Studenten im Glück Schöner lernen in der Effizienzmaschine

Lausige Lehre, verheerende Studienbedingungen, faule Studenten? Von wegen: Eine neue Untersuchung zeigt ein Stimmungshoch an den Hochschulen. Seit 25 Jahren waren Studenten nicht so zufrieden und ehrgeizig wie heute. Die Bachelor-Reform fördert die neue Strebsamkeit.

Der Donnerstag war für die Bundesbildungsministerin ein guter Tag. Konstanzer Forscher hatten Studenten bundesweit befragt, und die gaben Antworten, so positiv, wie sie sich eine Bildungspolitikerin nur wünschen kann: Deutschlands Studenten sind zufrieden mit der allgemeinen Qualität ihres Studiums. Die positiven Bewertungen überwogen in den vier zentralen Bereichen Qualität der Studieninhalte, Aufbau des Studiums, Veranstaltungen und Betreuung, betonte Ministerin Annette Schavan. Und das zum ersten Mal in der Geschichte der Befragung.

Verblüffend an den Ergebnissen: Was Studenten so oft über Schlendrian an der Hochschule berichten, über ausgefallene Seminare, heruntergeleierte Vorlesungen und ständig abwesende Professoren an maroden Unis - in der Gesamtbetrachtung finden sie es offenbar halb so schlimm. Und auch mit den Tücken des Bachelorstudiums scheinen sie gut zurechtzukommen, trotz aller Klagen über Verschulung und den Verlust akademischer Freiheiten.

Bereits vor drei Jahren hatten die Studenten ein recht mildes Urteil gefällt: Mit der Lehre zeigten sie sich damals relativ zufrieden, kritisierten aber unter anderem die Betreuung an ihren Hochschulen. Auch in der aktuellen Fragerunde bekam die Lehre ein positives Feedback. Die Lernziele sehen fast zwei Drittel als klar definiert, besonders in punkto Vortrag und Verständlichkeit haben sich Professoren und Dozenten verbessert - 60 Prozent sind jetzt mit dem Unterricht einverstanden. An der Motivationsgabe hapert es allerdings weiterhin: Nur jeder vierte Student fühlt sich von seinem Dozenten mitgerissen.

Schon seit 25 Jahren starten Bildungsforscher der Universität Konstanz alle drei Jahre im Auftrag des Ministeriums die Untersuchung "Studiensituation und studentische Orientierung". Für ihre zehnte Erhebung fragten sie Studenten an Universitäten und Fachhochschulen nach ihrer sozialen Herkunft, wie es ihnen mit dem Studium ergeht, was sie sich vorher erwartet haben und mit welcher Strategie sie studieren. Die Forscher um den Soziologen Tino Bargel ließen im Wintersemester 2006/2007 insgesamt 8350 Studenten zu Wort kommen.

In Jura und Wirtschaft sind Profs oft nicht zu sprechen

Erfreulich: Fast ein Drittel trifft Professoren manchmal oder häufig persönlich an, nur noch jeder Fünfte hat keinen Kontakt. In den frühen neunziger Jahren war dieses Verhältnis noch umgekehrt. Negative Ausnahme sind die Wirtschaftswissenschaftler und Juristen: Hier sehen nur rund 15 Prozent der Studenten ihren Professor ab und zu bis oft. Spitzenreiter in dieser Kategorie sind die Ingenieure an Fachhochschulen, wo jeder Zweite gelegentliche bis häufige Kontakte zum Professor hat.

Kein gutes Licht wirft die Studie auf die soziale Zusammensetzung der Studentschaft. Bildung ist in Deutschland erblich: Seit Jahren kritisieren Fachleute, dass die Bildungskarriere der Eltern all zu oft die Bildungsweg der Kinder vorherbestimmt. Die Kinder von Facharbeitern werden selbst Facharbeiter; sind die Eltern Akademiker, hat das Kind deutlich bessere Chancen auf ein Studium.

