Online im Hörsaal Immer appgelenkt

Von Almut Steinecke

2. Teil: Professoren-Lamento: Der aktive Wortschatz der Studenten schrumpft


"Die Studenten können sich kaum noch längere Zeit auf eine Sache konzentrieren", klagte Ende vergangenen Jahres der Bayreuther Uni-Professor Gerhard Wolf in einem SPIEGEL-Interview. Der Wissenschaftler hatte zuvor etliche Kollegen zu den Lese- und Schreibfähigkeiten ihrer Studenten befragt - und bittere Antworten bekommen. Der aktive Wortschatz vieler Hochschüler sei auf "wenige hundert Ausdrücke" geschrumpft, hieß es unter anderem. Oder: "Verstehendes Lesen ist eine Kunst, die kaum ein Erstsemester beherrscht."

Wolf und seine Kollegen führen die Entwicklung in erster Linie auf die permanente Beschäftigung mit digitaler Technik zurück. "Die Studenten kommunizieren auf eine Art, die dem sorgfältigen Lesen und Schreiben im Wege steht", sagt Wolf, "damit meine ich vor allem Kurznachrichten per SMS und Twitter."

Ruben Martens, der an der Universität Freiburg Englisch und Politik auf Lehramt studiert, kann die Kritik der Professoren "schon irgendwie" nachvollziehen. Allerdings glaubt er, dass manch ein Dozent nicht ganz unschuldig daran ist, wenn Studenten nicht mehr zuhören und stattdessen ein bisschen rumsurfen.

"Gerade dann, wenn ein Vortrag nicht so gut ist, neigt man dazu, online zu gehen", sagt er. Wenn es in der einen Welt langweilig ist, taucht man eben mal schnell in eine andere ab - und beschäftigt sich lieber mit seinem Smartphone.

Der Sog aus dem Netz ist so groß, dass zum Beispiel die Beschäftigung mit sozialen Netzwerken bei immer mehr Studenten sogar suchtähnliche Züge angenommen hat. Ein Umstand, den auch Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, kürzlich zum Thema machte.

Laut einer repräsentativen Studie zur "Prävalenz der Internetabhängigkeit" nutzen etwa 560.000 Deutsche das Internet so exzessiv, das man Dyckman zufolge von einer Abhängigkeit sprechen könne. Besonders Menschen zwischen 15 und 25 seien betroffen, mithin also auch viele Studenten.

So ist es kein Wunder, dass die Zahl der Hilfsangebote für Menschen mit pathologischem Internetgebrauch seit Jahren steigt. Deutschlandweit gibt es mittlerweile fünf große bekannte "Medienambulanzen", häufig angesiedelt im Uni-Umfeld, daneben zahlreiche Kliniken, zum Beispiel die Fachklinik Münchwies im saarländischen Neunkirchen, in der kürzlich auch Mika behandelt wurde.

Von Blog zu Blog - oft bis tief in die Nacht

Der Medizinstudent aus Heidelberg, der seinen richtigen Namen lieber verschweigen will, spielte keine Spiele, er war keiner dieser "World of Warcraft"-Süchtigen, die als Ork oder Elfe eintauchen in eine digitale Fantasy-Welt und irgendwann sogar vergessen, zu essen oder zur Toilette zu gehen.

Mika gierte nach News, unterhielt sich in Diskussionsforen, surfte von Blog zu Blog, oft bis tief in die Nacht. Regelmäßig verschlief er dann anschließend und ließ die Uni sausen. Um im Studium nicht total den Anschluss zu verlieren, lud er sich vom E-Learning-Portal der medizinischen Hochschule die PDFs versäumter Vorlesungen herunter. Leider hatte er meistens nicht die Kraft, sich länger als zehn Minuten mit den Texten zu beschäftigen.

Kommilitonen riefen ihn an, fragten, warum er nicht mehr zur Uni komme. Er redete sich immer heraus. "Mika, das ist kein Zustand", ermahnte ihn seine beste Freundin Xenia. Im April 2012 hörte er dann von der Fachklinik Münchwies, wo sich, ähnlich wie in anderen Einrichtungen, von Jahr zu Jahr mehr Menschen wegen pathologischen Internetgebrauchs behandeln lassen: Waren es in 2009 noch 55, habe sich die Zahl mittlerweile verdoppelt, berichtet Oberarzt Dr. Holger Feindel. Etwa ein Drittel seien Studenten.

Zwei Monate hat Mika in Münchwies in einer "Patienten-WG" gelebt, mit gleichaltrigen Leidensgenossen. Während der Therapie waren Computer tabu. "Stattdessen habe ich Dinge gemacht, die ich sonst nicht gemacht habe, ein Buch lesen zum Beispiel, ganz in Ruhe, von Anfang bis Ende.

