Studenten in London "Die greifen ihre eigenen Nachbarn an"

Häuser brannten in London. In einer der beliebtesten europäischen Metropolen mit vielen ausländischen Studenten räumten Plünderer Geschäfte aus und lieferten sich Straßenschlachten. Markus Scholz erzählt, wie er und seine Kommilitonen die Chaostage von London erlebten.

Markus Scholz

Etwa 50 Kilometer nordöstlich von London liegt der Flughafen Stansted, 45 Minuten sind es von dort in die Londoner Innenstadt, bis zur Haltestelle Liverpool Street. Auf dem Weg fährt der Zug durch Stadtviertel, deren Namen wegen der Gewaltausbrüche der vergangenen Tage oft in den Schlagzeilen waren.

Chaotische Gewalt gegen Polizisten und unbeteiligte Passanten, Plünderungen und wahlloser Vandalismus marodierender Gangs prägten die Fernseh- und Nachrichtenbilder der Stadtteile.

Mein Zug hält auch in Tottenham Hale - dem Viertel, in dem die Krawalle am Sonntag begannen. Ich landete am Dienstagabend in Stansted, in Deutschland hatte ich mit Schrecken die Bilder von brennenden Bussen und Häusern gesehen. Die Fernsehbilder zeigten die gleichen Straßen, in denen ich noch vor einigen Tagen mit meinen Freunden unterwegs war und in denen ich mich sicher gefühlt hatte. Jetzt sind diese Straßen gesäumt von zerschlagenen oder inzwischen verrammelten Schaufenstern, einige Gebäude liegen in Trümmern, nachdem Randalierer sie angezündet hatten.

"Going Rioting?"

Im Zug in Richtung City schreibe ich eine Status-Meldung auf Facebook: "Stansted-Express. Next stop is Tottenham Hale". Fast umgehend schreiben Freunde zurück: "Going Rioting?", fragt einer. Ein anderer will wissen, ob ich Abenteuerurlaub mache - doch ohne Vorkommnisse erreiche ich mein Wohnheim an der London School of Economics (LSE), im vornehmen Südosten der Stadt.

Zu Hause angelangt, schreibe ich meine Londoner Postleitzahl auf Facebook: "SE1 9JA: nice & quiet". Ein Londoner Freund, der derzeitig einige Kilometer weiter im Nordosten Londons lebt, reagiert prompt: "Nice and quiet in E17 as well - thanks to the six (!) large police vans outside the park down my road!"

An den englischen Unis ist im Moment vorlesungsfreie Zeit, in London sind deshalb deutlich weniger Studenten unterwegs als gewöhnlich. Die Unis schreiben auf ihren Websites, ob ihre Einrichtungen von den Krawallen betroffen sind. Die LSE meldet, sie habe bisher nichts abbekommen.

Das bestätigen auch Juliana Ott, 22, und Friedrich Kalthoff, 21, die beide für eine Summerschool in London sind. Bedroht von den Krawallen fühlen sie sich nicht, schließlich wohnen auch die zwei BWL-Studenten in Wohnheimen der LSE in einem der besseren Stadtteile. "Wir bekommen viele besorgte Anrufe und E-Mails von unseren Familien und Freunden", sagt Juliana. Friedrich ergänzt: "Bis auf das ständige Sirenengeheul und die inzwischen starke Polizeipräsenz auf den Straßen, bekommen wir eigentlich nicht viel mit."

Überrascht waren sie allerdings von der plötzlichen Eskalation und schnellen Ausbreitung der Gewalt, die überall in den Medien zu sehen war. "Es ist das erste Mal, dass ich mich über die permanente Kameraüberwachung in London freue. Vielleicht fassen sie einige der Täter durch solche Aufnahmen", sagt Juliana.

"Sie überfallen praktisch ihre Nachbarn"

Ganz anderes hat die vergangenen Tage Juljan Krause, 33, aus Frankfurt am Main erlebt. Er ist für sein Promotionsprojekt im Fach Philosophie an der LSE und sein Viertel ist stark von den Unruhen betroffen. "Am Montag bin ich zu Hause geblieben, da in den Medien berichtet wurde, dass immer wieder Fahrradfahrer von dem Mob angegriffen und ausgeraubt worden sind."

