugezogen, er soll keine Islamkundelehrer mehr ausbilden und sieht sein Leben in Gefahr. Jetzt stellen sich mehr als 80 Wissenschaftler, Autoren und Vertreter religiöser Gruppen hinter den Islamtheologen Muhammad Sven Kalisch, erster Inhaber des Lehrstuhls für "Religion des Islam" am Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster.

In einer Solidaritätserklärung für Kalisch werfen sie dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) vor, sich von der "ergebnisoffenen Wissenschaft" zu distanzieren. Durch ihr Abrücken von Kalisch ließen die islamischen Verbände "eine historische Chance verstreichen, mit einem Hoffnungsträger die Zukunft des Islam und der Gesellschaft in Deutschland mitzugestalten".

Der Theologe, Philosoph und Volljurist Kalisch hatte aufgrund eigener Forschungsarbeiten Zweifel an der historischen Existenz des Propheten Mohammed und am Koran als Wort Gottes geäußert. Nach Protesten des KRM willigte er in den Vorschlag der Hochschulleitung ein, sich aus der Lehrerausbildung zurückzuziehen - aus Verantwortung gegenüber seinen Studenten, wie er sagt.

Kalisch unterstreicht aber: "Ich würde gerne weiter Islamkundelehrer ausbilden." Denn wenn die islamischen Verbände sich bei der Lehrerausbildung mit ihren Vorstellungen durchsetzten, bestehe "die große Gefahr, dass an staatlichen Schulen künftig nur noch unkritisch Glaubenssätze und Koranschul-Doktrinen weitergegeben werden".

"Mitdenken statt blinder Glaubensgehorsam"

KRM-Kritiker Kalisch bekommt aufgrund einer Bedrohungseinschätzung des nordrhein-westfälischen Staatsschutzes inzwischen besonderen Schutz. Einige Glaubensbrüder betrachteten ihn offenbar nicht mehr als Muslim, so Kalisch: "Und für Konservative verdient der, der vom Islam abfällt, den Tod."

Studiengang für Islamunterricht (in Münster): Wer bestimmt, wer an der Uni lehrt?
DDP

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Die Solidaritätserklärung für Kalisch, die SPIEGEL ONLINE dokumentiert, hat die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann auf den Weg gebracht. Zu den ersten Unterzeichnern der noch offenen Liste zählen unter anderem die Berliner Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates, Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland, der Hamburger Imam Mehdi Razvi sowie der Göttinger Arabist und Islamwissenschaftler Tilman Nagel.

Auch ausländische Experten wie Perry Schmidt-Leukel, Professor für Systematische Theologie und Religionswissenschaften an der Universität Glasgow, gehören zu den Erstunterzeichnern. In der Solidaritätserklärung heißt es, es sei Kalischs Aufgabe, "provokante Thesen zur Diskussion zu stellen". Es sei nötig, die Studierenden "zum Mitdenken statt zum blinden Glaubensgehorsam auszubilden".

Ali Kizilkaya, Sprecher des KRM und Vorsitzender des Islamrats, erneuerte indes seine Kritik an Kalisch. Es sei richtig, dass Kalisch, der Minderheitenpositionen vertrete, "aus der Lehrerausbildung entfernt" werde: "Wie soll jemand Islamlehrer ausbilden, der an den Grundprinzipien des Islam zweifelt?"

Über die Hintergründe des Disputs um Kalisch und über weitere Auseinandersetzungen um die Wissenschaftsfreiheit an deutschen Hochschulen berichtet DER SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe.



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