Klingt vielleicht simpel, aber für mich war das eine neue Herausforderung", sagt Mika, der in Münchwies lernte, dass es auch soziale Ängste waren, die ihn ins Netz zogen: die Furcht, im Studium zu versagen, Prüfungen nicht zu schaffen. Mika teilt Internetseiten nun in Ampelfarben ein: "Diskussionsforen sind für mich rot, also tabu. Seiten für praktische Alltagsgestaltung, wie die fürs Online-Banking, sind grün."

Eine Stunde arbeiten, dann mal nachschauen

Strategien, den Internetkonsum einzudämmen und so auch wieder einen klareren Kopf zu bekommen, empfiehlt der Berliner Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert nicht nur Menschen wie Mika.

Der Autor des Buchs "Schluss mit dem ewigen Aufschieben" hält Smartphone, Laptop und Internet zwar auch für wertvolle Helfer auf dem Weg zum Abschluss - allerdings seien sie auch die "Ablenkung schlechthin". Im Vorlesungsraum hätten sie daher nichts zu suchen. Schließlich müsse man das allermeiste, was man während der Veranstaltung nicht mitbekomme, ja nacharbeiten.

Wer es nicht schaffe, das Gerät zu Hause zu lassen oder auszustellen, sollte sich während der Vorlesung zumindest aus allen sozialen Netzwerken und E-Mail-Programmen ausloggen, rät Rückert. Auch zu Hause sollte man dann auf seinen Konsum achten.

Ein Trick sei es, sich mit seinem Smartphone und mit sozialen Netzwerken quasi zu verabreden: Eine Stunde arbeiten, dann mal nachschauen, ob es etwas Neues gibt. Eine kurze Pause machen also - früher musste die Zigarette her, heute übernimmt Facebook diese Rolle.

Manch einer könnte diese Regeln auch als Befreiung empfinden. Sicher sei es ja irgendwie auch eine Bestätigung, viele SMS oder Mails von Freunden zu bekommen. "Aber wenn das Smartphone in einer Tour piept oder vibriert", sagt die Bochumer Kunstgeschichte-Studentin Anna Schütz, "dann ist das auch echt nervig und stressig."

insgesamt 74 Beiträge
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Spiegelleserin57 24.03.2013
1. wenn die Damen und Herren..
Studenten ihren Stoff beherrschen und morgens aufgeweckt und munter zur Vorlesung kommern ist ja alles o.k. ansonsten sollte ein PÜrof es einfach so handhaben , die Karawane zieht weiter, wer nicht mit kommt hat einfach Pech gehabt!
lovearthatecops 24.03.2013
2. Blockieren
warum die unis nicht einfach hf sender in ihre hör säale bauen , auf die handy frequenzen eingestellt kommt in dem raum dann kein signal mehr durch für notrufe kann man dann vorne am proftisch ein festnetz nutzen um ärzte zu rufen zb
Mancomb 24.03.2013
3. Wenn man
denn mal im Hörsaal Empfang hätte! Obwohl ich vom Hörsaal aus den Funkturm sehe (!), habe ich keinen. Dürfen in Deutschland denn überhaupt Störsender verbaut werden? Smartphones sind ungemein praktisch, wenn man mal schnell etwas nachschauen will. Dafür benutze ich sie (oder würde, wenn ich in dem blöden Hörsaal überhaupt Empfang hätte) während der Vorlesung und für nichts anderes. Wer die Telefone ständig für etwas anderes nutzt, wird früher oder später schon die Quittung dafür kriegen.
unbreakable79 24.03.2013
4. Generation smartphone und der Untergang
Welche Auswirkungen die momentanen Erscheinungen der Generation smartphone mit sich bringen, sind noch garnicht ausgemacht.Das heutige Leben in einer Informationsgesellschaft verändert grundlegende Kommunikations- und Sozialstrukturen, die wiederum den Menschen und sein Wesen verändern. Das ständige Mitteilungsbedürfnis und die sofortige Erreichbarkeit jedes einzelnen, sind nur Krankheitssyptome eine Epidemie, die sich immer mehr und mehr ausbreitet. Der Virus dieser Krankheit ist die Information und der Mensch ist der Wirt.Das Bild dieser Krankheit ist klar: Informationen werden nicht mehr eigenständig verarbeitet und reflektiert sondern nur konsumiert. Wenn der Mensch aber seine Reflektionsfähigkeit in Bezug auf sich und seine umwelt einbüßt, ist der Untergang des Abendlandes nicht mehr weit.
ehf 24.03.2013
5.
Wer schon so unvernünftig ist, diese "social media" überhaupt zu nutzen, sollte als Student wenigstens so schlau sein, seine Smartphones, Notebooks etc. beim Uniaufenthalt zuhause zu lassen. Das erspart dann auch die Kosten und die Mühe, einen Suchttherapeuten aufsuchen zu müssen.
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