Studenten-Kampagne Kahlschlag in der Denkfabrik

Die Hochschulen in Thüringen steuern offenbar in eine düstere Zukunft. Während der Freistaat munter Imagewerbung für die "Denkfabrik" betreibt, kontern Studenten mit einer "Kahlschlag"-Kampagne gegen die Stellen- und Finanzmisere.

Von Christian Fuchs


Seit Wochen schon schaltet der Freistaat Thüringen große Anzeigen, um das kleine Bundesland als Wissensstandort zu verkaufen. "Willkommen in der Denkfabrik", ist da zu lesen. Oder: "Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Ionenstrahl daher".

Und wirklich hat Thüringen etwas vorzuweisen. Neben anderen renommierten Professoren lehrt an der TU Ilmenau zum Beispiel Karl Heinz Brandenburg, der Erfinder des Internet-Musikformates MP3. Auch im letzten SPIEGEL-Uni-Ranking schnitten die Ilmenauer teils prächtig ab: Bei Maschinenbau erreichten sie den Spitzenrang, bei Informatik Platz 6.

Mit großem Aufwand wirbt der Freistaat für seine "Denkfabriken" Garage oder Wissenschaftstempel - die Zukunft der Thüringer Hochschulen steht in den Sternen Der Fisch stinkt vom Kopfe her, meinen die Studenten und fordern: "Butter bei die Fische"
Thüringer Buchstabensuppe: "Auf die Zukunft bestens vorbereitet"? Mandy ist auch schon weg Da geht noch was: Die Studentenvertreter hoffen, dass sie den Bildungspolitiker ein Lichtlein aufstecken können


Die Thrüringer Imagekampagne - klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.

"Nicht mehr lange", befürchtet Martin Fuchs, hochschulpolitischer Sprecher des Studentenrates (StuRa). Die Studentenzahlen haben sich seit 1999 verdoppelt, die Haushaltsmittel aber stagnieren. Im Sprachenzentrum fehlen Muttersprachler, die 7000 Studenten können gerade mal zwischen Russisch und Englisch wählen - kein Ruhmesblatt für eine Vorzeige-Uni, die sich gern international sieht.

Kahlschlag-Konter: Aus Frust über knappe Mittel halbiert der StuRa Professoren

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Deshalb startet der StuRa am Freitag, 11.1. um 11.11 Uhr, seine Aktion "Kahlschlag in der Denkfabrik". Schon im vergangenen Jahr organisierte er eine Unterschriftensammlung und eine Massendemo unter dem Motto "Gestern standen wir im SPIEGEL, heute stehen wir im Hörsaal". Und prompt stimmte Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski einem Hörsaalneubau zu. Bis 2004 aber gibt es noch Unterricht in Mensa und Stadthalle.

Dabei müsste Schipanski die Verhältnisse bestens kennen. Bis 1996 war sie die TU-Rektorin und ist deshalb abermals Hauptadressatin der Studentenproteste. "Ab Freitag fährt sie jeden Morgen in Ilmenau und Erfurt an unseren Plakaten vorbei", freut sich Fuchs. Darauf sieht man einen halben Professor und den Spruch "Wird jetzt auch die letzte halbe Stelle gestrichen?"

Daneben haben die Studentenräte die Horror-Schlagzeilen abgedruckt, die sie erwarten, wenn der Sparkurs fortgesetzt wird: "Sprachenausbildung an der TU: Sächsisch, bayrisch, thüringisch." Oder: "1:70 Haushoch verloren!!! Professoren-Studenten-Verhältnis an der TU Ilmenau." Das Vorurteil, dass Ausstattung und Betreuung an Ost-Unis weit besser seien als im Westen, stimmt für Ilmenau schon lange nicht mehr. Mit einem Verhältnis von 48 Studis pro Professor stehe beispielsweise die TU München besser da als die TU Ilmenau, rechnet Martin Fuchs vor.

Dagmar Schipanski wollte Bundespräsidentin werden - als Ministerin ist sie jetzt Protest-Ziel
REUTERS

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Auch in Sachsen regt sich längst Protest gegen Mittelkürzungen an den Unis. Um Geld zu sparen, verhängte das sächsische Finanzministerium eine Haushaltssperre über die Hochschulen. Heizungen wurden gedrosselt, Abos in Bibliotheken abbestellt und Praktika nicht mehr durch die Unis vermittelt. Gegen die drohende bittere Kälte sammelten Sachsens Studenten in den Einkaufsstraßen wärmende Winterkleidung, Decken und Kerzen. Auch in Dresden, Leipzig oder Freiberg müssen in den kommenden Jahren viele Mitarbeiter gehen, trotz steigender Studentenzahlen durch die EU-Osterweiterung.

Der Traum vom besseren Studium im Osten der Republik scheint also langsam passé. Martin Fuchs sieht nur eine Chance: "Das Land muss nun zu seiner vollmundigen Versprechung, die Denkfabrik Deutschlands zu sein, stehen und mehr Geld für Bildung im neuen Haushalt veranschlagen", fordert der Wirtschaftsstudent.



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