Studenten in China Schulden für den Sprachkurs

Der restriktive Zugang zu Chinas Hochschulen treibt den akademischen Nachwuchs ins Ausland. Dort stehen die jungen Chinesen unter enormem Erfolgsdruck: Meist hat sich die ganze Familie für sie verschuldet. Nach ihrer Rückkehr droht ihnen der zweite Kulturschock in kurzer Zeit.

Von Uschi Nagy,Ningbo


Am liebsten ins Ausland: Deutschklasse einer chinesischen Mittelschule
Uschi Nagy

Am liebsten ins Ausland: Deutschklasse einer chinesischen Mittelschule

Shi Li, 22, sitzt täglich über ihren Englischbüchern. Ihr Pensum liegt bei zwei Sprachtests, nebst Lektüre und Vokabeltraining. Dabei hat die Studentin bereits einen Bachelor-Abschluss in englischer Literatur in der Tasche. Doch ihr eigentliches Ziel liegt in weiter Ferne: Shi Li möchte in den USA ihren Master machen, wenn möglich mit einem Stipendium. "Ich lerne seit so vielen Jahren Englisch aus dem Textbuch, jetzt möchte ich die moderne Alltagssprache und die Kultur vor Ort kennen lernen."

Wie Shi Li drängen zahllose junge Chinesen ins Ausland, um dort zu studieren. Die Verheißungen des Westens sind ihnen bekannt: In den chinesischen Großstädten hören die Jugendlichen Musik aus den amerikanischen Charts und essen Burger im Schnellrestaurant. Sie feiern fremde Feiertage wie Weihnachten oder den Valentinstag. Über das Internet lesen sie ausländische Zeitungen und klinken sich in internationale Radioprogramme ein. Für Shi Li ist das nichts Außergewöhnliches: "China war so lange von der Außenwelt abgeschnitten. Daher ist das Interesse am Ausland seit der Öffnungspolitik groß."

Gruppenarbeit statt Vorlesungen

Vom eigenen Bildungssystem hält die junge Generation nicht viel. "Wir finden, dass unser Unterricht nicht besonders gut ist, da er vor allem auf die Prüfungen ausgerichtet ist," sagt die Studentin. Umso größer sind die Hoffnungen in ein Auslandsstudium in einem der gelobten Bildungsländer. Statt dem in China üblichen Frontalunterricht und der Paukerei verspricht sich Shi Li in den USA mehr Gruppenarbeit und das Entwickeln von eigenen Projekten.

Dozenten sagen, was zu tun ist: Frühsport an einer chinesischen Schule
Uschi Nagy

Dozenten sagen, was zu tun ist: Frühsport an einer chinesischen Schule

Der 25-jährigen Dai Yan Cai aus Ningbo sind die westlichen Lehrmethoden bereits gut vertraut. Seit einem Jahr studiert sie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Deutsch als Fremdsprache. Dort musste sie sich zum ersten Mal Themen selbst erarbeiten und Referate halten, für Dai Yan absolutes Neuland: "In China haben Studenten nur Vorlesungen. Die Dozenten sagen ihnen immer ganz genau, was sie zu tun haben."

Yan Cai spricht aus Erfahrung, denn eigentlich ist sie Deutschlehrerin an der Universität von Ningbo. Trotz der schwierigen Umstellung konnte sich Dai Yan schnell für das deutsche Studiensystem begeistern und möchte nach ihrer Rückkehr nach deutschem Vorbild unterrichten: "In Deutschland gefällt mir besonders, dass die Studenten viel aktiver sind als in China. Wir können in den Seminaren unsere eigene Meinung sagen und darüber mit allen diskutieren."

Sprachtest ist Tor zum Westen

In Deutschland bilden Chinesen mittlerweile die größte Gruppe ausländischer Studenten. Im Jahr 2003 waren laut Deutschem Akademischen Austauschdienst (DAAD) über 20.000 Chinesen an deutschen Hochschulen eingeschrieben - dreimal so viel wie im Studienjahr 1999/2000.

Einlass nur für eine Minderheit: Universität in Ningbo
Uschi Nagy

Einlass nur für eine Minderheit: Universität in Ningbo

Doch um überhaupt ins Ausland zu kommen, benötigen Chinesen entsprechende Sprachkenntnisse, die sie durch die Schule meist nicht haben. Damit beim obligatorischen Sprachtest, der das Tor in Richtung Westen öffnen soll, nichts schief läuft, schicken viele Eltern ihre Kinder schon vorab ins Ausland - an eine der zahlreichen Sprachschulen oder Universitäten, die Vorbereitungskurse für auslandshungrige Chinesen veranstalten. Die Anbieter solcher Kurse sind allerdings nicht immer seriös: Mehrfach wurden beispielsweise junge Chinesen mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Auch deutsche Privatschulen haben die Kundschaft aus Fernost entdeckt: Über das deutsche Abitur sollen die Chinesen Zugang zum deutschen Hochschulangebot erhalten.

