Student mit HIV Leichtsinn des Seins

Eine HIV-Infektion endet mit dem Tod - aber inzwischen kann der Ausbruch von Aids bei vielen Patienten über Jahrzehnte verhindert werden. Auch der Berliner Sozialpädagogik-Student Lars, 25, hat sich das Virus eingefangen, für immer. Man kann damit leben. Nur: Wie gut?

Lars mit Lektüre: Es geht nicht um Heilung, es geht um Hoffnung
Dawnin Meckel / Ostkreuz

Lars mit Lektüre: Es geht nicht um Heilung, es geht um Hoffnung


Vielleicht ist es in der Sauna passiert. Einer Schwulensauna, da geht es leicht: Flirt beim Schwitzen, und dann geht's ab ins Séparée, oft bevor man den Namen des anderen kennt. Alles eine Sache von Minuten. So genau kann Lars* also nicht sagen, von wem er es hat. "Klar habe ich mich meistens geschützt", sagt er. Aber eben nicht immer. Ohne Safer Sex kannst du dir was einfangen, das ist die Hypothek, die auf der Zwanglosigkeit liegt.

Und bei Lars ist es so gekommen.

Wenn er in einer Berliner Fachhochschule im Seminar sitzt, ist er ein Student unter vielen im sechsten Semester Sozialpädagogik. 25 Jahre alt, schmalbrüstig, Glatze, ein sorgfältig getrimmter Vollbart. Dazu Adidas-Shirt und enge Jeans. Heute steht Sozialrecht auf dem Lehrplan, 34 Leute sitzen im Raum. Von Zeit zu Zeit meldet sich Lars, sagt etwas, diskutiert. Er ist ein fleißiger Student mit guten Noten, und keiner hier ahnt, dass er HIV-positiv ist. Nur ein paar Kommilitonen aus seiner Lerngruppe wissen es.

Sollen sie doch denken, was sie wollen

Lars ist behütet aufgewachsen, in einem Kaff in Baden-Württemberg. Der Vater ist Klempnermeister, die Familie lebt auf dem Land. Sie haben viele Tiere: Hunde, Katzen, Pferde und Schildkröten. Mit den anderen Dorfkindern spielt Lars oft auf den Feldern und im Wald. Da ist das Leben noch sorglos und alle Bedrohung weit, weit weg.

Lars sitzt von Kindesbeinen an auf dem Pferderücken. Später wird er Dressurreiter. Er lässt sein Pferd durch die Manege trippeln und andere Kunststücke vorführen. Es ist ein bisschen wie Fahrradfahren lernen: Irgendwann fährt man freihändig. Lars trainiert jeden Tag drei Stunden und ist erfolgreich, gewinnt Turniere. "Mein Vater war so stolz, er hat mich immer zu den Wettkämpfen begleitet", erzählt Lars. Mit 16 hört er auf mit dem Sport. Er will ausgehen, trinken, rumknutschen - was Jugendliche eben so machen.

Da weiß er schon lange, dass er schwul ist. Mit 15 hat er es seiner älteren Schwester erzählt, ein Jahr später der Mutter und schließlich dem Vater. Vor dessen Reaktion hat er sich am meisten gefürchtet. Er sagt zu ihm ganz beiläufig etwas von seinem "Ex-Freund", und der Vater versteht sofort. Nimmt es locker auf, fragt ihn voller Neugier danach, wie das eigentlich genau funktioniert, wenn Männer sich lieben, so ganz praktisch. HIV kommt in dem Gespräch nicht vor.

Furcht vor Mitleid, das mit Ekel beträufelt ist

Im Dorf outet sich Lars zunächst nicht, aber so etwas macht schnell die Runde, spätestens als er mit dem Studium beginnt. Sollen sie doch denken, was sie wollen.

Lars lebt seine Sexualität, findet sein Leben aufregend, niemand, der ihm wichtig ist, schränkt ihn ein. 2003 macht er den ersten HIV-Test. Das Ergebnis: negativ. Er ist erleichtert. 2005 dann der nächste Check. Nach einer Woche kommt er ins Gesundheitsamt und wartet auf sein Ergebnis. Diesmal hat er Angst, so richtig. Er war in letzter Zeit öfter krank, bekam Herpes, hatte einen rötlichen Hautausschlag. "Ich hab irgendwie schon gespürt, dass ich es habe."

Er wird hereingerufen. Die Ärztin schaut ihn an, sehr direkt, sie nimmt eine Akte hoch und bittet ihn dann, mitzukommen. Da weiß er es. Denn beim letzten Mal schaute der Arzt nur auf eine Liste, suchte seine Nummer und sagte: alles okay.

