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Fehlende Unterstützung an der Uni: Ich pflege meine Mama

Foto: Christopher Piltz

Heimliche Helfer Ich pflege meine Mama

Neben dem Studium hat Stefanie Lüddecke noch eine zweite Aufgabe: Sie pflegt ihre kranke Mutter. Doch Studenten wie sie bekommen bislang wenig Unterstützung. Auch weil kaum jemand darüber spricht.

An diesem Freitag geht Stefanie Lüddecke nicht in die Uni Hildesheim, sondern mit ihrer Mutter in den Supermarkt. Ohne ihre Tochter würde Ruth Lüddecke das nicht schaffen. Sie leidet an Multipler Sklerose. Vor etwa 15 Jahren bekam sie die Diagnose. Inzwischen kann sie kaum noch laufen.

Stefanie kann sich zwar nicht immer um ihre Mutter kümmern - schließlich muss sie auch etwas für ihr Lehramtsstudium in Kunst und Deutsch tun. Doch wenn es sich arrangieren lässt, hilft sie ihrer Mutter. "Wenn ich meine Kinder und meinen Mann nicht hätte, müsste ich ins Pflegeheim", sagt die 50-Jährige.

Mit den Jahren hat sich die Familie mit der Situation arrangiert, jeder hat seine Rolle gefunden. Die Pflege übernehmen Stefanie und ihr Vater, der selbst Krankenpfleger ist. Ihre beiden Geschwister sind mit 14 und 17 noch zu jung, um ihre Mutter offiziell pflegen zu können. "Wir haben unsere Alltage einander angepasst", sagt Stefanie.

Stefanie muss gut organisieren können, spontan und flexibel sein. "Ich hatte Glück, dass ich nur an drei Tagen in der Woche in die Uni muss", sagt sie. "Denn offiziell gibt es keine Priorisierung für mich." Den einzigen Vorteil, den Stefanie an der Universität durch die Pflege ihrer Mutter hat: Sie muss keine Studiengebühren zahlen.

Doch dafür muss sie jedes Semester erneut nachweisen, dass ihre Mutter pflegebedürftig ist. "Dabei wird sich der Gesundheitszustand meiner Mutter nicht bessern", sagt sie. "Die ganze Bürokratie am Rande frisst Zeit und verkompliziert vieles." Zeit, die sie gut in Referate, Hausarbeiten oder in ihre eigene Freizeit investieren könnte.

Bislang nur wenig Betroffene

Wolfgang Schröer arbeitet an der Uni Hildesheim als Organisations- und Sozialpädagoge; er findet, dass Universitäten sich bislang viel zu wenig darauf fokussieren, wie sich Studium und Pflege von Angehörigen vereinbaren lassen. "Eine familiengerechte Hochschule muss auf alle Lebenslagen und Sorgen der Studenten achten", sagt Schröer. "Bislang hat man meist die Betreuung von Kindern im Kopf, nicht die Pflege eines Elternteils." Der Wissenschaftler plädiert für eine breitere und offenere Diskussion an den Hochschulen: Die Studentenschaft habe sich verändert, genauso wie deren Fragen und Sorgen.

Es geht um Gerechtigkeit für einen Gruppe von Studenten, die zwar in der Minderheit ist, aber - mit Blick auf den demografischen Wandel - weiter anwachsen wird. Wie viele Studenten Angehörige pflegen, ist unklar. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, eine der größten Umfragen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studenten, geht nur auf den Aspekt "Studieren mit Kind" ein. Eine Befragung unter Studenten des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin zeigt immerhin, dass 5,4 Prozent von ihnen einen Angehörigen pflegen.

Fragt man in Niedersachsen, wie viele Studenten sich jedes Semester aufgrund der Pflege Angehöriger von den Studiengebühren befreien lassen, scheint die Zahl verschwindend gering: Gerade mal 10 bis 15 Studenten sind an der Uni Göttingen erfasst. Bei über 26.000 Immatrikulierten. Ähnlich sieht es an der Universität Hildesheim mit knapp 6000 Studenten aus.

Zum einen sind die Voraussetzungen schwierig, sich befreien zu lassen. Viele Betroffene wollen ihre private Situation aber auch nicht öffentlich machen. Das Thema sei bundesweit noch zu wenig im Universitätsalltag präsent, sagt die Sprecherin der Universität Mannheim, Katja Hoffmann: "Dazu muss es enttabuisiert werden." Die Pflege findet meist in den eigenen vier Wänden statt, selten berichten Betroffene offen und ausführlich darüber.

"Es war für mich entblößend"

Sie können ihr Studium auch nur begrenzt flexibler gestalten - sei es bei Abgabefristen, bevorzugter Zulassung zu Seminaren oder Stipendien.

Diese Erfahrung musste auch Sabine Reiken* machen. Die 31-Jährige Doktorandin musste vor eineinhalb Jahren ihre Promotion wegen der akuten Erkrankung ihrer Mutter unterbrechen. Als die nach wenigen Wochen schwerer Krankheit starb, verlor ihr psychisch kranker Bruder seine wichtigste Bezugsperson. Reiken konnte ihre Promotion vorerst nicht fortsetzen, sie musste sich um ihn kümmern.

Ihre Betreuer an der Uni unterstützten sie zwar, trotzdem musste Reiken sich entscheiden: Setzt sie ihre Promotion und damit die monatliche Unterstützung in Höhe von 1100 Euro zwischenzeitlich aus oder halbiert sie die Arbeitszeit und damit auch das Geld? "Ich war auf das Geld angewiesen, hatte deswegen keine Möglichkeit."

Doch auch die Reduzierung der Arbeitszeit ging nicht von allein. Eine mehrseitige Stellungnahme wurde angefordert, Gremien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die ihr Promotionsprogramm finanzierte, diskutierten über die Berechtigung des Antrags. "Es war für mich entblößend", sagt die Doktorandin. Am Ende konnte sie übergangsweise den Aufwand für die Promotion verringern; zusätzliches Geld oder gar eine Verlängerung des Stipendiums erhielt sie nicht. Bei Promotionsstudenten mit Kind hingegen verlängert die DFG das Stipendium um ein Jahr beziehungsweise zahlt das zusätzliche Geld aus.

Bislang sei die Definition von Familie einfach unzureichend, findet Hella Hertzfeldt. Die stellvertretende Direktorin des Studienwerkes der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sagt, Studenten mit Kind können sie im Rahmen der Richtlinien des Ministeriums unterstützen. "Bei pflegenden Studenten wird das schwieriger."

Das Wissenschaftsministerium verweist auf die kleine Zahl Betroffener. Es gebe bislang im Vergleich zu Studenten mit Kind zu wenig Studenten, die während des Studiums einen Angehörigen pflegen. Ein Argument, dass der Hildesheimer Professor Schröer nicht nachvollziehen kann. "Es geht nicht um die Anzahl, sondern um die Gerechtigkeit im Einzelfall."

*Name von der Redaktion geändert

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