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Studenten-Streit Piefke gegen Ösi - das Duell

Nein, richtig lieb haben sie einander nicht. Die Deutschen? Sturzarrogant. Die Österreicher? Total von gestern. Numerus-clausus-Flüchtlinge strömen in den Alpenstaat und verstopfen die Unis - das birgt viel Zündstoff. Im Namen der Ehre geben Melanie Stein und Benedikt Mandl die unverbesserlichen Streithähne.

Es ist ein Streit über den Gartenzaun, der seit Jahren schon wogt, politisch, juristisch, medial: Kommen zu viele deutsche Studenten nach Österreich - und darf die Alpenrepublik sich per "Piefke-Bremse" wehren? Dort werden die Universitäten von einer Lawine deutscher Abiturienten überrollt, so der alpine Blick auf die derzeitige Situation an den Hochschulen. Tatsächlich ist der Anteil deutscher Studenten in Österreich in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen. Dennoch liegt er insgesamt lediglich bei rund sieben Prozent.

Das müsste ein Land gerade noch verkraften können, möchte man meinen. In Deutschland trommeln Bildungspolitiker stets für mehr Mobilität und Flexibilität, fördern Auslandssemester deutscher Studenten, jubeln umgekehrt über jedes Prozent mehr ausländischer Studenten an deutschen Hochschulen. In Österreich ist das ganz anders: Der Abiturienten-Zustrom wird als bedrohlich wahrgenommen. Medien rufen nach Deichen gegen die Deutschen-Flut, Rektoren schotten ihre Hochschulen mit Quotenregelungen ab - oder fordern gemeinsam mit manchen Politikern gar Ausgleichszahlungen von Deutschland.

Die Ausgangslage ist in den beiden Nachbarländern völlig unterschiedlich: Seit gut 40 Jahren schon drosselt in vielen Fächern der Numerus clausus den Bewerberzustrom an deutsche Hochschulen, am schärfsten in der Medizin, wo nur die besten Einserabiturienten eine Studienchance erhalten. Das erheblich kleinere Österreich mit seinen wenigen Unis pflegt eine viel liberalere Tradition: freier Zugang für alle, weitgehend ohne NC und Aufnahmetests, zudem jetzt wieder Verzicht auf Studiengebühren und auch kein Druck auf Langzeitstudenten.

Parole "Österreicher zuerst"

Das Gefälle erzeugt einen Drang zur Abschottung, zumal die deutschen Studenten sich keineswegs gleichmäßig verteilen. Studieren wollen sie vor allem Medizin, Psychologie und Publizistik - in Wien und Innsbruck, Salzburg und Graz. Längst ist der Zugang limitiert, maximal jeder fünfte Medizinplatz darf an Bewerber aus dem EU-Ausland gehen: Ösis first. Zuletzt hat der EU-Gerichtshof solche Regelungen erlaubt, wenn auch unter Auflagen. Belgien oder Österreich dürfen einen Ärztemangel nicht einfach nur behaupten, sondern müssen ihn nachweisen.

Abwehrreflexe kennen deutsche Studenten auch aus anderen europäischen Ländern. In der Schweiz etwa versammelt sich wegen der "Neuen deutschen Welle" aus dem "großen Kanton im Norden" allerlei Groll, der vor allem deutschen Ärzten und Uni-Mitarbeitern entgegenbrandet, mitunter ausgesprochen hässlich. Selbst in den sonst recht friedlichen Niederlanden gab es jüngst Debatten über deutsche Gaststudenten. Und in Österreich ist der medial kräftig befeuerte Furor besonders groß - deutlich erkennbar geht es nicht um die Unis allein, auch um das grundsätzliche Verhältnis zu den Nachbarn.

Sind die Deutschen arrogant und übertrieben perfektionistisch? Oder die Österreicher komplexgebeutelt bis xenophob? Aus einem satirischen Blickwinkel zeigt SPIEGEL ONLINE, welche Kämpfchen im Uni-Alltag ausgetragen werden: Melanie Stein schlüpft in die Rolle von Piefke-Lara, Benedikt Mandl gibt den Ösi-Sepp - auf zum Duell:

Aufschlag... : "warum studierst' net bei dir daham?"

"Na, hast' die Matura in Deutschland net g'schafft?" Ein österreichischer Wirtschaftstudent gräbt mich in einem Wiener Pub an. Heute also die charmante Tour, denke ich und nippe an meinem Weißen Spritzer.

Wäre mir der BWLer drei Jahre früher begegnet, hätte ich ihm wohl von meinem Einser-Abi erzählt. Damals, bei einem Ausflug nach Wien, packte mich ein Mädchentraum. Warum länger in Köln studieren? Ich bleibe hier und werde Prinzessin! Auf den Spuren von Mozart und Freud glaubte ich, die Fährte zum Erfolg entdeckt zu haben.

Doch nur wenige Tage nach meinem Wechsel an die Uni Wien fiel ich aus meinem Luftschloss auf den Boden der Realität: Überquellende Hörsäle ersetzten ruhige Gemächer, keine Handküsse, sondern ein eher kehlig-schroffes Grüß Gott - und für praktische Berufserfahrungen wurde ich stets nach Deutschland geschickt.

