Streitgespräch zur Studienwahl Geld oder Liebe?

Lukas Geuter, 22, studiert Philosophie, Tobias Henn, 21, Volkswirtschaftslehre. Der eine könnte ewig studieren, der andere will nicht mit dem kleinsten Auto zum Klassentreffen fahren. Was zählt bei der Studienwahl: Geld oder Leidenschaft?

Fabienne Hurst

SPIEGEL ONLINE: Herr Geuter, Sie studieren Philosophie, wie oft wurden Sie schon gefragt: "Was macht man später dann damit?"

Geuter: Fast jedes Mal wenn ich sage, was ich studiere. Ich frage meist zurück, was mein Gegenüber mit seinem Studium machen möchte.

Henn: Kannst oder willst du keine Antwort geben?

Geuter: Die meisten Leute wollen es sowieso nicht wirklich wissen. Ich habe noch keinen genauen Plan. Ich kann mir vorstellen, einen Master zu machen, zu promovieren oder ich mache einen Master of Business Administration, absolviere Praktika und arbeite in der freien Wirtschaft. Vielleicht studiere ich auch noch etwas anderes, Ingenieurswissenschaften zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Sie interessieren sich für Maschinenbau?

Geuter: In meinem freiwilligen sozialen Jahr habe ich viel darüber nachgedacht. Der Vorteil bei den Naturwissenschaften wäre, dass ich auch in dem Feld arbeiten könnte, in dem ich studiert habe. Bei der Philosophie ist das ja eigentlich nie der Fall. Letztlich habe ich mich für das entschieden, was mich am meisten interessiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Henn, Sie studieren Volkswirtschaftslehre, was halten Sie von dieser Einstellung?

Henn: Jeder soll das studieren, was ihm Spaß macht. Sicherheit ist mir aber auch sehr wichtig und war ein Grund, weshalb ich mich für Wirtschaft entschieden habe. Da hat man eine Perspektive. Wenn ich nicht Wirtschaftsjournalist werde, kann ich immer noch in einer Bank arbeiten. Damit kann man eine Familie planen, heiraten, ein Häusle bauen, ein schönes Auto kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Geuter, sieht Ihre Zukunft auch so aus?

Geuter: Überhaupt nicht! Ich mag Kinder nicht besonders und fahre auch nicht gern Auto. Im Ernst: Dieser Sicherheitsgedanke ist zwar da, steht aber nicht im Vordergrund. Rational finde ich es nicht, so viel Geld verdienen zu wollen, bis man sich keine Sorgen mehr machen muss. Rational ist für mich, herauszufinden, wie ich ein erfülltes Leben erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Dürfen Philosophiestudenten überhaupt von Mittelklassewagen und Reihenhäuschen träumen?

Geuter: Mein Ziel ist es nicht, auch wenn ich denke, dass es erreichbar ist. Es ist ja nicht so, dass alle Philosophieabsolventen arbeitslos werden. Wobei wir natürlich nicht ein hohes Einstiegsgehalt wie Wirtschaftsabsolventen haben. Für einen Privatjet wird es nicht reichen.

Henn: …oder dazu, so reich und mächtig zu werden wie Joseph Ackermann. Der verdient doch so viel, dass er aufhören könnte zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das erstrebenswert?

Henn: Ich denke, wenn ich im Lotto gewinnen würde, ginge ich trotzdem arbeiten. Zu Hause zu sitzen und rumzugammeln, wäre nichts für mich.

Geuter: Findest du also, die Alternative zu Nicht-Arbeiten ist Rumgammeln?

Henn: Was soll ich sonst tun?

Geuter: Es gibt ja auch Tätigkeiten, für die man nicht bezahlt wird, die trotzdem erfüllend sind…

Henn: Klar. Aber mir geht es sogar jetzt manchmal so: Wenn ich nicht lernen muss, weiß ich nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Ich bin gern produktiv.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie schon einmal eine Studienfach-Krise?

Henn: In VWL wird besonders in den ersten beiden Semestern selektiert. Die Klausuren waren ziemlich hart. Da hat man manchmal Lust, alles hinzuschmeißen.

Geuter: Mir geht es auch so. Wenn ich zum Beispiel verschiedene Standpunkte lerne und keiner davon ist der richtige. Dann frage ich mich: Wozu das Ganze? Ich könnte es auch gleich lassen. Schließlich bekomme ich noch nicht einmal direkt einen Job und werde wohl nie das anwenden können, was ich in meinem Studium lerne.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt Sie dazu, trotzdem weiterzumachen?

