Studentenberg "Masterplan" aus dem Südwesten

Auf die Hochschulen rollt ein Abiturienten-Ansturm zu. Während der Bund noch an seinem Konzept feilt, legt Baden-Württemberg einen Lösungsversuch vor: 16.000 neue Anfängerplätze sollen geschaffen werden. Doch beim Geld ist das Vorhaben noch eine halbe Sache.

Von Frank van Bebber


Bis 2012 will das Land 16.000 neue Studienanfängerplätze schaffen. Einen entsprechenden "Masterplan" stellte Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) am Montag in Stuttgart vor. Allerdings: Noch fehlt die Hälfte des benötigten Geldes. Eine Betteltour bei der Wirtschaft floppte. Nun müssen die Hochschulen sparen und das Land hofft auf lang verschmähtes Bundesgeld.

Überfüllter Hörsaal (in Halle): Baden-Württemberg will Platz schaffen
DPA

Überfüllter Hörsaal (in Halle): Baden-Württemberg will Platz schaffen

In dem 63-Seiten-Ausbauplan feiert sich Baden-Württemberg als Musterländle der Hochschulpolitik. "Wir sind das erste Land, dass das aufgegriffen hat", sagte Frankenberg. Er rief andere Länder auf, sich nicht allein auf den Hochschulpakt des Bundes zu verlassen. Am Dienstag stehen hierzu Verhandlungen an.

In der Tat hatte das baden-württembergische Landeskabinett das Thema noch vor Kultusministerkonferenz und Wissenschaftsrat auf der Tagesordnung. Wie viele alte Bundesländer erwartet Baden-Württemberg einen starken Anstieg der Studierenden. Neben der Babyboomer-Generation drängt nach Umstellung auf das achtjährige Gymnasium 2012 ein doppelter Abi-Jahrgang an die Hochschulen. Bundesweit soll die Zahl der Studenten von 2 auf 2,7 Millionen steigen, in Baden-Württemberg von 268.000 auf über 300.000.

Kein Ausbau der Geisteswissenschaften

Der Masterplan konkret: In drei Etappen erhöht das Land 2007, 2009 und 2011 die Zahl der Anfängerplätze an Hochschulen um insgesamt 30 Prozent. In einer ersten Tranche sollen bereits nächstes Jahr 4000 neue Plätze entstehen, zu je rund einem Drittel an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Vorrang haben praxisnahe Studiengänge aus Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurwissenschaften.

Einen Ausbau der Geisteswissenschaften hatte das Land aus Arbeitsmarktgründen abgelehnt, obwohl die Nachfrage stark ist.

Die 16.000 neuen Studienplätze kosten nach Angaben des Landes rund 300 Millionen Euro im Jahr. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) will die Hälfte der Summe aus dem Landesetat bestreiten. Für 2007 und 2008 stehen insgesamt 60 Millionen Euro im Haushalt.

Bei der anderen Hälfte hoffte Oettinger anfangs neben Sparmaßnahmen der Hochschulen auf die Wirtschaft. Frankenberg absolvierte im Sommer eine Betteltour durch die zwölf Bezirke der Industrie- und Handelskammer. Es gehe um eine "außerordentliche finanzielle Kraftanstrengung, die wir nur im Schulterschluss mit der Wirtschaft bewältigen können", sagte der Minister damals. Die Wirtschaft aber steuerte vor allem Forderungen bei. Nun heißt es nur noch vage, Beiträge von ihr seien denkbar.

Hochschulen wehren sich

Und so bleibt die zweite Hälfte der Summe von bis zu 150 Millionen Euro im Jahr vor allem an den Hochschulen hängen. Diese müssten Leistungs- und Effizienzreserven aktivieren, forderte Frankenberg. Als Beispiele nennt der Masterplan höhere Lehrdeputate, mehr Vorlesungen in Pflichtfächern statt kleine Spezialkurse und Internet-Lehre. Das Land will zudem den "Lecturer" einführen, einen Hochschullehrer unterhalb des Professors.

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Institut der deutschen Wirtschft Köln

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Die Hochschulen in Baden-Württemberg deuteten bereits Widerspruch an. Der Sprecher der baden-württembergischen FH-Rektoren, Dietmar von Hoyningen-Huene, sagte: "Wir haben mit Sicherheit keine großen Effizienzreserven." Im Masterplan betont das Land, die finanzielle Umsetzbarkeit sei die "Nagelprobe" für den Ausbau.

Wie groß die jährliche Millionen-Lücke auch Frankenberg erscheint, macht das Schielen auf Bundesgeld deutlich. Dieses könne einen wichtigen Beitrag zum Ausbau leisten, sagte der Minister, "den Hochschulpakt haben wir mit eingerechnet." Noch in der Föderalismusdebatte hatte das Land den Bund aus Fragen der Lehre ausschließen wollen.

Nun appellierte Frankenberg an seine Länderkollegen, die im Rahmen des Paktes genannten 50.000 zusätzlichen Studienplätze seien zu wenig. Benötigt würden bis zu 80.000 Plätze. Der Minister sagte, es könne nicht sein, dass nach einem Ausbau im Südwesten gelte: "Studierende aller Länder vereinigt euch - und kommt nach Baden-Württemberg."



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