Studenten und Krankenversicherung Vorsicht, Fallen

Bei den Debatten über die Gesundheitsreform wird übersehen, dass mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland weder privat noch gesetzlich krankenversichert sind. Die Krankenkassen warnen vor den riesigen Nebenwirkungen, wenn Studenten sich vor den Beiträgen drücken.
Von Timo Rieg

Für Carsten Helbig, Hochschulberater der Techniker Krankenkasse (TK) in Frankfurt, ist es eine alltägliche Situation: Vor seinem Schreibtisch sitzt ein Student, nennen wir ihn Martin, mit zwei Problemen. Er hat einen gebrochenen Fuß, und er ist nicht krankenversichert - trotz eines dichten Netzes von Verordnungen und Gesetzen, mit denen die 1,9 Millionen Studenten zu ihrem Versicherungsglück gezwungen werden sollen.

Die Hochschulen sind verpflichtet, bei der Immatrikulation einen Nachweis über die Krankenversicherung zu fordern. Zunächst ist das für wenige ein Problem, denn bis zum 25. Lebensjahr sind die meisten Studenten über ihre Eltern in einer gesetzlichen Kasse mitversichert. Doch weil Martin vor dem Studium schon eine Banklehre gemacht hat, ist er inzwischen 26 Jahre alt. Nun müsste er sich selbst versichern, wie die übrigen 600.000 Studenten zwischen 25 und 30 Jahren.

Keine Beiträge, kein Versicherungsschutz

Zwar bieten alle Kassen eine studentische Krankenversicherung zum recht günstigen Tarif von 53 Euro pro Monat an - für manchen Diplomanden zwischen Jobs und Prüfungsvorbereitungen aber trotzdem kein Pappenstiel. Da bleibt die Zahlungsaufforderung der Krankenkasse schon mal länger liegen. "Von hundert studentisch Krankenversicherten kommen pro Semester 40 zu mir, die Probleme haben, ihre Beiträge aufzubringen", sagt Carsten Helbig.

So ging es auch Martin: Die Rechnung von der Kasse hatte er auf die lange Bank geschoben, plötzlich kam der unglückliche Sturz beim Basketball und die Frage des Arztes nach der Versicherungskarte.

Jetzt steht Martin vor einer Schwachstelle der Krankenversicherung: Wenn Studenten sich die Beiträge nicht leisten können, verfällt der Versicherungsschutz - spätestens zu Beginn des nächsten Semesters. Berater wie Carsten Helbig suchen dann nach einer Lösung (etwa rückwirkende Zahlung der fälligen Beiträge), denn "Arzt- oder Krankenhauskosten können ohne Versicherungsschutz schnell eine böse Überraschung werden."

Löcher im engmaschigen Netz

Martin sei zwar die Ausnahme, aber kein Einzelfall, weiß Margret Steuer vom Studentenwerk Hamburg: "Ausländische Studierende sind oft Selbstversorger, da steht die Krankenversicherung natürlich ganz hinten an." Auch im Bundesgesundheitsministerium weiß man, dass zwischen Studis und Krankenkassen der Geldfluss manchmal stockt - und schon droht der Rauswurf aus der Uni.

"Die Unis und die Krankenkassen tauschen sich über die Versicherungsverhältnisse der Studenten aus", so Wolfgang Röcke, Leiter der Studierendenverwaltung an der FU Berlin. Die Kassen müssen den Hochschulen melden, falls ein Student säumig bleibt. Allein an der Uni Frankfurt mit 40.000 Studenten kommt das 10 bis 20 Mal pro Woche vor. "Wir geben den Studenten eine Frist bis zum nächsten Semester, die Beiträge nachzuzahlen. Dann wird exmatrikuliert", so Herbert Schmelzeisen vom Frankfurter Studierendensekretariats.

Margret Steuer vom Studentenwerk Hamburg kennt noch andere Fälle: "Oft haben Studenten keinen durchgehenden Versicherungsschutz, weil sie sich nur für einen Monat bei der Kasse anmelden." Funktioniert der Datenaustausch zwischen Uni und Kasse nicht richtig, bleibt der Student für den Rest des Semesters ohne Versicherungsschutz.

Stark erhöhte Beiträge müssen auch Studenten in der gesetzlichen Kasse nach dem 30. Lebensjahr zahlen, wenn die studentische Krankenversicherung endet. Wer noch studiert, kann sich bei AOK, BKK und den Ersatzkassen weiterhin "freiwillig" versichern. Der Beitrag liegt bei etwa 100 Euro, bei zusätzlichen Einkünften entsprechend mehr.

Die Tücken der privaten Versicherung

Unerwartete Kosten können Studenten ins Haus stehen, die über die Eltern privat krankenversichert sind. Wer sich in der Frist bis drei Monate nach Studienbeginn für den privaten Schutz übers Elternhaus entscheidet bzw. privat versichert bleibt, wird von der "Versicherungspflicht befreit". Das bedeutet indes: Ein Wechsel zur gesetzlichen Kasse ist bis zum Studienende unmöglich.

Carsten Helbig geht davon aus, dass kaum ein Erstsemester die Tragweite seiner Entscheidung für die private Versicherung kennt: "Oft sind die Eltern der Meinung, der Spross wird das Studium schon vor dem 27. Geburtstag abschließen." Dann nämlich endet die Mitversicherung über die Eltern, und eine private Vollversicherung mit Beiträgen um 250 Euro pro Monat steht an.

Gerade für Privatversicherte kann das Ende der Sicherheit recht plötzlich kommen: ein zu langer Auslandsaufenthalt, ein Zahlungsverzug um 14 Tage trotz Mahnung - und die private Versicherung darf den Vertrag fristlos kündigen. Es gibt keinen Anspruch, anschließend bei dieser oder einer anderen privaten Versicherung genommen zu werden oder in die gesetzliche Kasse zu wechseln. Dann kommt der Student erst mit Aufnahme eines regulären Arbeitsverhältnisses in eine Krankenkasse.

Als Alternative finanzieren viele andere europäischen Ländern die Grundleistungen des Gesundheitswesens über Steuern: Jeder zahlt nach seinen Kräften; viel Bürokratie wird überflüssig, weil das Inkasso und die Kontrolle allein bei den Finanzämtern liegt. Doch diese Idee hat der Sachverständigenrat des Gesundheitsministeriums kategorisch abgelehnt - am "bewährten System" solle festgehalten werden, empfiehlt der Rat in einem Gutachten.

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