Student in der Arktis Expedition ins Schneereich

Er bewegt sich auf brüchigem Eis und ist manchmal von der Außenwelt isoliert. Abenteurer Julian von Blücher hat sein Zelt in der Arktis aufgeschlagen. Der Karlsruher Student ist gerade als "Klimabotschafter" am Nordpol - mit vier Kilo Schokolade und Babytüchern im Gepäck.

Von Katrin Schmiedekampf


Die Welt von Julian, 25, ist kalt und weiß. Er wohnt in einem Zelt, das auf einer zwei Meter dicken Eisschicht in der Nähe des Nordpols steht. "Hier drunter ist der 4200 Meter tiefe Ozean", sagt der Karlsruher Student. Er ist zurzeit als Klimabotschafter in der Arktis unterwegs und findet es dort "unglaublich".

Julian von Blücher ist nicht allein - neben ihm erkunden gut 50 weitere Menschen die Umgebung der russischen Polarstation Barneo in der Nähe des magnetischen Nordpols. Einige von ihnen sind Abenteurer, andere haben einen wissenschaftlichen Auftrag: Sie wollen die Dicke des Eises messen, sein Alter und seine Beschaffenheit bestimmen, die neuen mit älteren Werten vergleichen - und so herausfinden, wie sich der Klimawandel auf die Arktis auswirkt.

Julian gehört zu dieser Gruppe von Forschern. Er unterstützt Christian Haas vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut bei seinem neuesten Projekt, eine Wetterstation in der Arktis aufzubauen. Der Student selbst ist kein Naturwissenschaftler, sondern angehender Wirtschaftsingenieur. Er hat sich aber in seinem Hauptstudium auf das Thema Umweltökonomie spezialisiert: "Ich beschäftige mich mit Themen wie Klimatalogie und meteorologische Umweltgefahren und verstehe daher vieles von dem, was die Klimaforscher besprechen und tun."

Der Biorhythmus spielt verrückt

Für die Umwelt setzt sich Julian bereits seit seiner Kindheit ein. Während des Studiums hat er das Mensadach seiner Universität mit der Grünen-Hochschulgruppe in ein Solarkraftwerk verwandelt. Mit seiner Kampagne überzeugte er auch die Jury des internationalen "Climate Change College" und wurde als erster Deutscher zum "Klimabotschafter" berufen. Nun will er von seiner Idee, Photovoltaik-Anlagen auf Unidächern zu installieren, bei einer Sommertour auch andere Hochschulen begeistern.

Das Projekt in der Arktis, ins Leben gerufen vom Umweltaktivisten Marc Cornelissen, wird von der Umweltstiftung WWF gefördert und von einer Eisfirma finanziert. Julian erfuhr davon über einen Freund und war "sofort begeistert". Das Leben in der Arktis konnte er sich bis vor wenigen Tagen nicht vorstellen. "Es gibt hier keine feste Unterteilung in Tag und Nacht, weil es immer hell ist", sagt er. Der Biorhythmus gerate völlig durcheinander. "Man schläft aber nicht nur so wenig, weil es nie dunkel wird, sondern auch, weil man so viele interessante Leute trifft."

Gleich am ersten Morgen zum Beispiel Barbara Hillary, 75. Íhr ehrgeiziges Ziel: Als erste Afro-Amerikanerin wollte sie zu Fuß zum 100 Kilometer entfernten Nordpol laufen. "Sie hat mir ihre komplette Lebensgeschichte erzählt: dass sie aus einfachen Verhältnissen kommt und sich bis zum Doktortitel hoch gekämpft hat", erzählt Julian via Satellitentelefon.

Die Tromsø-Robbe knutscht gern

Erreichen kann man Julian nur so. Es rauscht manchmal, kurz darauf bricht die Satelliten-Verbindung komplett ab. Dann heißt es: geduldig sein, noch mal probieren. Einen Internet-Anschluss gibt es in der Station ebensowenig wie Handy-Empfang. "Ich kann nur Nachrichten auf eine Voice-Box sprechen. Sie werden dann in einer Mail mit MP-3-Anhang verschickt."

Was Julian den ganzen Tag macht? Gemeinsam mit den Wissenschaftlern Löcher in das Eis hauen und Messbohlen hineinlegen, um später Messdaten zu erheben. Am Bau der Wetterstation mithelfen, den Schlitten für das Material zusammenbauen, bei minus 15 Grad und Wind die Gegend erkunden. Darüber dreht er kleine Filme und schreibt seine Erlebnisse außerdem in ein Tagebuch.

Auch seinen Weg in die Arktis hat er dort dokumentiert: "Erst von Karlsruhe aus mit dem Zug nach Rotterdamm, dann über Oslo nach Tromsø im Norden von Norwegen", erzählt Julian. Dort bekam er im Polarmuseum einen Kuss von einer Robbe und hörte den Vortrag einer WWF-Mitarbeiterin über den Klimawandel und die Folgen für die Arktis. Weiter ging es nach Spitzbergen und gleich am nächsten Tag mit dem Flugzeug zum Nordpol. "Glückssache", sagt Julian: Eine andere Gruppe habe zehn Tage lang warten müssen, weil sich kein Flugzeug fand, das für die Barneo-Landebahn geeignet war.

Eisige Isolation gilt als normal

Diese Landebahn ist 750 Meter lang und musste schon mehrmals verlegt werden, weil die dynamische Eisdecke an einigen Stellen gebrochen war. "Zwischendurch sind wir komplett von der Außenwelt abgeschnitten, niemand kann hier weg oder her", sagt Julian. Kein Grund zur Sorge - denn die erfahrenen Forscher um ihn herum bleiben gelassen: "Das scheint also irgendwie normal zu sein."

Versorgt ist Julian gut. Was er dabei hat, nennt er "Arktis-Rundum-Sorglos-Paket": vier Kilogramm Schokolade, Angoraunterwäsche, Gletscherbrille, Sonnencreme mit UV-Faktor 50, einen Parka und Babytücher. Die Tücher sind mit Öl imprägniert, da hat die Kälte keine Chance. "Ganz anders als der Rest meiner Kulturtasche - Deo, Shampoo, Zahnpasta und so weiter. Das friert alles ein und ist dann nicht mehr weich zu bekommen." Es sei denn, man stecke es unter seine Achselhöhle.

Am Sonntag wird Julian wieder zweieinhalb Stunden im Flugzeug sitzen. Es geht zurück nach Spitzbergen - sofern die Arktis ihn freilässt. "Ich bin gespannt, ob die Landebahn dann wieder benutzt werden kann", sagt er. Ein paar Tage länger zu bleiben, das fände er nicht schlimm. "Wenn ich mir hier umschaue, ist alles weiß und wunderschön."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.