Studenten in Weißrussland Kluge Köpfe unter der Knute

Der weißrussische Diktator Lukaschenko nutzt die Armut der Studenten und fesselt sie mit staatlichen Zuschüssen ans Heimatland. Katarina, Boris und Olga aus Minsk leben am Existenzminimum. Nach dem Studium zwingt man sie in landeseigene Betriebe - bei miserablem Lohn.

Von Volker ter Haseborg, Minsk


Katarina Ionikowa ist das, was man an deutschen Universitäten wohl anerkennend als Überfliegerin bezeichnen würde. Die zierliche 23-Jährige studiert Deutsch und Englisch auf Lehramt und wurde schon mehrmals für ihre hervorragenden Leistungen ausgezeichnet. Sie trinkt keinen Alkohol, geht fast nie in die Disko. An den Wochenenden bereitet sie bis tief in die Nacht ihre Unterrichtsstunden vor, die sie im Rahmen ihres viermonatigen Pflicht-Praktikums an einer Schule in Minsk geben muss.

Genügsame Überfliegerin: Katarina Ionikowa
Volker ter Haseborg

Genügsame Überfliegerin: Katarina Ionikowa

In Deutschland würde Katarina, die aus einfachen Verhältnissen stammt, wahrscheinlich von der Studienstiftung des Deutschen Volkes unterstützt. Sie könnte sich ein Zimmer in einer WG leisten. Wenn sie fertig mit ihrem Studium wäre, könnte sie sich ihren Arbeitsplatz aussuchen.

Doch Katarina lebt in Weißrussland. Ihre berufliche Zukunft hat sie nicht selbst in der Hand: "Wenn ich fertig bin, wird mir der Staat vorschreiben, wo ich zu arbeiten habe", sagt die angehende Lehrerin.

Staatsdienst ist Pflicht

Mit aller Macht hindert Weißrusslands Diktator Alexander Lukaschenko die junge Bildungselite daran, ins Ausland auszuwandern. Viele Eltern können es sich nicht leisten, ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen. Das Heimat-Projekt Lukaschenkos setzt bei dieser finanziellen Notlage an: Die 100.000 besten Studenten des Landes werden mit Stipendien an ihr Heimatland gebunden. Die Bedingung für den Bildungs-Zuschuss: Sind die Studenten fertig, müssen sie für mehrere Jahre eine staatliche Stelle annehmen.

Gibt Schülern Deutschunterricht: Olga Ptscholkina
Volker ter Haseborg

Gibt Schülern Deutschunterricht: Olga Ptscholkina

Auch der Weg ins Ausland ist ihnen versperrt. Junge Akademiker, die ein Stipendium vom Staat erhalten haben, bekommen keine Ausreiseerlaubnis. Und während des Studiums sind Auslandsaufenthalte nur erlaubt, wenn das Bildungsministerium sie genehmigt. Das Ministerium führt schwarze Listen: Wer als abwanderungswillig gilt, braucht erst gar keinen Antrag auf ein Auslandssemester zu stellen. Nur linientreuen Studenten wird ein Besuch im kapitalistischen Westen ermöglicht. Ein "Brain drain" wie in den neunziger Jahren, als viele Studenten das wirtschaftsschwache Land verließen, soll um jeden Preis verhindert werden.

Katarina schlug bereits nach der neunten Klasse den Weg zum Lehrerberuf ein. Sie besuchte ein pädagogisches College und studierte danach fünf Jahre an der Pädagogischen Universität in Minsk. Ein Studienplatzwechsel ist für sie nicht drin: "Ich würde jetzt viel lieber Dolmetscherin werden, doch das darf ich nicht", sagt sie.

Sprachstudium ohne Auslandssemester

Umgerechnet 45 Euro im Monat bekommt sie vom Staat. Davon kann sie leben und ihrer Tante, bei der sie wohnt, ein bisschen Miete zahlen. "Alleine wohnen ist völlig ausgeschlossen. Die Kaltmiete für eine Ein-Zimmer-Wohnung in Minsk beträgt 175 Euro", meint Katarina. Wie deutsche Studenten nachts durch die Bars zu ziehen, ist für sie nicht drin. Wenn sie im nächsten Jahr als Lehrerin anfängt, wird sie 75 Euro im Monat verdienen; nach zehn Berufsjahren werden es 200 Euro sein.

