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09. März 2016, 12:01 Uhr

Ungewöhnliche Tauschaktion

Suche Haus für Flüchtlinge, biete Dosentelefon

Ein Interview von

Philipp Christov wollte die Theorie aus seinem BWL-Studium in die Praxis umsetzen - und Gutes tun. Also begann der 23-Jährige zu tauschen. Sein Ziel: eine Unterkunft, die er spenden will.

SPIEGEL ONLINE: Herr Christov, vor einem Jahr haben Sie mit einem ungewöhnlichen Projekt begonnen: Sie wollen sich ein Haus ertauschen, in dem geflüchtete Kinder und Jugendliche wohnen können. Warum?

Christov: Zwischen dem dritten und vierten Semester meines BWL-Studiums in München habe ich mich gefragt, welche Werte mir im Leben eigentlich wichtig sind, wofür ich stehen will. Und da wurde mir bewusst, dass ich etwas Gutes tun will, vor allem jetzt, wo so viele Flüchtlinge unsere Hilfe brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso verteilen Sie nicht einfach Kleidung oder Essen, wie es andere Studenten tun?

Christov: Ich finde es großartig, wie sich viele einsetzen, aber ich wollte etwas machen, bei dem ich Inhalte aus dem Studium anwenden kann. Wir lernen so viel darüber, wie man Dinge am besten umsetzt, wie man gut organisiert und soziale Kompetenzen erwirbt - aber jede Theorie ist nutzlos, wenn man sie nicht in die Praxis umsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Tauschidee gekommen?

Christov: Ich hatte von einem Kanadier gehört, der ein Haus ertauscht hat. Und ich dachte, mit einer Tauschaktion könnte ich meine sozialen Kompetenzen trainieren und lernen zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Und klappt das?

Christov: Eigentlich schon. Am Anfang habe ich zum Beispiel mein Anliegen immer demjenigen vorgestellt, den ich als Erstes am Apparat hatte. Ich habe erst später gelernt, dass man mit Menschen sprechen muss, die auch über Dinge entscheiden können. Und ich habe gelernt, mich durchzubeißen, auch wenn mal etwas nicht klappt.

SPIEGEL ONLINE: Der Kanadier hat seine Tauschaktion mit einer Büroklammer begonnen. Sie fingen mit einem Dosentelefon an.

Christov: Ich wollte eigentlich mit einer Scheibe Brot anfangen, aber dann habe ich mir gedacht, dass die entweder schlecht oder hart wird. Das Dosentelefon hatte ich noch in meinem Wohnheim, weil ich damit eine Zeit lang mit einer Mitbewohnerin telefoniert habe, die im Zimmer unter meinem wohnt. Außerdem dachte ich mir, so ein Dosentelefon ist doch ein schönes Objekt, weil es Menschen miteinander verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam der erste Tausch zustande?

Christov: Ich habe eine Frau angesprochen, die vor einem Kindergeschäft in der Sonne saß, und ihr erklärt, was ich vor habe, sie fand die Idee gut und tauschte das Dosentelefon gegen ein Gips-Set, mit dem man Abdrücke von Baby- oder Kinderhänden machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat das denn ertauscht?

Christov: Ich habe erst einmal Mütter in der Münchner Innenstadt angesprochen, aber die hatten oft nichts dabei, was sie tauschen konnten. Dann habe ich in Läden gefragt, ob ich dort Kunden ansprechen dürfte, aber das wollten die Inhaber nicht. Schließlich bin ich in einen edlen Friseursalon gegangen, und die Betreiber tauschten das Gips-Set gegen einen Gutschein im Wert von 70 Euro. Der ist mir aber leider abhandengekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Christov: Ich wollte den Gutschein auf einer Veranstaltung einem prominenten Komiker zum Tausch anbieten. Vor Ort lernte ich jemanden kennen, der Zutritt zum Backstagebereich hatte und meinte, er könnte den Gutschein übergeben. Nachdem ich mir den Backstagepass zeigen ließ, übergab ich ihm den Gutschein mit meinem Kontaktdetails und Infos zum Tauschprojekt. Leider ist der nie bei dem Komiker angekommen, wie mir das Management später sagte, als ich nachgefragt habe.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dann gemacht?

Christov: Ich bin noch ein zweites Mal zu dem Friseursalon gegangen und habe erzählt, was passiert ist. Das war mir total peinlich, aber die Mitarbeiter waren sehr verständnisvoll. Ich hatte vom Management des Komikers eine DVD erhalten, damit ich weitertauschen konnte und dafür haben mir die Betreiber des Friseurs einen neuen Gutschein gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Und irgendwann hatten Sie einen Smart?

Christov: Ja, der kam von einem älteren Ehepaar. Die beiden hatten einen Bericht über mich in den Münchner Medien entdeckt, und weil sie nur eines ihrer zwei Autos brauchten, haben sie mir den Smart angeboten. Diesen wiederum habe ich gegen einen Imagefilm getauscht und diesen dann gegen einen Abend in einer Event-Location in Unterschleißheim.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Smart nicht mehr wert als ein Abend in einem Veranstaltungsgebäude?

Christov: Das ist ein Abend für 100 bis 150 Leute inklusive Getränke und Buffet im Wert von 10.000 Euro. Das ist nicht schlecht, aber bis Dezember muss ich noch ein paar Tauschgeschäfte machen, um das Haus zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum bis Dezember?

Christov: Bis dahin, also bevor es richtig kalt wird, sollen geflüchtete Kinder und Jugendliche dort einziehen, oder es sollen dort Integrationskurse für sie stattfinden.

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