Studenten-WM Der Weltmeister kommt aus Westafrika

Bolzen auf Akademisch: Westafrikanische Studenten kicken am besten, zumindest bei der Kölner Fußball-WM für ausländische Studenten. Die haben neben ihrer Liebe zum Leder vor allem ein Gefühl im Bauch: Angst vor deutschen Fußball-Fans.

Von Almut Steinecke


Abdous Augen strahlen immer, wenn er über Fußball fachsimpelt. "In meiner Heimat sagen wir, es gibt nichts Höheres als Gott. Außer Fußball. Fußball ist zweiter Gott!" Und Fußball ist der Grund, warum der 20-jährige Afrikaner in grünem Trikot über den Sportplatz Bocklemünd in Köln rennt: Abdou-Chakour Daro nimmt am "Akademischen Fußball-Cup" teil, den der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) an diesem Wochenende ausrichtete.

Die Idee: Ausländische, an deutschen Unis eingeschriebene Studenten treten zur Probe-WM an – die Welt zu Gast in Köln. 16 internationale Mannschaften hat der DAAD eingeladen. Für Abdous "Löwen von Westafrika" von der Uni Mainz geht es heute um die Wurst: Es ist Samstag, der letzte Tag des Campus-Cups, und Westafrika spielt im Finale gegen den "1. FC Sajones – Brasil y Amigos", die brasilianische Mannschaft von der TU Dresden.

Abdou schaut zur Uhr, dann hüpft sich der gedrungene Afrikaner ein bisschen auf der Stelle warm. Bis zum Endspiel muss er sich gedulden, erst kicken noch Kamerun und Vietnam um den dritten Platz im Turnier. Die Spieler werden lautstark angefeuert von einer großen Fangemeinde aus aller Welt.

Bewerbung mit Bastelarbeit

120 Teams aus 31 Nationen und elf gemischte Mannschaften hatten sich beim DAAD um die Teilnahme am akademischen Bolzen beworben. Dabei erfordete die Anmeldung einigen Aufwand: Die Sportler sollten mit eigenen Trikots antreten und schriftlich die Geschichte der Kickergemeinschaft schildern. So wies ein chilenisches Team auf die spezielle Geografie ihrer Heimat hin: Chile sei "so schmal, dass wir Angst haben müssen, dass der Ball ständig in den Ozean fliegt". Pluspunkte vergab der DAAD auch für Bastelarbeiten, gesungene Landeshymnen oder eingereichte Filme. Auch kreative Teamnamen wie "Pampelmusen und Kroketten Spanien" oder "Mumien Ägypten" wurden mit der Qualifikation zur Akademiker-WM honoriert.

Abdou freut sich, dass sein Team unter den 16 auserwählten ist. Seine Mannschaft hatte der Bewerbung extra ein persönliches Empfehlungsschreiben des Germersheimer Oberbürgermeisters beigelegt. "Mir gefällt Deutschland sehr", schwärmt Abdou, der im westafrikanischen Togo geboren wurde. "Nach dem Abi wollte ich unbedingt hierher, ich habe meine Eltern regelrecht bekniet." Seit anderthalb Jahren studiert er Englisch, Deutsch und Französisch im pfälzischen Germersheim.

Doch Abdou hat Sorge, dass sich sein freundschaftliches Verhältnis zu den Deutschen mit der Fußball-WM verschlechtern könnte: "Es wird viel Alkohol getrunken, der die Menschen aggressiv macht. Viele meiner togolesischen Kommilitonen haben jetzt schon Angst vor deutschen Fans."

Dann hat Abdou keine Ruhe mehr für eine Unterhaltung, denn soeben erklingt der Abpfiff des vorletzten Spieles. Kamerun hat mit 1:0 gewonnen und belegt damit Platz drei des "Akademischen Studenten Cups". Mannschaftskapitän Bruno Noupoue ist nicht zufrieden. "Hätte ich gestern den entscheidenden Elfmeter nicht verschossen, wären wir heute im Finale", keucht der 25-Jährige atemlos. Wegen einer ähnlichen Panne habe sich die Kameruner Nationalmannschaft nicht für die Fifa-WM qualifiziert. Dabei sei man in Kamerun doch so "verrückt auf diesen Sport. Jedes Kind bei uns spielt draußen Fußball". Kein Wunder, dass Kamerun auch beim DAAD-Turnier mit 25 Teilnehmern die meisten Spieler stellt.

Bruno hat Zeit gebraucht, um sich an Deutschland zu gewöhnen. Seit zwölf Semestern studiert der Kameruner Maschinenbau in Karlsruhe. Eine lange Zeit, "in der ich gemerkt habe, dass man von den Deutschen viel lernen kann. Sie sind sehr fleißig und pünktlich und arbeitsfreudig". Doch er hätte sich gewünscht, dass man ihm vor sechs Jahren etwas positiver begegnet wäre. "Im ersten Semester wurde ich nicht gegrüßt. Im Hörsaal blieben immer zwei Sitze neben mir frei." Bruno wurde das Gefühl nicht los, dass es an seiner Hautfarbe lag und an seinem Akzent.

Angst vor rassistischen WM-Gästen

Sofort fällt ihm die Geschichte des befreundeten Kameruners ein. Der erzählte Bruno vor zwei Jahren, wie ihn zwei deutsche Männer vor einen einfahrenden Güterzug schubsten. "Mein Freund überlebte. Aber er verlor ein Bein." Brunos Landsleute vom "Verein Kameruner Studierender Mannheim" haben damals eine Demo mit rund 500 Teilnehmern gegen Rassismus organisiert, denn die Polizei stufte das Unglück als Unfall ein. Aufgeklärt wurde das nie.

Studenten aus WM-Ländern: Kurze Anreise ins Stadion
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Wer am Spielfeldrand solche Geschichten hört, braucht einige Minuten, um sich wieder auf Fußball zu konzentrieren. Das Finale Brasilien - Westafrika ist bereits im vollen Gange, die angereisten Fans johlen und schwenken ihre Fahnen, die Spieler auf dem Sportplatz Bocklemünd geben ihr Letztes. Die brasilianische Mannschaft, die sich vor dem Finale noch selbstbewusst als die besten Fußballer einstufte, liegt 1:0 im Rückstand. Unter die Fans hat sich inzwischen auch Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma gemogelt, um die zweite Halbzeit des Endspiels zu genießen und danach mit Dr. Christian Bode, dem DAAD-Generalsekretär, die Siegerehrung vorzunehmen. Nur noch wenige Minuten sind zu spielen.

Da, der Abpfiff – Westafrika ist Weltmeister der Austauschstudenten. Während sich die Sieger in die Arme fallen, sind die zweitplatzierten Brasilianer sichtlich enttäuscht. Informatikstudent Alessandro Costa Pereira ist einer der niedergeschlagenen Kicker, die vergeblich in der Mannschaft der TU Dresden gekämpft haben. "Für die Menschen in meiner Heimat gibt es nur Telenovelas und Fußball", sagt der 24-Jährige, "wir feiern alle Spiele auf der Straße mit Musik und Tanz, wie Karneval." Ein Sieg beim DAAD-Finale wäre da ein guter Anlass gewesen.

Zu seinem Trost lehnt sich Kölns OB Schramma bei der Siegerehrung weit aus dem Fenster und prognostiziert Großes für die Südamerikaner: "Die Brasilianer Weltmeister bei der echten WM – das gleicht die Kölner Niederlage wieder aus!"



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