Dass junge Menschen über diese unsichtbaren Bildungsgrenzen springen, ist in Deutschland selten. "Es ist keine weitere Öffnung für neue Kreise der Bildungsaufsteiger festzustellen", heißt es in der Studie. Bei 60 Prozent der Studenten hatte demnach mindestens ein Elternteil selbst eine Hochschule besucht. Diesen Stand erreichte die Quote schon Ende der Neunziger, hatte aber 1993 noch bei 49 Prozent gelegen.

Diese bittere Erkenntnis trübt auch die Freude der Bundesbildungsminsterin. Schavan sagte, man müsse "die starren Zugangsbeschränkungen für ein Hochschulstudium überdenken" und "die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erhöhen". Ein höherer Schulabschluss dürfe nicht von der sozialen Herkunft abhängig sein. An anderer Stelle tritt Schavan stets vehement für ein dreigliedriges Schulsystem ein und ist auch keine Freundin des Bafög, sondern favorisiert Studienkredite, mit denen sich Studenten verschulden müssten.

Macht der Bachelor die Studenten fleißiger?

Auffällig ist, dass die Studenten an deutschen Hochschulen gern schneller und intensiver studieren wollen. Jeder Dritte gibt an, intensiv für das Studium zu arbeiten, 2001 war es noch ein Viertel der angehenden Akademiker. Ähnlich beim Abschluss: Sechs Jahre zuvor war nur gut der Hälfte der Studenten ein gutes Examen wichtig, heute legen knapp zwei Drittel Wert auf eine gute Abschlussnote. Besonders an westdeutschen Unis hat sich die geplante Studiendauer zudem deutlich verkürzt: Rechnete ein West-Studienanfänger 1998 noch mit knapp zwölf Semestern Studienzeit, haben er und sein ostdeutscher Kommilitone sich bei gut zehn Semestern angenähert.

"Effizienzorientierung sowie der Ehrgeiz haben an beiden Hochschularten im selben Umfang zugenommen", kommentieren die Autoren der Studie die neue Strebsamkeit der deutschen Studenten. Das Ministerium erklärt den Wandel im Selbstbild der jungen Menschen mit der Studienreform: "Das ist fast vollständig auf den gestiegenen Anteil an Bachelor-Studierenden zurückzuführen."

Allerdings: So effizient, wie sich die Studis sehen, sind sie nach Einschätzung der Forscher nicht. "Obwohl die Studierenden sich effizienter und ehrgeiziger darstellen, hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren wenig geändert", urteilen Bargel und Kollegen über den Studenten 2008. Nur die Hälfte schafft das Studium in der angestrebten Zeit; jeder fünfte bleibt zwei oder mehr Semester länger an der Hochschule als zunächst gedacht.

Zahl der Uni-Stunden steigt

Die Studie zeigt auch, dass die Berufschancen stark bestimmen, was und wie heute studiert wird. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt habe "immer mehr Konsequenzen für die Studienentscheidung, die Fachwahl, die Motive und Strategien im Studium". Der Arbeitsaufwand hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Inzwischen wenden Studenten 35 Wochenstunden für ihr Studium auf, zwei mehr als bei der vergangenen Befragung.

Ganz oben auf der Wunschliste der Studenten stehen mehr Praxisbezug und kleinere Seminare. An den Universitäten halten zwei Drittel ihre Vorlesungen und Seminare für teilweise oder völlig überfüllt. Pflichtpraktika wünschen sich 64 Prozent der Uni- und 73 Prozent der FH-Studenten.

Die größten Schwierigkeiten bereitet es den Studenten, sich auf Prüfungen effizient vorzubereiten und das Studium über ein bis zwei Jahre hinaus zu planen. Gut die Hälfte der Uni-Studenten hat hier Probleme, die FH-Studenten finden das etwas weniger belastend.

Insgesamt sind nahezu gleich viele Männer wie Frauen an den Fachhochschulen und Universitäten eingeschrieben - bei den Fächern wird aber weiter ordentlich nach Jungs- und Mädchenstudien getrennt: Mehr als 90 Prozent in Verkehrs- und Elektrotechnik sind demnach Männer; in den Fächern Romanistik, Tiermedizin und Kunst sind die Frauen dagegen mit über 80 Prozent Anteil weitgehend unter sich.

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