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15. Dezember 2014, 10:19 Uhr

Außergewöhnliche Geldanlage

Klamme Studenten verkaufen sich an Investoren

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Bis zu 48.000 Euro kostet ein Studium an der Privatuni Witten/Herdecke. Um das zu finanzieren, hatten Studenten eine Idee: Anleger investieren direkt in den akademischen Nachwuchs - allerdings mit sehr unsicheren Renditeaussichten.

Fast 20 Jahre lang gab es eine passable, sozialverträgliche Lösung für das Studiengebühren-Dilemma der Privatuniversität Witten/Herdecke. Die Leitfrage der anthroposophisch geprägten Uni lautete: Wie kann es gelingen, dass Studenten an die Hochschule kommen, die nicht das Geld für ein teures Privatstudium haben?

Das bisherige Finanzierungsmodell der nettesten unter den Privatuniversitäten ist eine Wette: Verdient ein Absolvent später über einer bestimmten Jahressumme, überweist er einen vom Studiengang abhängigen Prozentsatz seines Einkommens über eine Zeitraum von zehn Jahren nach Witten - begleicht also seine Studiengebühr, ähnlich dem Bafög-Modell, im Nachhinein. Der einzige Unterschied: Das zinslose Darlehen wird anders als beim Bafög in voller Höhe fällig, allerdings nur, wenn man gut verdient. Vom Prinzip her kann ein in Witten ausgebildete Mediziner also Chefarzt werden oder schlecht bezahlt bei einer Hilfsorganisation arbeiten - seine Belastung bemisst sich nach dem Einkommen.

Studenten mit Wertpapierkennnummer A12UD9

Weil dieses alte Modell an seine Grenzen stößt, haben sich der Student Niklas Becker, 31, Finanzvorstand der Studierendengesellschaft, und seine Mitstreiter etwas Neues überlegt: Was, wenn wir aus Studenten ein Finanzprodukt machen? Wertpapierkennnummer A12UD9, handelbar an der Düsseldorfer Börse. Quasi: kluge Köpfe als Kapitalanlage. Die Nachfrage war so groß, dass die Gesellschaft Ende November mitteilte: Die Zeichnungsfrist werde vorzeitig beendet. Alle Anteile sind vergeben.

Wittens Problem ensteht dadurch, dass die Privatuni wachsen soll. 1700 Studenten sind eingeschrieben, bis Ende des Jahrzehnts sollen es 2500 werden. Damit steigt die Zahl derjenigen, die auf Kosten früherer Absolventenjahrgänge studieren. Bis 2025 wären dann 25,7 Millionen Euro nötig, um die Lücke zu schließen. Ein Bankkredit reiche dafür nicht mehr.

Student Becker ist für Philosophie, Politik und Ökonomik eingeschrieben, das kostet 26.640 Euro. Auch er hat sich für die Option entschieden, erst nach seinem Abschluss zu bezahlen. Um Studenten auf dem Kapitalmarkt anbieten zu können, haben Becker und seine Vorstandskollegen zunächst potenzielle Investoren gefragt, welche Rendite sie bieten müssten, um an Geld zu kommen. Jetzt stellt die Anlageform "Student" 3,6 Prozent Zinsen pro Jahr in Aussicht. Der Schuldschein ist ein fairer Deal, findet Becker. 7,5 Millionen Euro seien so bis Ende November zusammengekommen.

Interessant ist, wer Rendite bringt

Wie bei börsennotierten Produkten üblich, hatte ein Anwalt zuvor einen 160-Seiten-Prospekt erstellt, in dem die Chancen und vor allem die Risiken der Studenten-Anleihe erklärt werden, und die sind nicht ohne: "keine oder nur geringe Rückzahlung von Finanzierungsbeiträgen aufgrund allgemeiner Lebensrisiken der Studierenden" steht dort. Und "Risiken im Zusammenhang mit der Universität Witten/Herdecke".

Auch wenn Bildung als Kapitalanlage ungewöhnlich klingt, brandneu ist die Idee nicht: Ein Schweizer Verein vermarktet bereits eine "Studentenaktie". Investieren können Anleger dabei in einen Studenten ihrer Wahl, der sie anschließend an seinem Einkommen beteiligt. Der Finanzanbieter Career Concept aus München lockt Investoren damit, dass ihr Geld gewinnbringend in Studenten von edlen Privathochschulen wie etwa der European Business School fließt. Und das Frankfurter Finanzunternehmen Deutsche Bildung AG versprach gut sechs Prozent Rendite, als es vor sieben Jahren seinen Fonds startete.

Wirklich durchgesetzt hätten sich solche Finanzmodelle hierzulande allerdings nicht, sagt der Bildungsökonom Dieter Dohmen, Direktor des privaten Beratungsinstituts Fibs. "Das sind Nischenprodukte geblieben." Das dürfte auch daran liegen, dass die Anbieter vor allem auf potenzielle Top-Studenten zielen müssen, um die Renditeerwartungen der Anleger zu erfüllen. "Die werden sich fast automatisch eher auf die Betriebswirte und Techniker stürzen als auf die Frau, die Geisteswissenschaften studiert", sagt Dohmen. Hinzu kommt: Auch für die Studenten kann sich das Angebot als schlechtes Geschäft entpuppen. Leihen sie sich das Geld selbst beim Staat, dürften sie mit einem geförderten KfW-Studienkredit wegen der aktuellen Niedrigzinsphase billiger davonkommen. Bildung und Finanzmarkt passen offenbar nur bedingt zusammen.

Hält man Niklas Becker vor, Studenten in Spekulationsobjekte zu verwandeln, protestiert er. "Ein sinnstiftendes Investment" sei das, sagt er, eine nachhaltige Geldanlage, die jungen Menschen Freiheit geben soll - und Kapitalgebern ein gutes Gefühl. Doch sinnvoll für den Anleger ist es nur, wenn sich das ökonomische Kalkül und die Risiken als vertretbar erweisen. "Wenn alle Mediziner hinterher zu einer Hilfsorganisation gehen, dann stehen wir vor einer Herausforderung."

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