"Ja, ich hab' nicht einmal den Sonderschulabschluss - so wie die meisten grenzdebilen Piefke hier", antworte ich in Anspielung auf den hiesigen Kosenamen für Deutsche. Der Wirtschaftsstudent fühlt sich in seinem Bild vom Numerus-clausus-Flüchtling bestätigt. Er spannt jetzt seine Brustmuskeln an. "Na ihr habt'sis aber auch net leicht da drüben." Nein, denke ich, trinke den Rest auf Ex und gehe heim.

Fünf Stunden später in meiner Wohnung, ich schrecke im Bett hoch. "Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich - ich bin ein Egoist...", hallt die Stimme des Sängers Falco durch die Zimmerdecke hindurch. Mit einem Auge schiele ich auf den Wecker: drei Uhr morgens. Wieder einmal tappe ich barfuß die Treppe hoch, um meinen Über-mir-Nachbar Sepp zu überzeugen, seine Karaoke-Sessions doch bitte auf den Tag zu verlegen. "Typisch Piefke" - er schüttelt den Kopf, schaut mir ernst in die Augen und rappt im Einklang mit Falco: "...was red' er denn, wer glaubt er dass er is'."

Das Erste, was meine Landsleute in Wien lernen: Deutsche und Österreicher sind komplett total extrem unterschiedlich. Ich gebe zu, in meiner frühen Prinzessinnenphase gedacht zu haben: Na ja, eigentlich gehören wir doch alle zusammen. Eine Idee, die man besser nicht laut ausspricht - andernfalls sieht man schnell ein Paar Skier Richtung Magenkuhle sausen. "Die Deutschen sant so arrogant!", heißt es von allen Seiten. Sepp erklärt mir, das liege an ihrem Perfektionismus und dem "deutschen Akzent".

Ich beschließe also, mich der hier gepriesenen "österreichischen Lässigkeit" anzupassen. Zuerst schreibe ich mich für mehrere Studiengänge gleichzeitig ein und nehme vier Nebenjobs an - so scheint mir die durchschnittliche Studiendauer von 20 Semestern erreichbar. Spätestens nach meinem Beitritt in die rechtspopulistische Partei FPÖ fühle ich mich schon richtig österreichisch. Nur meine Dialekt-Versuche scheitern kläglich. Und das, obwohl ich in jeden zweiten Satz "leiwand" (zu deutsch: lässig) einbaue und an alle Adjektive die Silbe "ur" andocke. Welch ur-schlechte Idee, denn meine norddeutsche Sprechweise verrät stets meine Herkunft.

Wenn'st anmol do bist, kummst nimma aussi

Während sich Nachbar Sepp über meine Art, "baba" (tschüs) zu sagen, belustigt, zwickt das Heimweh mich immer stärker. Irgendwie will mich hier trotz meines T-Shirts mit der Aufschrift "Die Piefke nehmen unsere Studienplätze weg" niemand so wirklich als Österreicherin anerkennen. Das merke ich besonders auf der Suche nach Praktika im Medienbereich: "Mit deutschem Akzent kannst dir's beim Radio abschminken." Die Österreicher seien sehr national verbunden, versucht mir ein Moderator und Studienkollege beizubringen. Selbst beim kleinsten TV-Sender erklärt mir die Geschäftsleitung: "Wir fahren nicht so ein Praktikantensystem wie in Deutschland." Allmählich beschleicht mich das Gefühl, dass nicht nur in universitären Kreisen eine Quotenregelung für Deutsche existiert.

Das Studium also doch besser im Heimatland fortsetzen? Eine Frage, die sich viele meiner Kommilitonen stellten. Wohl jeder zweite behauptete anfänglich: "Nach dem Vordiplom oder Bakkalaureat bin ich weg!" Haha, denkste. Alle sind noch da. Dank Mafiakonditionen bei der Anrechnung von Studienleistungen oder der schlichten Verweigerung von Diplomstudenten an deutschen Unis. Ein Hoch auf Bologna.

Die Prinzessin also im Kerker? Nein, denn während die deutsche Hochschulpolitik in den Dornröschenschlaf fiel, schweißten gemeinsame Studentenproteste Piefke und Ösis mehr denn je zusammen. Und mittlerweile hat auch der Letzte dankbar begriffen: Es is so schee do zum sein.

...und Return: kein G'spür für Wien

Ohne Numerus clausus wären die gar nicht hier. Und jetzt verfolgen die einen schon bis in die eigenen vier Wände. Missmutig schalte ich die Stereoanlage jetzt ganz aus, Falco verstumme und sei mir nicht bös. Muss sowieso noch lernen, für das Seminar in Zeitgeschichte morgen.

Obwohl ich mir das auch sparen könnte, denn bei 40 Teilnehmern kommt man ohnehin praktisch nie zu Wort. Die Uni Wien quillt über: Seminarplätze, Diplomarbeitsbetreuer oder einfach nur einen Sessel im Lesesaal abzustauben, das erfordert strategisches Denken von fast militärischer Dimension - und vor allem Geduld.