Der Doktorand, der sich den Aufenthalt im teuren London nur dank eines Stipendiums leisten kann, lebt in Walthamstow, im Nordosten Londons, einer Wohngegend mit hohem Migrantenanteil. Walthamstow hat ebenso wie Tottenham und Brixton, in denen die Krawalle bisher am schlimmsten wüteten, einen schlechten Ruf. Juljan ist entsetzt darüber, was in den letzten Nächten vor seiner Haustür passierte: "Die Randalierer verwüsten ihr eigenes Viertel. Die plündern auch die kleinen Geschäfte, in denen sie täglich einkaufen gehen. Sie überfallen praktisch ihre Nachbarn."

Ziel der Angriffe seien meist Geschäfte, in denen die Plünderer Alkohol und Zigaretten vermuten. Darüber hinaus sind immer wieder die Filialen von Sportartikelherstellern und ganz besonders Elektronikgeschäfte, in denen Mobiltelefone, Fernseher und HiFi-Artikel stehen, interessant für die Diebe. "Schon interessant, diese Leute sind nicht politisch, sondern randalieren aus einer neuen Dynamik heraus. Sie plündern primär, um ihre Konsumbedürfnisse zu befriedigen", sagt Krause.

Svenja Andersz, 27, kommt aus Hannover und lernt in einer Sprachschule am Londoner Oxford Circus. Sie ist seit Sonntag für einen dreiwöchigen Sprachkurs in der Stadt. "Wir wurden am Montag von unserer Sprachschule früher nach Hause geschickt, weil es Bedenken wegen der Krawalle gab. Ich bin dann aber noch etwas spazieren gegangen, da ich mich nicht bedroht gefühlt habe. Als ich aber sah, dass etwa das Hotel Ritz und einige Kaufhäuser ihre Schaufenster verrammeln, bin ich doch nach Hause gegangen." Abbrechen will die Hannoveranerin ihren Sprachkurs wegen der Unruhen nicht: "Ich warte zunächst mal ab wie sich die Lage entwickelt." Die Deutsche sieht die Lage mit britischer Gelassenheit: "Keep calm and carry on."

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
Moskva 12.08.2011
1. Dr
Er schreibt seine Doktorarbeit. Die kann man auch mit 50 schrieben.
nichtWeich 12.08.2011
2. Da sehen die zukünftigen.....
.....Börsenspekulanten und Geldverbrenner (was anderes lernt mal bei BWL nicht!), was passiert, wenn man das Geld fremder Leute vernichtet. Kein Mitleid.
outdoor 12.08.2011
3.
Wo liegt das Problem? Es soll Leute geben die promovieren noch mit 50 oder sogar 70. Das ist dann ganz ok oder wie? Aber mit 33 promovieren geht natürlich gar nicht, ihre Welt besteht scheinbar nur aus Vorurteilen. Abgesehen davon ist Philosophie im Unterschied zu manch anderen Fächern nun wirklich nicht einfach.
archie, 12.08.2011
4. Feed me
"Ziel der Angriffe seien meist Geschäfte, in denen die Plünderer Alkohol und Zigaretten vermuten. Darüber hinaus sind immer wieder die Filialen von Sportartikelherstellern und ganz besonders Elektronikgeschäfte, in denen Mobiltelefone, Fernseher und Hifi-Artikel stehen, interessant für die Diebe." Gebt den Armen doch ihr Nokia, Nike, Bier und Marlboro und das Problem ist gelöst.
PeteLustig, 12.08.2011
5. .
Zitat von MoskvaEr schreibt seine Doktorarbeit. Die kann man auch mit 50 schrieben.
Bis mindestens vor zwei Jahren war der Herr noch in der Uni Frankfurt eingeschrieben gewesen... Stützen des Renten- und Sozialsystems haben in diesem Alter bereits 15 Jahre in die Sozialkassen eingezahlt.
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