Studenten auf der Fashion Week "Verschleierung kann sexy sein"

Minirock und Kopftuch: 13 Jungdesigner einer Berliner Kunsthochschule feiern Fashion-Week-Premiere und überraschen die Mode-VIPs. Denn sie verhüllen ihre Models auch schon mal - weil sie's so schöner finden.

Von Christoph Cadenbach


Sechs Wochen Plackerei und jetzt sieht Cora das Ergebnis nicht. Die Modestudentin muss Backstage warten, während im Berliner Postbahnhof gerade das Licht ausgeht. Kirchenmusik setzt ein. Handys glimmen in der Dunkelheit. Erwartungsheischende Dramatik bis die Scheinwerfer aufblitzen und das erste Model im beckenwogenden Stechschritt den Catwalk abschreitet. Die Kaschmirschal-Dandys im Publikum, die arroganten Blicke der Models. Alles wirkt überprofessionell - nur ein paar Designer, die hier ihre Kollektionen präsentieren, sind es eigentlich noch nicht. Sie sind Studenten.

Die Berlin Fashion Week gehört zur Champions League der Modebranche und in dieser Königsklasse dürfen normalerweise nur die großen Namen spielen: Hugo Boss, Zac Posen oder Michael Michalsky. Doch wie im Jahr zuvor, ist auch bei der zweiten Auflage der Berliner Modewoche eine Nachwuchsschmiede geladen, diesmal die Kunsthochschule Weissensee. 13 junge Modedesigner haben im offiziellen Show-Programm ihren ersten großen Auftritt. Und Cora, 24, ist eine von ihnen.

Gleich die ersten Models auf dem Laufsteg tragen Coras Kleider. 600 Augenpaare sind nun auf ihre Semesterarbeit gerichtet. Ein paar Augenroller gibt es, aber auch viele, die zustimmend Nicken. Den Fotografen, die sich am Kopfende des Catwalks aufgestapelt haben, gefallen die Abendkleider anscheinend am besten. Sie giggeln und knipsen und einige pfeifen sogar. Ein kurzes Schwarzes, das die Beine betont und sich Obenrum weich um den Körper schlängelt, lässt die Kameras klicken. Am Hals läuft das Kleid zu einer Kapuze zusammen und verschleiert das Modelgesicht bis auf die Augen. Unten Disko, oben Moschee: Eine Minirock-Tschador-Kombination.

Oben Kopftuch, unten nackte Beine

"Wir wollten traditionelle muslimische Mode mit westlicher Lässigkeit mischen, um den Betrachter in seinen Sehgewohnheiten zu irritieren und mit gängigen Kleiderchiffren zu brechen", sagt Cora, die mit vollem Namen Cora Isabel Stechern heißt. Ganz schön viel Politik für ein bisschen Stoff. Aber Mode war immer wieder Zeichen einer politischen Stellungnahme: Von der Umdeutung des Bundeswehrparkas durch die 68er Generation bis zur Baggy-Jeans, die den Schlabberhosen in amerikanischen Gefängnissen nachempfunden ist.

Cora hat die Kollektion zusammen mit ihrer Kommilitonin Eva Lynn Haberl entworfen. Die beiden wohnen in Kreuzberg. Dort hätten sie sich inspirieren lassen, sagen sie, von Mädchen, die Kopftücher tragen, aber auch hohe Stiefel zu nackten Beinen. "Verschleierung kann sexy sein, wenn sie selbst gewählt ist", sagt Eva. Eines ihrer Burka-Kleider hat sie in der Öffentlichkeit getestet. Weder im Edelrestaurant noch an der Currywurstbude habe es Ärger gegeben, erzählt die 26-Jährige. "Die wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten und haben mich ignoriert."