Diesmal ist nicht alles okay. Die Ärztin nimmt ihn mit zu einer Sozialarbeiterin. Die soll ihn beruhigen und über die guten Behandlungsmöglichkeiten von HIV aufklären. So soll verhindert werden, dass sich Menschen etwas antun, die von ihrer Infektion erfahren.

"Ich lasse mir mein Leben davon doch nicht vermiesen"

Lars bleibt cool. Am nächsten Morgen erzählt er es seinem besten Kumpel Ingo, der ihn in den Arm nimmt und fast mehr weint als Lars selbst. Ansonsten behält Lars es für sich, fürchtet Mitleid, das mit Ekel beträufelt ist. Dass manche Leute sich umbringen wollen, wenn sie von ihrer HIV-Infektion erfahren, versteht Lars nicht: "Ich lasse mir mein Leben davon doch nicht vermiesen." Schließlich sei das HI-Virus doch heute nur noch eine chronische Krankheit - wie Diabetes. Was er nicht sagt: Auch dieser Tage sterben viele Menschen weltweit an den Folgen ihrer Infektion.

Lars' Wohnung in Berlin. Draußen rauscht die Großstadt, bläst ein schneidend kalter Wind, hier im Hinterhaus ist es ruhig. Auf die Wand hat er in braunen Lettern einen Ausspruch Oscar Wildes gepinselt: "Erfahrung! Diesen Namen geben Menschen ihren Fehlern". Ein schicker Laptop steht aufgeklappt auf dem Tisch, seine beiden Frettchen "Sky" und "Mia" flitzen durchs Zimmer.

Michael ist da, Lars' Freund. Auch Michael, 38, ist positiv, auch er hat eine Glatze und trägt einen Vollbart. Aber er überragt Lars um ein gutes Stück und hat ein Lausbubengesicht. "In unserem Umfeld ist fast jeder betroffen", sagt er. Bis vor kurzem hat er in einer Schwulensauna gearbeitet. Vor fast einem Jahr haben Lars und er sich dort kennengelernt. An ihrem Jahrestag werden sie essen gehen zu ihrem Lieblingsitaliener und sich Blumen schenken. Es ist die große Liebe, sagen sie, sie wollen für immer zusammenbleiben und sich treu sein - der große Traum in der volatilen Schwulenwelt.