Die beliebtesten Studienziele sind jedoch die USA, Kanada, Großbritannien und Australien. Chinesische Studenten versprechen sich dort einen schnellen Abschluss und eine gute Betreuung. Dafür pauken sie schon in der Grundschule Englisch, wie die Schüler von Lehrerin Weiwei aus Ningbo. Weiwei hört immer wieder von Eltern, dass sie ihre Kinder ins Ausland schicken möchten: "Einige Kinder kommen in den heimischen Mittelschulen nicht so gut klar. Ihre Eltern befürchten, dass sie die Aufnahme in eine gute Universität nicht schaffen können, weil ihre Kinder schlecht im Lernen sind." Viele gut betuchte Eltern fänden ein Auslandsstudium einfach modern.

Zu wenig Studienplätze in China

Oder es bleibt ihnen nichts anderes übrig: Nur jeder zweite junge Chinese kommt in den Genuss einer höheren Ausbildung, nur jeder zwanzigste darf studieren. Das Studium bleibe in China einer Elite vorbehalten, so Klaus Birk, Leiter des China-Referates beim DAAD.

"Eltern tun alles für ihre Kinder": Hochschullehrer Xing Shi
Uschi Nagy

"Eltern tun alles für ihre Kinder": Hochschullehrer Xing Shi

Wer nicht zum Zug kommt, hofft, über den Umweg Ausland den Karriereturbo zu zünden - häufig unter großen Opfern. Typischerweise liegen die Studiengebühren an angelsächsischen Unis zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Jahr, der durchschnittliche Jahresverdienst eines Chinesen in der Großstadt liegt dagegen bei 10.000 bis 30.000 Yuan, umgerechnet etwa 1000 bis 3000 Euro.

"Die chinesischen Eltern tun alles für den Erfolg ihrer Kinder", berichtet Universitätslehrer Xing Shi, 27. "Viele leihen Geld bei Verwandten oder nehmen einen Kredit bei der Bank auf, um ein Auslandsstudium zu ermöglichen. Manche verkaufen dafür sogar ihr Eigentum."

Chinesische Eltern aus dem rasch wachsenden Mittelstand sind zunehmend bereit, auch solche für sie astronomischen Summen zu investieren. Die Einkindpolitik bündelt die Familienersparnisse und Hoffnungen der Verwandtschaft auf einen einzigen Kopf. Großeltern und Eltern sparen vom ersten Lebenstag des Nachwuchses an für dessen Zukunft.

Kulturschock nach Rückkehr

Ein qualifizierter Abschluss aus dem Ausland ist jedoch noch keine Garantie für eine steile Karriere in der Heimat, zu groß ist inzwischen die Konkurrenz im eigenen Land. Daher zerplatzen bei der Rückkehr viele Träume von Managerposten und Spitzengehältern. Chinesen, die fünf oder sechs Jahre im Ausland gelebt haben, erwarten in China eine Stelle mit westlichem Gehalt und sind von der Realität oft bitter enttäuscht.

Proben fürs Ausland: Sprachtraining an Ningboer Sprachschule "English First"
Uschi Nagy

Proben fürs Ausland: Sprachtraining an Ningboer Sprachschule "English First"

Auch die kulturelle Umstellung sei schwierig, so Jin Song aus Shanghai: "Die Rückkehrer sind nach einem langjährigen Auslandsaufenthalt sehr unabhängig und haben eine westliche Art zu denken. Manche bekommen sogar einen Kulturschock."

Manche Rückkehrer müssen sich zum zweiten Mal komplett umstellen. "Die Arbeit geht hier etwas langsamer vorwärts", findet der 36-jährige Informatiker Weizhang Huang. Vorletztes Jahr hat er seinen gut bezahlten Job in den USA aufgegeben, um nach China zurückzugehen. "Wir haben hier viele Besprechungen und diskutieren viele Dinge. In den USA wäre es wahrscheinlich mit einem Treffen getan", erzählt er aus seinem Arbeitsalltag in einer Pekinger Computerfirma.

Die Hälfte der Auslandsstudenten zieht es vor, dauerhaft in der Fremde zu bleiben. Doch inzwischen lockt die chinesische Regierung Rückkehrer mit speziellen Anreizen, um deren Know-how ins Land zu holen. Am stärksten gefragt sind Experten in den Fächern Informationstechnologie, Telekommunikation oder Wirtschaftswissenschaften. Den stärksten Anreiz schafft jedoch die chinesische Wirtschaft: Sie wächst seit Jahren im Dauerboom.



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