Studenten-Outfits Zeig mir, was du trägst, und ich sag dir, was du studierst

Longchamp-Täschchen oder abgeschrammelter 4You-Rucksack? An der Bekleidung von Studenten lässt sich ihr Studiengang ablesen, glaubt Tabea Mußgnug. Sie passt sich mit Leggins und Blogger-Dutt selbst der Kleiderordnung ihres Faches an.

Dutt, Strickjacke, Longboard: Sieht nach Geisteswissenschaften aus
Corbis

Dutt, Strickjacke, Longboard: Sieht nach Geisteswissenschaften aus


Wenn die Leute hören, dass man Kunstgeschichte studiert hat, drängen sich ja - wie bei anderen Studiengängen auch - bestimmte Bilder auf. Medizin provoziert Assoziationen mit Wannsee-Villen, Jura welche mit Gelfrisur, Ethnologie mit relativ vielen Drogen und relativ bunt gebatikten Aladinhosen mit Schritt auf Kniehöhe.

Ich möchte hier mal an dieser Stelle sagen, dass ich finde, Frauen, die so etwas tragen, sehen nicht aus wie Aladins anmutige Jasmin, sondern nur, als hätten sie die Hosen voll. Im Fall von Kunstgeschichte ist die Assoziation vor allem die der höheren Tochter, die bis zur Heirat mit dem Rechtsanwalt noch was Schönes studieren wollte.

Ohne Letzteres wäre das Kunstgeschichtliche Institut quasi unbekleidet - all die Ballerinakörper wollen ihre Gazellenbeine ja vorzeigen können, zusammen mit dem Blogger-Dutt und einem Shabby-Strickpullover in creme von Urban Outfitters. Mein Institut ist das bestangezogene in Heidelberg, darüber gibt es, glaube ich, keine ernsthafte Diskussion. Das macht keiner lange mit, ohne sich zu beugen. Nach dem ersten Semester hat sich auch mein Kleiderschrank deutlich verbessert.

Man muss ja das Klischee auch leben

Kurz bevor ich anfing zu studieren, habe ich in einem Forum der Heidelberger Kunstgeschichtler den aufgebrachten Beitrag einer Kommilitonin gelesen, in diesem Institut dächten wohl einige immer noch, man könne Kunstgeschichte mit einer Handtasche studieren. Es sei laut gesagt: Man kann.

Und auch die meisten anderen Geisteswissenschaften, soweit ich weiß. Das hat nichts damit zu tun, dass man dort faul ist, aber mehr als einen Block zum Mitschreiben braucht man wirklich nicht, ein Laptop ist schon übertrieben. Außer wenn man ein Referat hält, aber die drei Blätter Referatsstichworte und der USB-Stick machen auch keinen Rucksack nötig. Den haben meiner Erfahrung nach vor allem: Theologen, Germanisten und ehrenhalber jeder Naturwissenschaftler.

Wir Kunsthistorikerinnen tragen die pseudo Birkin Bag locker am Handgelenk. Man muss ja das Klischee auch leben. Generell finde ich, dass man fast eine Unimaterialientransportstück-Typologie aufstellen könnte: Ein schwarzer Aktenkoffer mit Zahlenschloss enthält beispielsweise fast immer Übungsfälle aus der Jura-AG. Sobald noch eine kleine, kalbslederne und buchformatige Umhängetasche in gedeckten Farben dazukommt, kann man sich endgültig sicher sein: Das BGB fährt hier mit.

Longchamp-Tasche oder Jute-Beutel?

Gilt aber nur für männliche Jurastudenten, weil unter weiblichen irgendwie seit Jahren der Zwang zur Longchamp-Tasche in dunkelblau, beige oder (jung und crazy) pink ungebrochen scheint. Jutebeutel mit Aufdrucken wie "Karl Who?", "The whitest Beutel alive" und Variationen von "Calm down and …" werden meistens von Hipster-Germanisten/Anglisten/Romanisten getragen, die auch die H&M-Fensterglasbrille in Horn-Optik als Allererstes besessen haben.

Ja, und dann gibt's halt noch die (immer männlich) mit dem abgeschrammelten 4You-Rucksack, der dem Träger schon seit der fünften Klasse ein treuer Freund ist. Mit Schnallen, die bei jedem Schritt durch das Physikinstitut (Geisteswissenschaftliches Pendant: Ur- und Frühgeschichte) leise klappern.

Da weiß man eigentlich gar nicht mehr so richtig, was man dazu sagen soll.


Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015.

Zur Autorin
  • S. Fischer Verlag
    Tabea Mußgnug, Jahrgang 1987, hat in Heidelberg Kunstgeschichte, Religionswissenschaft und Byzantinische Archäologie studiert und musste sich oft fragen lassen: "Und was macht man dann damit?". In regelmäßigen Abständen durchlitt sie deshalb Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krisen. Heute promoviert sie in Kunstgeschichte und hofft auf das große geniale Jobangebot.

insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
gustavsche 17.08.2015
1. Frau Mußgnug
muss ja wahnsinnig viel Zeit während des Studiums gehabt haben.
woodpecker 17.08.2015
2. Witzig finde ich ja
wenn man wie in dem Foto zu diesem Artikel genau sieht, dass das Longboard noch keinen einzigen Meter gefahren wurde.
danreinhardt 17.08.2015
3. Schamlose Selbstinszenierung
Also an Berliner Universitäten sind Kunstgeschichte StudentInnen wohl dir am legersten bekleideten. Stilmäßig sind Rechtswissenscaftler und BWLer am besten gekleidet. Schwarzer Aktenkoffer mit Zahlenschloss haha ?? Ein schlechter Witz, aber irgendwelche Assoziationen müssen ja unterstrichen werden. Naja immerhin bin ich mit einem guten Lacher in den Tag gestartet. :)
Leser222 17.08.2015
4. Akademikerboulevard
Das ist doch mal schön, ein Exemplar bei der "Arbeit" zu sehen. Diese gedankliche Tiefe, dieser leichte Anflug von Selbstironie ob des eigenen Prekariats. Besser kann man das Handwerk nicht aufwerten als durch promovierte Akademiker dieses Schlages.
fatherted98 17.08.2015
5. Wer...
...in diese Schemata fällt, wird sich wahrscheinlich wenig Zeit fürs eigentliche Studium nehmen.
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