* Name von der Redaktion geändert

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Seite 1
mats123 03.02.2010
1. Und bezahlen dürfen die anderen
Der Artikel ist mir insgesamt zu unkritisch. Es handelt sich bei den Schwulen um erwachsene Menschen, die auch entsprechend Verantwortung für ihr leichtsinniges Handeln übernehmen sollten und dies auch offen zugestehen sollten. Aber damit zu kokettieren, dass man eben eine Barebacker gewesen sei (d.h. ungeschützten schwulen Sex bevorzugt habe), sich jetzt aber die teuren Medikamente ein Leben lang von der Allgemeinheit bezahlen lässt, ist doch ziemlich egoistisch und unreif. Eine HIV-Behandlung kostet pro Jahr etwa 20.000 Euro, in 40 Jahren damit 800.000 Euro. Für beide zusammen macht das 1,6 Mio. Euro. Das muss die Allgemeinheit dafür auf den Tisch legen, dass zwei Schwule leichtsinnig in Schwulensaunas ungeschützten Sex hatten, obwohl sie auch ein Kondom hätten nehmen können. Ich meine, der SPIEGEL sollte das auch mal sagen. Wozu machen wir denn die ganzen AIDS-Kampagnen, wenn hier im SPIEGEL dann suggeriert wird, dass schon alles in Ordnung sei, dass ja letztlich die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt (steigende Krankenkassenbeiträge) und man auch mit HIV heute noch einen Bausparvertrag abschließen könne. Vielen anderen kranken Menschen (Krebskranke usw.) werden bestimmte Medikamente und Behandlungen verweigert, weil das Gesundheitssystem klamm ist. Aber für die HIV-Infizierten, die sich selbstverschuldet den Virus eingefangen haben, ist das Geld da, die müssen ja behandelt werden.
derweltbuerger 03.02.2010
2. A former AIDS patient speaks out on TV
http://www.youtube.com/watch?v=tCGVZ6oWoTA
Tuckerzoertchen 03.02.2010
3. Verharmlosung
Mein Verlobter war HIV-positiv und ist letztes Jahr im August verstorben. Nicht an AIDS, sondern an Krebs. Die Ärzte, die ihn behandelt und bis in seinen Tod begleitet haben, schilderten uns, dass die Krebsrate bei HIV-Patienten weitaus höher ist als bei Nichtinfizierten. Ob es eine Folge der Infektion selbst oder evtl. Nebenwirkungen der antiretroviralen Therapie seien, könne man nocht nicht sagen; hier stecke die Forschung noch in den Anfängen. Bis zum Schluß war bei meinem Lebensgefährten die Virenlast unter der Nachweisgrenze; in der Hinsicht waren die Medikamente, die er schon seit 12 Jahren genommen hat, wirklich hervorragend auf ihn abgestimmt und wäre der Krebs nicht "dazwischen gekommen", hätte er auch gut und gerne ein Alter von 60 oder 70 erreichen können. Er wurde nur 42. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man HIV auf die leichte Schulter nehmen und sich auf den Therapiefortschritten ausruhen kann. Die Einschränkungen, die man in Kauf nehmen muß, die Nebenwirkungen der antiretroviralen Therapie, die ja auch die Leber und die Nieren nicht unbeschadet lässt, die immer noch stattfindende Ausgrenzung... Ist das nicht Grund genug, sich zu schützen? Ich wünsche jedem Infizierten, dass er ein langes, glückliches und weitestgehend gesundes Leben führt. Aber verharmlosen wie in diesem Artikel darf man die Krankheit nicht. HIV ist tödlich, HIV ist nicht heilbar, gegen HIV kann man sich nicht impfen lassen und HIV wird einen schleichend immer stärker einschränken.
topomoos, 03.02.2010
4. Gebot der Menschlichkeit
Zitat von mats123Der Artikel ist mir insgesamt zu unkritisch. Es handelt sich bei den Schwulen um erwachsene Menschen, die auch entsprechend Verantwortung für ihr leichtsinniges Handeln übernehmen sollten und dies auch offen zugestehen sollten. Aber damit zu kokettieren, dass man eben eine Barebacker gewesen sei (d.h. ungeschützten schwulen Sex bevorzugt habe), sich jetzt aber die teuren Medikamente ein Leben lang von der Allgemeinheit bezahlen lässt, ist doch ziemlich egoistisch und unreif. Eine HIV-Behandlung kostet pro Jahr etwa 20.000 Euro, in 40 Jahren damit 800.000 Euro. Für beide zusammen macht das 1,6 Mio. Euro. Das muss die Allgemeinheit dafür auf den Tisch legen, dass zwei Schwule leichtsinnig in Schwulensaunas ungeschützten Sex hatten, obwohl sie auch ein Kondom hätten nehmen können. Ich meine, der SPIEGEL sollte das auch mal sagen. Wozu machen wir denn die ganzen AIDS-Kampagnen, wenn hier im SPIEGEL dann suggeriert wird, dass schon alles in Ordnung sei, dass ja letztlich die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt (steigende Krankenkassenbeiträge) und man auch mit HIV heute noch einen Bausparvertrag abschließen könne. Vielen anderen kranken Menschen (Krebskranke usw.) werden bestimmte Medikamente und Behandlungen verweigert, weil das Gesundheitssystem klamm ist. Aber für die HIV-Infizierten, die sich selbstverschuldet den Virus eingefangen haben, ist das Geld da, die müssen ja behandelt werden.
Das sind die üblichen homophoben Argumente. Was wäre denn die Alternative? Behandlung verweigern, wenn das jemand nicht selbst bezahlen kann? Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Es ist einfach ein Gebot der Menschlichkeit, zu helfen.Punkt. Ich zahle auf jeden Fall lieber für die Behandlung von HIV-Positiven als für kriminelle Banken, Uniformierte in Afghanistan, Autobahnen, Irrsinnsprojekte à la Stuttgart 21 usw.
Carrie, 03.02.2010
5. Dummheit!
So ein grottenblöder Leichtsinn! Was muss mich eigentlich reiten, im Wissen um AIDS und wenn ich mich in einer Szene bewege, in der die Ansteckungsgefahr deutlich erhöht ist, mich nicht zu schützen? Generell mich nicht zu schützen, wenn ich mit irgendeiner Zufallsbekanntschaft aus der Sauna ins Separee springe? Ist ja nicht nur AIDS, was man sich da an Unappetitlichkeiten einfangen kann. Und dann noch munter andere anstecken, weil Safer Sex ist ja nix gefühlsechtes Für sowas habe ich null verständnis! Krass gesagt: diese Menschen kosten das Gesundheitssystem massig Kohle, und das aus purem Leichtsinn. eigentlich müssten diese Leute ihre Behandlung aus eigener Tasche zahlen (gerne auch Raucher, Trinker etc.) Achja ich hör schon das Geschrei...aber so ist es!
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