In Mindestzeit kann man hierzulande praktisch nur noch an Privatunis studieren. An den öffentlichen Hochschulen schwappen seit Jahren jeden Herbst Tausende Deutsche rein, die zu blöd waren, um in ihrem Heimatland einen Studienplatz zu bekommen. Die heben das akademische Niveau auch nicht gerade, dafür aber die Immobilienpreise. Mein Freund Markus, Makler in Innsbruck, freut sich immer über die allherbstliche Invasion: "15 bis 20 Prozent der Mietpreise von WG-tauglichen Wohnungen verdanke ich den Piefke", erzählte er mir bei meinem jüngsten Innsbruck-Besuch.

Tatsächlich war jedes zweite Auto vor der MedUni, der Medizinischen Universität, ein Mercedes mit Münchner Kennzeichen. "Die kaufen ihren Kindern auch gern mal eine Wohnung und legen das Geld dann bar auf den Tisch", weiß Makler Markus. "Arme bleiben lieber daheim und warten entweder auf einen Studienplatz oder gehen arbeiten." Vor der Uni wollten an dem Tag ein paar Studenten schnell ein bisschen Geld verdienen und haben selbstbedruckte T-Shirts verkauft: "Klaus Numerus: Meistgehasster Deutscher". Ich fand das sehr lustig, aber prompt hat sich ein Piefke aufgeregt. Selbstironie ist keine deutsche Stärke.

Ich schlage das Skriptum auf und suche nach der Leseliste: Europäische Einigung steht auf dem Programm, das hat mir gerade noch gefehlt. Dieser Lara-Tussi würde eine Geschichtsstunde auch nicht schaden. Deutsche kommen immer nach Wien und glauben, eine deutsche Stadt zu finden. Als ob Österreich das eine deutsche Fürstentum wäre, das es leider nicht ins Vaterland geschafft hat. Ich sollte runtergehen und ihr mal erklären, dass Österreich schon alt war, als bei ihr daheim noch die Romantiker auf der Wartburg herumhüpften und von einem Deutschland bestenfalls träumen konnten.

"Ich hab' ein ganzes Jahr verloren, weil ich mich komplett neu einlesen musste", hab ich mal eine Deutsche am Nebentisch im Café Stattfrau jammern hören. Der Germanistik-Doktorandin war im ersten Jahr eine lange Leseliste in die Hand gedrückt worden. Von Adalbert Stifter bis Heimito von Doderer quälte sie sich durch Perlen der österreichischen Literatur, die hierzulande Teil des Bachelor-Studiums sind. Sie habe die Unterschiede drastisch unterschätzt, erzählte sie einer Freundin lautstark. Und bestellte dann auch noch "Kaffee", auf der ersten Silbe betont. Dass der Kellner sie gleich mit dem in Wien üblichen Charme und einem zornigen "Sowas kennan's in Deitschland b'stelln" abkanzelte: Es war ein kleines Stück Befriedigung für mich.

Zu blöd für Deutschland? Komm nach Wien!

Österreich ist Ausland, das sollte man jedem Piefke klipp und klar gleich bei der Einreise sagen. Am besten schriftlich geben. In Dänemark oder in den Niederlanden würden sie sich ja auch nicht so aufführen. Glaube ich zumindest. Wirklich wissen kann ich das natürlich nicht, schließlich hab ich noch nie außerhalb Wiens gelebt. Wo denn auch? In Deutschland? Dort gibt es ja Beschränkungen an den Unis. Nur die österreichischen Politiker sind wieder mal zu dämlich, um den Zugang zum Studium zu regulieren, ausbaden müssen es dann die Studenten.

Österreich macht sich freiwillig zur Fortbildungsstätte für minderbegabte Piefke, brennt dafür wie ein Luster - und die eigenen Leute bleiben auf der Strecke. Weil von den Deutschen sicher niemand im Land bleibt: Die kleben ja schon hierzulande beisammen wie die Kletten, bloß nicht anpassen, bloß keine Wurzeln schlagen.

Eine Freundin, die bei einem Catering-Service jobbt, hat mal mit einem Piefke zu streiten begonnen. Der bestand darauf, eine Weißweinschorle gereicht zu bekommen - sie pochte darauf, dass es in Österreich keine Weißweinschorlen gebe. "Der Vollkoffer hat echt 15 Minuten mit mir gestritten, bis mein Chef das mitbekommen hat und ich ihm schnell den Weißen Spritzer gegeben hab."

Kulturelle Ignoranz und präpotentes Auftreten, das liegt ihnen. Österreicher als provinzielle Alpennazis abstempeln, sehr gut. Dass in eben diesen Alpen in den meisten Hotels heute Ossis die Drecksarbeit machen, das trübt das Bild nur leicht. Da darf man sich eben nicht ablenken lassen von der eigenen Überlegenheit. Aber irgendwann werden sie schon noch akzeptieren lernen, dass alle Welt Beethoven für einen Wiener hält.

Ich schlage das Skriptum auf, zurück zur Geschichte. Zumindest die bleibt uns Österreichern ja noch.

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