Geuter: Die Neugier! Wenn ich einen Text verstehe, ist das für mich ein unglaublich befriedigendes Gefühl. Ich hatte das bisher in keinem anderen Fach in der Schule. Die Art zu denken, möchte ich nicht missen.

SPIEGEL ONLINE: Was wären für Sie Alternativen zum VWL Studium?

Henn: Ein Kumpel von mir hat eine Ausbildung bei der Sparkasse gemacht und ist jetzt Filialleiter. Manchmal frage ich mich: Wieso machst du das nicht auch? Ich könnte jetzt schon ein sicheres Gehalt und eine gute Position haben.

Geuter: Also ist es für dich wichtig, "weit nach oben" zu kommen?

Henn: Klar will ich nicht ganz unten bleiben. Wer möchte in seinem Leben nicht weit kommen? Es geht doch darum, sich Ziele zu stecken, und wenn man eins erreicht hat, kommt das nächste.

Geuter: Wenn es finanziell möglich wäre, könnte ich ewig studieren…

Henn: Das wäre nichts für mich. Ich will mich weiterentwickeln und nicht mehr auf Mama, Papa und Bafög angewiesen sein. Ich will mich auch an meinen Freunden messen. In ein paar Jahren möchte ich nicht mit dem kleinsten Wagen zum Klassentreffen fahren.

Geuter: So ein Konkurrenzdenken habe ich nicht. Wobei mir wichtig ist, im Studium erfolgreich zu sein. Und lange zu studieren, bedeutet ja nicht gleich Erfolglosigkeit.

Henn: Hat das etwas mit Konkurrenzdenken zu tun, wenn ich sehe, dass meine Freunde etwas erreichen und ich nicht? Ich fühle mich dann schlecht. Ich will zu niemandem aufschauen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Sie könnten Ihre Studienwahl irgendwann bereuen?

Geuter: Jetzt bereue ich es nicht. Es gibt zwar Statistiken, dass im Alter materielle Güter wichtiger werden, aber momentan gehe ich nicht davon aus.

Henn: Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg.

SPIEGEL ONLINE: Braucht man Philosophen in der freien Wirtschaft?

Geuter: Ich denke, dass Philosophen etwas einbringen, das andere Absolventen nicht haben. Zum Beispiel gehen wir weniger von festgelegten Tatsachen aus, weil unsere Theorien alles hinterfragen. Außerdem haben wir eine gewisse Übung darin, Texte auf logische Struktur zu überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Henn, wenn Sie Chef einer Bank wären, würden Sie einen Philosophen einstellen?

Henn: Da müsste ich erst einmal eine Kosten-Nutzen-Bewertung durchführen. Ich würde ihn aber auf jeden Fall Probe arbeiten lassen.

Das Interview führte Fabienne Hurst

insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
e-ding 15.07.2011
1. ...
Wie wäre es mit VWL und im Nebenfach Philosophie?
homo_popularis 15.07.2011
2. Armselig!
---Zitat--- Henn: Klar. Aber mir geht es sogar jetzt manchmal so: Wenn ich nicht lernen muss, weiß ich nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. ---Zitatende--- Oh Gott, wie arm muss ein Leben sein, dass man schon in dem Alter nichts mit sich anzufangen weiß, wenn man nicht gerade etwas so interessantes wie VWL lernen darf. Zum Thema: Geld oder Liebe? Beides! Studiert Maschinenbau, das ist interessant, vielfältig und ganz nebenbei auch nicht schlecht bezahlt.
zickezackehoihoihoi 15.07.2011
3. Wie
Zitat von sysopLukas Geuter, 22, studiert Philosophie, Tobias Henn, 21, Volkswirtschaftslehre. Der eine könnte ewig studieren, der andere will nicht mit dem kleinsten Auto zum Klassentreffen fahren. Was zählt bei der Studienwahl: Geld oder Leidenschaft? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,770871,00.html
kann man Kinder nicht mögen? Seltsamer Typ.
hinderschannes 15.07.2011
4. Wie wär´s...
mit einer Reform des VWL Studienfachs? Ethik, Moral, Ehrlichkeit, Milchmädchengleichung, Pyramidenspiel, Schneeballsystem, Rechtsphilosophie, Betragen sollten da unbedingte Pflichtfächer werden ;-P
muellerthomas 15.07.2011
5. .
Als VWler wurde ein typischer BWLer gezeigt ("Kosten-Nutzen-Analyse"). Die meisten VWL-Studenten interessieren sich für Politik, Geschichte, Philosophie und vieles mehr. Wer unbedingt Karriere machen will, sollte auch eher BWL oder Maschinenbau mit Nebenfach Wirtschaft studieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.