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09. März 2004, 09:08 Uhr

Studenten-Hotline

Die Nummer gegen Kummer

Die Klausur verbockt, Krach mit der Freundin oder in der WG? In Heidelberg können Studenten ihrem Frust bei der Nightline, einem Uni-Sorgentelefon, Luft machen. UniSPIEGEL ONLINE sprach mit einem Nightliner über die Sorgen der Anrufer, die Hilfe der Hotline und darüber, dass die Mitarbeiter nie ihren Namen nennen.

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Du studierst Jura im fünften Semester. Mal ehrlich: Wenn jemand mit Examensängsten anruft, kannst Du ihm doch gar keinen vernünftigen Rat geben.

Prüfling: Dampf ablassen hilft
GMS

Prüfling: Dampf ablassen hilft

Jan Klingenberg*: Nein, und das will ich auch gar nicht. Wir Nightliner sind nicht da, um Ratschläge zu erteilen. Wir sind da, um zuzuhören und nachzufragen. Wir helfen den Anrufern, selbst wieder klarer zu sehen und ihren eigenen Weg zu finden. Manchmal brauchen die Leute auch nur jemanden, bei dem sie Dampf ablassen können. Die Nightline versteht sich aber auch als Info-Stelle. Zum Teil wollen die Leute einfach nur wissen, wo das Bafög-Amt ist oder wann Pro Familia geöffnet hat.

SPIEGEL ONLINE: Wer arbeitet bei euch mit?

Klingenberg: Im Moment sind wir etwa 30 Leute. Jeder macht sechs, sieben Telefondienste im Semester. Vom Ersti bis zum Doktoranden ist alles dabei.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten sind wahrscheinlich Psychologie- und Theologiestudenten...

Klingenberg: Nein, überhaupt nicht. Klar, es gibt Psychologiestudenten bei uns, aber auch Mediziner, VWLer, Geographen, Physiker, Anglisten, Germanisten...

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Problemen rufen die Leute an?

Klingenberg: Den typischen Anruf gibt es nicht. Aber meist geht es ums Studium oder die Beziehung. Jemand hat das Gefühl, die nächste Klausur nicht zu packen. Oder er zweifelt daran, das richtige Fach gewählt zu haben. Oder mit der Freundin ist etwas schief gelaufen. Manche fühlen sich auch einfach einsam und finden keinen Anschluss.

SPIEGEL ONLINE: Hast Du keine Angst, dass jemand am anderen Ende der Leitung sagt: "Ich weiß nicht mehr weiter, ich spring in den Neckar?"

Klingenberg: Davor fürchtet man sich vielleicht am Anfang. Aber so etwas ist in den neun Jahren, in denen es die Nightline gibt, erst ein- oder zweimal vorgekommen. Außerdem veranstalten wir zu Beginn jedes Semesters Schulungen mit einem Psychologen. Da lernt man auch, wie man sich in einem solchen Fall verhalten müsste. Überhaupt stellen sich viele die Anrufe viel zu dramatisch vor. Ich finde, man sollte auch nicht immer davon reden, dass die Anrufer Probleme haben...

Überfordert: Bei der Nightline kann man sich Frust von der Seele reden
GMS

Überfordert: Bei der Nightline kann man sich Frust von der Seele reden

SPIEGEL ONLINE: ...was haben sie denn dann?

Klingenberg: Anliegen. "Probleme" - das klingt immer gleich so, als ob man auf der Stelle zum Psychiater müsste.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alles nicht so wild ist, wozu braucht man euch überhaupt?

Klingenberg: Es gibt schließlich nicht nur die Extreme - entweder superglücklich oder am Boden zerstört! Jemand, der gerade mit seinem Partner aneinander geraten ist, würde deswegen doch nicht von sich sagen, er hätte ein unglaublich schwerwiegendes Problem. Trotzdem hat er das Bedürfnis, mit anderen über den Krach zu reden, sich vielleicht auch auszuheulen. Manchmal hat man aber niemanden zum Zuhören, oder man will seine Freunde nicht nachts um eins aus dem Bett klingeln. Andere wünschen sich einfach einen unabhängigen Zuhörer. Dann sind wir da. Wenn wir einmal das Gefühl haben, bei einem Anrufer steckt mehr dahinter, der braucht psychologische oder psychotherapeutische Hilfe, vermitteln wir ihm Ansprechpartner. Wir selbst können keine professionelle psychologische Beratung bieten, das sagen wir auch deutlich.

SPIEGEL ONLINE: Habt ihr ein Zeitlimit?

Klingenberg: Nein. Ich hatte schon Gespräche, die mehr als zwei Stunden dauerten. Der Anrufer bekommt alle Zeit, die er braucht. Manche sagen auch nach einer Weile, dass sie jetzt neu nachdenken müssen und sich am nächsten Tag nochmal melden.

SPIEGEL ONLINE Geht dir das, was du während der Nacht gehört hast, hinterher noch im Kopf herum?

Klingenberg: Jedenfalls nicht lange. Es ist wichtig, dass man einen klaren Schnitt macht. Das bringen wir auch den Leuten bei, die bei uns anfangen. Man darf die Gespräche nicht mit sich herumschleppen. Oft bedanken sich die Anrufer auch am Ende und sagen, dass ihnen das Telefonat geholfen hat. Das macht es uns leichter, den Kopf wieder freizubekommen.

SPIEGEL ONLINE: Dein richtiger Name ist nicht Jan Klingenberg, und auch wo genau die Nightline sitzt, willst Du nicht verraten. Ist das nicht ein bisschen viel Geheimniskrämerei?

Klingenberg: Nein. Anonymität ist uns eben sehr wichtig. Niemand, der anruft, muss seinen Namen nennen. Das macht es leichter, zum Hörer zu greifen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum dürfen die Anrufer nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben?

Klingenberg: Wenn wir unsere Namen nennen, spricht sich am Ende doch herum, wer bei der Nightline sitzt. Damit würden wir den Kreis der Leute einschränken, die uns völlig unbefangen anrufen können. Wenn man weiß, der und der macht dort mit, den kenne ich aus der Vorlesung, lässt man den Anruf vielleicht lieber sein. Außerdem: Wenn ich mich mit Namen melde und der Anrufer zufällig weiß, wer ich bin, ist das für ihn vielleicht auch nicht gerade toll. Natürlich ist die Anonymität auch für uns ein gewisser Schutz.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat sich die Nightline ausgedacht?

Klingenberg Eine Heidelberger Studentin hatte die Idee in Oxford kennen gelernt und sozusagen nach Heidelberg importiert. In Großbritannien gibt es das fast an jeder Uni. Mittlerweile existiert außer in Heidelberg auch eine Nightline an der Uni Freiburg. Das Studentenwerk und die Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V. unterstützen uns finanziell und mit Räumen, aber wir sind ein unabhängiger eingetragener Verein.

SPIEGEL ONLINE: Du kommst etwa um halb drei nachts nach Hause. Als tapferer Jurastudent sitzt du dann trotzdem am nächsten Morgen um neun in der Vorlesung?

Klingenberg: Na ja, nicht wirklich. Ich richte es mir schon so ein, dass es am anderen Tag erst um elf Uhr losgeht.

Das Interview führte Nadja Kirsten

* Name geändert

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