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05. April 2012, 18:15 Uhr

Twittern gegen das Oster-Partyverbot

Tanz mit dem Teufel

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Laut Gesetz ist der Karfreitag ein "stiller Tag", Tanzen in Discos und Kneipen verboten. Doch die Länder ahnden Verstöße sehr unterschiedlich: Hessen will strenger kontrollieren, in Berlin kennt kaum jemand die Verordnung. Jetzt wehren sich Studenten und Feierwütige im Netz gegen den Tanzstopp.

Ein Verbot kann alltägliche Dinge noch begehrenswerter machen. "Zum Teufel mit dem Tanzverbot" nennt sich eine Initiative, die in diesen Tagen via Facebook zum Widerstand gegen das Feiertagsgesetz aufruft. Mehr als 350 Menschen haben sich bislang angemeldet, sie wollen sich am Karfreitagabend mit MP3-Playern und Kofferradios vor dem Kölner Dom treffen, um gemeinsam "ordentlich das Tanzbein zu schwingen". Die Idee stammt von einer Gruppe Studenten. "Wir haben uns jedes Jahr aufs Neue über das Verbot geärgert. Solche Überbleibsel aus einem Land ohne Spaß gehören schnellstmöglich abgeschafft", sagt einer der Initiatoren von dem "Komitee 6. April der Hedonistischen Internationale".

Die Auswahl des Orts ist natürlich nicht zufällig. Ein Flashmob vor einem der katholischsten Orte Deutschlands soll signalisieren: Tradierte Verbote sind uns egal, wir wollen jederzeit tanzen dürfen - es heißt doch schließlich Feiertag! Das deutsche Grundgesetz sieht das etwas anders. Einige Feiertage wie der Volkstrauertag, Heiligabend und Pfingstsonntag werden als "Stille Tage" bezeichnet. Der Karfreitag gilt dabei als besonders schützenswert. So sind jegliche "öffentliche Tanzveranstaltungen" verboten, weder in Gaststätten noch in Discos darf getanzt werden.

Im Internet regt sich nun Widerstand gegen das Gesetz von 1919. Per Facebook und Twitter wird gefordert, diskutiert und geschimpft - auch kontrovers. Unnötig und nicht zeitgemäß sei das Verbot, heißt es dort. "Na endlich, bin dabei", schreibt eine Nutzerin zu dem Flashmob-Aufruf. "Meine Fresse, seid ihr intolerant!", motzt ein anderer, "ich hoffe, ihr geht an allen kirchlichen Feiertagen arbeiten, und sicherlich verzichtet ihr auch gern auf eurer Weihnachtsgeld!" Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet, schrieb der deutsche Dichter Matthias Claudius. Ein User übersetzt den Gedanken in Facebook-Slang: "Niemand wird gezwungen, Karfreitag tanzen zu gehen oder Musik in einer Kneipe zu hören! An alle, die das nicht wollen: Bleibt betend zu Hause!"

Hessen will die Kontrollen verschärfen

Ob und wie lange gefeiert werden darf, hängt auch vom Wohnort ab: Jedes Bundesland hat seine eigene Feiertagsverordnung - und legt diese nach eigenem Gutdünken aus. In Bayern und Hessen beispielsweise wird das Tanzverbot von den Behörden ernster genommen als in Berlin. Bis zu 10.000 Euro Bußgeld sind fällig, wenn sich ein bayerischer Kneipenwirt vom Ordnungsamt mit tanzenden Gästen erwischen lässt.

Die jungen Liberalen Bayerns, die sich in diesem Punkt mit den Piraten und der Grünen Jugend Hessen einig sind, gründeten daraufhin eine Facebook-Gruppe. Über 19.000 Likes verzeichnet die Seite "Gegen das Tanzverbot an FEIERtagen" bereits. "Der Staat kann einem freien, mündigen Bürger nicht vorschreiben, wann er welche Körperbewegungen zu unterlassen hat. Das entspricht nicht der freiheitlich demokratischen Grundordnung", sagt einer der Initiatoren, der seinen Namen aus Angst vor "religiösen Fanatikern" nicht öffentlich nennen will.

Das Tanzverbot löst also längst nicht nur Entrüstung unter feierwütigen Jugendlichen aus. Auch Parteien stoßen sich daran. Via Twitter werden weitere Flashmobs in Frankfurt am Main und Wiesbaden angekündigt, initiiert unter anderem von der Grünen Jugend. Im hessischen Gießen riefen die Piraten zu der Demo "Tanzen gegen das Tanz-Verbot" auf. Regierungspräsident Lars Witteck von der CDU kassierte die geplante Kundgebung. "Wir mussten zwischen Versammlungsfreiheit und Feiertagsgesetz abwägen", sagt Witteck. Flashmobs werden von den Ordnungsämtern aufgelöst, die Kontrollen verstärkt, kündigt er an.

Die Piraten wollen vor das Bundesverfassungsgericht ziehen

Die Piraten wollen das nicht gelten lassen und zogen vor das Verwaltungsgericht, ebenso wie die Grüne Jugend in Wiesbaden. Das Ergebnis: keine Demos in Hessen. Die Piraten wollen nun den Eilweg über das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe nehmen. "Eine lange Nacht des Rechts steht bevor", kündigt Pirat Christian Oechler an. In Köln ist bereits die Polizei im Einsatz. "Wir haben die Täter noch nicht. Aber wir werden nicht zulassen, dass einer der höchsten Feiertage durch laute Musik gestört wird", sagt die Pressesprecherin der Stadt, Inge Schürmann.

Wer die Gerichtsbeschlüsse nicht abwarten möchte, könnte sich auf den Weg in die Hauptstadt machen. Dort herrscht eine diesbezüglich laxe Lex. Nach der Auslegung des Tanzverbots gefragt, heißt es in Berliner Behörden: "Welches Verbot?"

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