Bei der Generalprobe vier Tage vor ihrem Fashion-Week-Debüt hätten Cora und Eva auch gerne alles ignoriert - die ganze Hektik, die um sie herum ausgebrochen war. In der kronleuchterbehangenen Uni-Aula war Ausnahmezustand: Models staksten auf High Heels zwischen Schuhbergen und Kleiderständern umher. Hier strahlte ein weißer Po, dort schälte sich eine behaarte Männerbrust aus einem Oberhemd. Und überall flitzten Helfer herum. Es gab ein Anzieh-Team, ein Schuh-Team, ein Foto-, Musik- und Presseteam und eins, das alles koordinierte. In diesem Durcheinander wurde eines schnell klar: Eine Modenshow ist vor allem ein logistisches Problem.

Bei der Weissensee-Show auf der Fashion Week müssen 32 Models in einer Stunde 13 Kollektionen mit insgesamt 115 Outfits an- und wieder ausziehen. Manchmal hat man für einen Kleiderwechsel weniger als eine Minute Zeit, sagt Esther Zahn, die im dritten Semester studiert und bei der Show mithilft. Das Schuh-Team sei am meisten belastet, es gebe nur 35 Paare.

"Die Fashion Week ist eine große Chance für die Studenten", sagt Rolf Rautenberg, Modedozent an der Kunsthochschule Weissensee. "Vor allem, weil man sich hier keine Nachlässigkeiten erlauben kann, sondern unter absolut professionellen Bedingungen arbeiten muss. Das schult."

Modedesign ist elitär

Rautenberg ist einer von drei Professoren im Fachbereich Modedesign. Jedes Jahr muss er rund 350 Bewerbungsmappen durchsehen, und sich am Ende für gerade einmal 15 zukünftige Studenten entscheiden. Modedesign ist wie sämtliche Kreativstudiengänge eine elitäre Angelegenheit, aber im Unterschied zu privaten Schulen bezahlen die Studenten in Weissensee für ihr Studium nichts. Was zählt ist die Qualität.

Obwohl die Kunsthochschule Weissensee zu den bekanntesten Modeschulen Deutschlands gehört, bedeutet ein Abschluss nicht automatisch Paris, Naomi, Reichtum. Natürlich gebe es Ausnahmen wie das Label c.neeon mit Showrooms in London und Tokio, sagt Rautenberg, aber viele kämen erstmal beim Theater oder in der Industrie unter. "Die kreative Ausrichtung des Studiums hat jedoch den schmerzhaften Nebeneffekt, dass die Studenten auch kreativ arbeiten wollen."

Und ein bisschen lockt der Glamour schon. Cora und Eva nehmen das Modetraumwort "Paris" auffallend häufig in den Mund. Ebenso wie "New York", wo sie beide schon mal waren. Für Mode hätten sie sich immer interessiert. "Ich war ein autistisches Bastelkind", scherzt Cora. Und Eva, die gerne Skateboard fährt und im Sommer surfen geht, fand, dass "es im Streetwear-Bereich für Mädels immer nur Kackklamotten gab". T-Shirts mit Grafiken zu bedrucken fand sie zu öde. "Mode wird erst spannend, wenn es um die Formensprache geht, den Schnitt also."

Trotz Grippe glücklich

Die Schnitte der beiden kamen bei Rautenberg gut an. "Ein bisschen zu plakativ, aber wichtig war, dass auch Herrenmode zur Kollektion gehört", sagt er. Sechs Diplomanden, vier Ehemalige und nur drei aktuelle Studenten durften bei der Weissensee-Show auf der Fashion Week präsentieren.

"Alles gut gegangen", sagt Cora nach der Show. Dem verwöhnten Fashion-Week-Publikum hat der Jung-Designer-Mix gefallen. Einige Kollektionen, wie die eleganten schwarz-grauen Kleider von Simone Pätzold wurden mit Applaus bedacht. Über andere Stücke konnte man zumindest staunen, wie ein am Rücken ausfallend geschnittener Ledermantel, der an Batmans Kostüm erinnerte - und Kopftücher zum Minirock.

Am Ende steht Cora im leeren Postbahnhof. Der Trubel ist vorbei - und sie ist krank geworden. Doch trotz Grippe sieht die 24-Jährige glücklich aus.

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