Studenten pro Studiengebühren Freiwillige vor

Alle Studenten sind gegen Gebühren. Wirklich alle Studenten? Eine kleine Gruppe hat mit kräftiger Geburtshilfe der Pro-Studiengebühren-Lobby das bemerkenswerte "Modell X" entwickelt: Die Studenten sollen zahlen, dafür aber an den siechen Unis mitbestimmen und die Verwendung der Mittel kontrollieren können.

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Müller-Böling: Immer auf der Suche nach Verbündeten

Müller-Böling: Immer auf der Suche nach Verbündeten

Der Mann hat ein Mantra: Studiengebühren sind gut, richtig, wichtig - und das predigt er bei jeder Gelegenheit. Der Mann hat eine Mission: Er will die deutschen Hochschulen "modern und international wieder wettbewerbsfähig" machen. Der Mann hat eine Institution: ein kleines, aber agiles Zentrum, so einflussreich, dass manche es gar als "heimliches Bildungsministerium" sehen. Und der Mann fahndet ständig nach Verbündeten - in der Bildungspolitik, in der Wirtschaft, unter den Rektoren und Professoren. Oder auch unter den Studenten, sofern sie nicht rechtzeitig flüchten.

Der Mann heißt Detlef Müller-Böling und leitet das Centrum für Hochschulentwicklung, eine gemeinsame Einrichtung der Bertelsmann-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz. Seit 1995 bastelt das CHE emsig an der Zukunft der Hochschulen und wurde, ganz ohne politisches Mandat, zu einer der Schaltzentralen in der Bildungspolitik.

Der Normalfall: Studenten gegen, nicht für Gebühren
DPA

Der Normalfall: Studenten gegen, nicht für Gebühren

Eine Lobby für die Einführung von Studiengebühren aufzubauen ist eines der CHE-Hauptziele. Mit der TU München zum Beispiel bastelt die Denkfabrik seit Monaten an einem gemeinsamen Gebührenmodell. Der Plan, Studenten stärker in das CHE einzubinden, war indes bislang nur mäßig erfolgreich. Zu groß scheint das Misstrauen der Studenten gegenüber allen Inkasso-Ideen - schließlich sind sie es, denen es ans Portemonnaie gehen soll.

Im Juli allerdings machten sich erstmals rund 50 Studenten an der TU Dresden offen für die Einführung von Studiengebühren stark. Gemeinsam verfassten sie einen offenen Brief und boten eine Gegenleistung für ihre akademische Ausbildung an: "Es bringt nichts, immer nur dagegen zu sein", so Jens Bemme von der Initiative. "Wir wollen auch etwas bieten. Dafür fordern wir, dass die Hochschulpolitiker endlich das tun, was wir von ihnen erwarten." 100 Euro boten die Studenten als möglichen Kostenbeitrag pro Semester an.

Wer zahlt, bestimmt die Musik

Zunächst sollten die freiwilligen Beiträge vor allem ein provokatives Druckmittel sein. Inzwischen haben die studentischen Gebührenfans ihre Position weiterentwickelt - mit Hilfe des CHE. Anfang September luden die Gütersloher Strippenzieher interessierte Studenten zum Workshop "Hochschulfinanzierung - das Modell X" in Bommerholz in Witten ein. Ein kleiner Kreis von neun Studenten schrieb ein Konzept, das es in sich hat.

Die Grundidee: Studenten beteiligen sich an den Kosten des Studiums. Dafür dürfen sie aber an der Hochschule auch mitbestimmen. Das "studentische Vereinsmodell zur Einführung von Studienbeiträgen" sieht vor, dass der Verein die Gebühren sowohl bei der Einschreibung und Rückmeldung eintreibt als auch wieder ausschüttet - und zwar gezielt zur Verbesserung der Lehre.

Bei einer Universität mit 30.000 Studenten käme bei 100 Euro pro Semester immerhin eine Summe von 6 Millionen Euro jährlich zusammen, rechnet die Gruppe vor. Und jeder Studierende habe "die Gewissheit, dass der Hauptanteil seines Beitrags auch bei ihm ankommt". 90 Prozent der Mittel sollen zweckgebunden an die Fakultäten gehen, die über die Verwendung und ihre Erfolge dabei jährlich Rechenschaft ablegen müssen.

Gebäude der TU Dresden: Kann das "Modell X" sich durchsetzen?

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Der Verein soll aus allen Studenten bestehen und einen fünfköpfigen Vorstand haben. Entscheidungen über die Verwendung der Einnahmen trifft dem Modell zufolge allerdings eine Kommission an der Spitze. Darin haben fünf Studenten eine knappe Mehrheit gegenüber vier "externen Beratern". Diese Berater können zum Beispiel aus der Politik oder Wirtschaft kommen; als Kriterien sieht der Verein auch juristische Kompetenz oder Bekanntheit und öffentliches Ansehen.

Die Studentengruppe, powered by CHE, hält dieses Modell für weit klüger als eine bloße Abstrafung vermeintlicher Bummelanten, wie Baden-Württemberg es bereits praktiziert und Nordrhein-Westfalen es kopieren will. Dass die Gebührenfreunde sich in Witten trafen, ist kein Zufall: In Witten/Herdecke logiert eine private Universität mit guten Kontakten zur Bertelsmann-Stiftung und zum CHE. Als die Hochschule vor einigen Jahren finanziell in schweres Fahrwasser geriet, entwickelten die Studenten nach anfänglichem Murren ein eigenes Gebührenmodell - und die Parallelen zu den "Bommerholzer Thesen" sind deutlich erkennbar.

Auch die Gegner sammeln sich

Beteiligt am Treffen in Witten waren neben Jens Bemme aus Dresden unter anderem zwei Mitglieder der Studierendengesellschaft an der Privatuniversität, außerdem ein RCDS-Vertreter aus Osnabrück sowie zwei Studenten, die schon länger beim CHE mitarbeiten.

Uni Witten/Herdecke: Vorbild für die neue Initiative
GMS

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Jens Bemme geht von der Annahme aus, dass je zehn Prozent der Studenten klar gegen oder klar für Studiengebühren seien - und dass die übrigen 80 Prozent sich durch "sinnvolle Anreize und konkrete, absehbare persönliche Vorteile" überzeugen ließen. Bemme und seine Mitstreiter wollen darüber jetzt eine breite Diskussion führen, zunächst an der TU Dresden mit dem Senat, dem Rektorat und auch unter den Studenten. Der Dresdner Studierendenrat (StuRa) hat die Papiere erst am Donnerstagabend erhalten. Die Mitglieder wollen sich jetzt damit beschäftigen und in einer Woche erneut tagen.

Andere Studentenvertreter segeln bereits auf Kollisionskurs. In einer gemeinsamen Stellungnahme lehnten der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) und das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) das Konzept rundweg ab: Das CHE verfalle abermals "dem Irrtum, der Kunde sei König und Studiengebühren seien ein Beitrag zu einer qualitativen Studienstrukturreform".

Beide Organisationen halten vor allem die Mitbestimmungsmöglichkeiten für zu gering, aber ihnen passt schon die ganze Linie nicht, "Mitglieder der Hochschule zu Kunden zu degradieren", so fzs-Sprecher Tjark Sauer. Und ABS Geschäftsführer Klemens Himpele ergänzte: "Dass Studiengebühren nun über einen Verein abgeführt werden sollen, lässt sie dennoch Studiengebühren bleiben. Diese Pläne sind wie alle Studiengebührenpläne der Vergangenheit für den Papierkorb."



insgesamt 1557 Beiträge
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Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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