Studenten stimmen ab Vorlesung per Knopfdruck

Ob du recht hast oder nicht, sagt dir gleich das Licht: An der Uni Frankfurt können Studenten mit einem Knopfdruck auf die Fragen des Professors antworten. Eine gute Methode, die Zuhörer bei Laune zu halten - und sie reinzulegen.

Von Frank van Bebber


Eins, zwei oder drei - welches Insulin würden Sie empfehlen? Eine Minute Zeit bleibt Pharmaziestudentin Anne-Kathrin Frischen und ihren 70 Kommilitonen für die Antwort per Knopfdruck. Die Studenten greifen zu schwarzen Kästchen, die aussehen wie eine Fernbedienung. Nach sechzig Sekunden flimmert das Ergebnis als Balkendiagramm über die Beamer-Leinwand. "Es ist wie bei 'Wer wird Millionär'", sagt Anne-Kathrin Frischen, "das macht Spaß." Der Günther Jauch der Frankfurter Uni heißt Theo Dingermann. Er ist Professor für Pharmazeutische Biologie. Von der Einführung des Publikums-Jokers in seine Hochschuldidaktik ist der 59-Jährige ebenso fasziniert wie die Studenten.

Der Professor mit dem grauen Strubbelhaar, der in Anzug und Krawatte lehrt, ist so etwas wie der Publikumsliebling an der Frankfurter Uni. Im vergangenen Jahr erhielt er den Universitätspreis für exzellente Lehre. Die 15.000 Euro Preisgeld investierte er in das Abstimmungssystem, das eine holländische Firma vertreibt. Seit dem Wintersemester überlegt sich Dingermann nun für jede Vorlesung etwa vier Fragen, die er den Studenten stellen will. Auch die Auswahl der möglichen Antworten gibt er in den Computer ein. Bei der Präsentation des Ergebnisses färbt sich später der Balken mit der richtigen Antwort rot. "Ich glaube, das kommt gut an", sagt Dingermann, "und ich lerne selbst viel."

Hilferuf bei zu hohem Tempo

Er ist überzeugt: Die Technik ist mehr als Unterhaltung. Falsche Antworten zeigen, wo die Schwierigkeiten des Stoffs liegen. Und die anonyme und risikolose Abstimmung belegt erstmals, was leistungsschwächere und unsichere Kommilitonen im Hörsaal tatsächlich wissen und meinen. Bei mündlichen Fragen erlebt der Professor dagegen das Übliche: "Ich binde die Studenten ein - und dann melden sich immer die gleichen."

Auch anderswo setzen Dozenten neuerdings auf das Abstimmungssystem, das bisher nur Parteien und Unternehmen in Versammlungen nutzen. Etwa ein Dutzend Hochschulen sollen es nach Angaben des Herstellers sein, in Deutschland unter anderem die Uni Heidelberg und die der Bundeswehr. An der Uni Mannheim haben Informatiker und Erziehungswissenschaftler 2004 ein eigenes System entwickelt.

"Nach 20 Minuten schlafen die Leute ein, mit dem Quiz wecken wir sie wieder auf", sagt der Mannheimer Informatik-Professor Wolfgang Effelsberg. Sein System WILD (Wireless Interactive Learning Device) kann sogar noch mehr: Per Schieberegler signalisieren Studenten laufend online, ob ihnen das Tempo zu hoch ist. Effelsberg und seine Kollegen schwören auf die Technik.

Die Studenten antworten emotional

Auch viele Studenten finden das Abstimmungssystem toll. Christian Wagner, der an der Uni Frankfurt Pharmazie studiert, drückt gern auf die Tasten: "Es ist ein gutes Sprungbrett, um auf aktuelle Fragen einzugehen." Sein Kommilitone Karsten Gogoll stimmt zu: "Man denkt aktiver mit."

Professor Dingermann will der Uni vorschlagen, das System fest im Hörsaal einzubauen - wenn es bei der Lehrevaluation am Semesterende gut abschneidet.

Zu jeder Vorlesung schiebt der Professor seine Anlage auf einem blauen Rollwagen vom Büro in den Hörsaal. Im Grundstudium baten einige Studenten Dingermann, er möge am Ende der Stunde den Lernerfolg abfragen. "Das mache ich dann natürlich", sagt der Professor, der sich als Dienstleister versteht. An der ETH Zürich und der Uni Basel hält er eine Vorlesung, die abwechselnd live an die andere Hochschule übertragen wird. Seine Frankfurter Vorlesungen stehen im Internet-Archiv zum Nachhören bereit.

Die neue Quiztechnik sieht Dingermann nicht als laufende Leistungskontrolle. Er will mit ihrer Hilfe aufmerksame Zuhörer bekommen, die sich für Themen und Probleme interessieren. Darum findet er auch die Antwort auf die Insulinfrage so interessant. 54 Prozent der Studenten würden das mit Hilfe von Säugerzellen gewonnene Insulin empfehlen, die Balken hinter den Antworten Hefe und E.Coli bleiben kurz.

Dingermann setzt seine Pointe: "Die richtige Antwort steht nicht da." Fachlich mache es keinen Unterschied. "Insulin ist Insulin." Die Studenten hätten geantwortet, wie es in solchen Verfahren üblich sei. "Eine rein emotionale Antwort", sagt er, die von Firmen jedoch gerne mal zu unredlichem Marketing genutzt werde. Die angehenden Pharmazeuten im Hörsaal will Dingermann dagegen immun machen - per Knopfdruck.



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