Ihre Kommilitonin Olga Ptscholkina will unbedingt nach Deutschland. Sie studiert an der Staatlichen Linguistischen Universität in Minsk Deutsch, ein Auslandssemester im Land, deren Sprache sie lernt, würde sich aufdrängen. Doch die Universität hat anderes mit Olga vor: Sie soll, wenn sie fertig ist, für den Staat als Dolmetscherin arbeiten.

Auch Olga bekommt 45 Euro pro Monat vom Staat. "50 Euro bräuchte ich, um die Lebensmittel zu bezahlen", sagt sie. Deshalb verdient die 20-Jährige dazu: Sie gibt Schülern Deutschunterricht - für zwei Euro die Stunde. Weil ihre Eltern in einer anderen Stadt leben, wohnt sie im Studentenwohnheim. Zum Preis von sechs Euro im Monat lebt sie auf einem Flur mit 15 Wohnungen, in denen jeweils vier Mädchen in einem Zimmer wohnen. Besucher müssen um Mitternacht raus, schließlich brauchen die Studenten ihren Schlaf, um am nächsten Tag wieder Top-Leistungen zu bringen. Sonst ist das Stipendium futsch.

Zwei Stunden müssen zur Berufsfindung reichen

Boris Dzevenski hat sein Informatikstudium schon abgeschlossen. Er ist jetzt Programmierer - ein Traumjob in Weißrussland. Vier Bewerber kämpfen um einen Studienplatz. Boris arbeitet in einem staatlichen Berufsberatungszentrum und schreibt die Programme, mit denen Schüler herausfinden sollen, welcher Beruf zu ihnen passt. Weil er während seines Studiums monatlich 50 Euro Zuschuss bekommen hat, muss er nun für 100 Euro pro Monat seine Arbeitskraft dem Staat widmen.

Traumgehalt 400 Euro: Boris Dzevenski
Volker ter Haseborg

Traumgehalt 400 Euro: Boris Dzevenski

"Klar, es gibt interessantere und besser bezahlte Jobs", sagt Boris. "Aber ich bin zufrieden." Er ist bereits verheiratet, und wenn er und seine Frau gemeinsame Kasse machen, reicht es zum Leben.

400 Euro, das ist in den Augen von Boris das Topgehalt, das er einmal bekommen kann. "Ich möchte einmal Manager eines IT-Projektes sein, das meinem Land hilft", sagt der 23-Jährige.

Dass die Regierung behauptet, es gebe keine Jugendarbeitslosigkeit in Weißrussland, findet Boris verlogen. Von dem kärglichen Lohn, den der Staat seinen Elite-Studenten zahlt, können die wenigsten leben. "Das, was wir hier haben, ist versteckte Arbeitslosigkeit", kritisiert Boris.

Ein Besuch im "Zentrum der beruflichen Orientierung in Weißrussland" in Minsk belegt, warum es kein Entrinnen aus dem System gibt. Dort werden die staatlichen Berufsberater ausgebildet. Nach der Klimow-Typologie aus Sowjet-Zeiten werden die Schüler in fünf Berufstypen gepresst: Mensch-Mensch, Mensch-Technik, Mensch-Natur, Mensch-Kunst und Mensch-Zeichensystem.

"Jeder Absolvent hat das Recht, einen Arbeitsplatz zu bekommen", meint der Direktor des Zentrums, Lyah Valentin Vikentiwitsch. Zwei Stunden Berufsberatung müssen reichen - dann steht der Beruf fest. Nein, arbeitslose Jugendliche gebe es in Weißrussland nicht. "Ich kenne keine", meint Vikentiwitsch. Jeder wird später einmal einen Arbeitsplatz bekommen. Der Staat bestimmt, wo.



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