Studentenauswahl Freibrief für Faulheit

Die deutschen Hochschulen dürfen inzwischen die Mehrheit ihrer Bewerber selbst auswählen. Oft stützen sie sich auf die Abiturnote als einziges Kriterium. Rechtlich ist das Schmalspur-Verfahren in Ordnung, entschieden bayerische Richter. Ist es auch sinnvoll?

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Eine Universität kann selbst entscheiden, welche Studenten sie will und wie sie ausgewählt werden. Als Eintrittskarte zum Studium reicht ein guter Abitur-Schnitt; die Hochschulen sind nicht verpflichtet, weitere Kriterien festzulegen. So hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof diese Woche geurteilt und damit eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts München kassiert (Aktenzeichen 7 CE 06.10175).

Medizin-Erstsemester (in Berlin): Simpelste Verfahren reichen den Unis
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Zuvor hatten die Verwaltungsrichter die Ludwig-Maximilians-Universität per einstweiliger Anordnung dazu verdonnert, acht Studenten zum Medizin-Studium zuzulassen. Sie bemängelten, dass die großen Qualitätsunterschiede beim Abitur in den einzelnen Bundesländern nicht ausreichend berücksichtigt worden seien. Es sei verfassungsrechtlich bedenklich, diese Abweichungen zu ignorieren (Aktenzeichen M 3 E L 05.20578).

Der Verwaltungsgerichtshof vertritt eine andere Rechtsauffassung: Demnach dürfen die bayerischen Hochschulen auch allein die Papierform zur Bewertung heranziehen, egal aus welchem Bundesland die Bewerber stammen. Schließlich habe weder der Bund noch das Land etwas anderes vorgeschrieben. Zudem seien die Hochschulen nicht verpflichtet, die Unterschiede zwischen den Bundesländern bei den Abiturnoten auszugleichen - und einen repräsentativen Ländervergleich nach einheitlichen Bewertungskriterien gebe es nicht.

Auch das Verwaltungsgericht Münster hatte bereits Ende Januar im Eilverfahren die Klage eines Bewerbers abgeschmettert, der sich auf das Münchner Urteil berufen hatte. Nach welchen Kriterien ausgewählt werde, sei Entscheidung der Hochschule, betonten die Münsteraner Richter ebenfalls (Aktenzeichen 9 L 1071/05). Das endgültige Urteil steht in Nordrhein-Westfalen noch aus.

Das simpelste und bequemste Verfahren gewinnt

Juristisch sind die Entscheidungen aus München und Münster schlüssig. Sie haben aber auch hochschulpolitische Bedeutung, und die ist fatal - ein Freibrief für Faulheit und eine Einladung an die Hochschulen, das möglichst bequemste Verfahren zur Studentenauswahl zu nehmen.

Das Problem: Seit dem Wintersemester 2005/06 dürfen die Hochschulen ihre Studenten verstärkt selbst auswählen. Das haben sie selbst jahrelang gefordert, und die Länder kamen ihren Wünschen nach. Ein Wettbewerb um die klügsten Köpfe unter den Abiturienten sollte entfacht werden, die Universitäten und Fachhochschulen sollten ihre Profile schärfen und um vielversprechende Studenten buhlen.

Früher kamen gerade einmal 24 Prozent der Bewerber über die Uni in ihren Studiengang, inzwischen sind es 60 Prozent. Die Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) hatte stets kühl die Abinoten und Wartezeiten verglichen - ein bürokratisch simples und juristisch nahezu unanfechtbares Verfahren, das allerdings alle Studieninteressenten über den gleichen Kamm schor. Immerhin berücksichtigt die ZVS auch Landesquoten. Damit wird genau festgelegt, wie viel ein Abitur in einem anderen Bundesland wert ist. Dadurch konkurrieren nur Bewerberinnen und Bewerber miteinander, die ihr Abitur im selben Land erworben haben.

Von Privatunis könnte die staatliche Konkurrenz lernen

Vor allem die unionsregierten Länder wollten die ZVS entmachten. Sie setzten auf Kriterien, die flexibler und passgenauer über die Qualifikation Auskunft geben - zum Beispiel Ausbildung und Berufserfahrung, gewichtete Noten in einzelnen Schulfächern oder die persönliche Motivation und Eignung: Lauter Faktoren, die für den Studienerfolg wichtig sein können.

Doch landauf, landab kam es anders, als die Wissenschaftsministerien es sich erhofft hatten. Bisher sind es vor allem private Hochschulen wie die Universität Witten/Herdecke oder die Zeppelin University, die sich ausgesprochen aufwändige Auswahlverfahren leisten und wirklich an der Qualität der Bewerber interessiert sind. An den staatlichen Hochschulen hat das kaum Schule gemacht. Die meisten stümpern vor sich hin und entscheiden nach Schema F - mit der Begründung, für Eignungsgespräche fehle es ihnen an Zeit und Geld. Nur Akten umwälzen, das könnte indes auch die ZVS, vermutlich schneller und zuverlässiger als die Hochschulen.

Bei den Professoren reicht die Energie allenfalls für schlichte Verfahren, für die es nur ein Computerprogramm und keine echten Menschen braucht. Derweil setzen die Psychologie-Fakultäten, immerhin, auf einen bundesweit einheitlichen Auswahltest. Der soll künftig über die Zulassung zum Studium entscheiden. Dafür soll jeder Bewerber 50 Euro bezahlen.

Dass die Hochschulen sich mit Schmalspur-Verfahren begnügen, stößt auch Politikern sauer auf. So hat Joachim Herrmann, Chef der CSU-Fraktion im bayerischen Landtag, am Mittwoch ungewöhnlich scharfe Kritik geäußert: Die Unis forderten immer mehr Verantwortung, nutzten die vorhandenen Spielräume aber nicht. Von der 60-Prozent-Auswahl mache "keine bayerische Universität Gebrauch, obwohl sich alle seit Jahren dafür eingesetzt haben", sagte Herrmann.



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