Studentennetzwerk von Deutschtürken "Vorbilder sind die beste Integration"

Mit einem eigenen Netzwerk wollen deutschtürkische Studenten Vorurteile abbauen und ihrer Karriere einen zusätzlichen Kick geben. Großkonzerne sind von der Idee angetan und helfen als Sponsoren.

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Düsseldorf - Nilgün Daglar versprüht den Charme der Intellektualität. Es fällt der 23-jährigen Soziologiestudentin mit der Lockenmähne schwer, sich ohne Fachtermini auszudrücken: "Die deutschen Professoren machen auch Grammatikfehler, aber wenn wir welche machen, wird das gleich ethnisiert“, sagt sie.

„Wir“ das sind türkischstämmige Studenten wie sie selbst. Und weil die es oft besonders schwer hätten, sitze sie nun im Vorstand der neu gegründeten Türkisch-Deutschen Studenten und Akademiker Plattform (TD-Plattform).

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Ferda Ataman

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Anfang letzten Jahres hatten Studierende in Nordrhein-Westfalen die Idee, ein bundesweites Netzwerk zu gründen. Denn heutzutage reiche es nicht mehr, „akademischen Erfolg zu genießen“, heißt es auf der Internetseite der TD-Plattform. Man brauche Kontakte, „um auf dem Karrieretreppchen empor zu steigen“. Und an denen mangele es türkischstämmigen Studenten und Akademikern in Deutschland besonders. Die Plattform will Berührungspunkte zu erfolgreichen Persönlichkeiten ermöglichen.

Aber nicht nur das. Das Netzwerk soll auch helfen, Vorurteile abzubauen. Nach dem Motto „Vorbilder sind die beste Integration“ will die TD-Plattform mit dem Rütli-Schüler-Image abrechnen. Für die Zukunft sind Projekte geplant, um die Integration türkischer Studenten im Einwanderungsland Deutschland zu fördern.

Bereits das Äußere der Präsidentin räumt mit manchem Vorurteil auf: Seda Temiz, 25, hat eine Stupsnase und ist blond. Souverän sitzt sie während der ersten Mitgliederversammlung auf einem Podium und hört sich die Anregungen ihrer Mitstreiter an. Im sterilen Raum riecht es nach gestylten Menschen, die alle so aussehen, als wollten sie Karriere machen“. Sie reden abwechselnd Deutsch und Türkisch.

"Meine Eltern konnten mich nie unterstützen"

„Wir müssen aufpassen, dass wir kein BWLler Verein werden“, sagt eine junge Frau. Sie betone das nicht nur, weil überdurchschnittlich viele der fast 200 Mitglieder Wirtschaft oder Jura studieren, sondern weil der „soziale Aspekt“ des Vereins nicht zu kurz kommen dürfe.

Um den geht es auch Kiymet Canpolat, 28. Die Medienwissenschaftlerin hat ein Schülerprojekt angeregt, bei dem Studenten Schüler fördern sollen. „Meine Eltern konnten mich auf dem Gymnasium nie unterstützen“, sagt sie. Das sei ein großer Nachteil gewesen, sie musste sich durchkämpfen. Als einzige Türkin in der gesamten Klassenstufe hatte Kiymet immer den Vergleich zu ihren Mitschülern, deren Eltern Rechtsanwälte, Ärzte und Lehrer waren - „Akademiker eben“. Die hätten ihren Kindern in der Schule geholfen. Doch erst wenn man älter werde, spüre man „da ist was faul.“ Deswegen sei sie dem Netzwerk beigetreten.

Kemal Sahin, der als größter türkischer Unternehmer in Deutschland gilt, unterstützt die Studenten-Plattform. Leger gekleidet, ohne Krawatte, nimmt er als aktives Beiratsmitglied an der ersten Versammlung teil. „Ich hätte so was in meiner Jugend selber gut gebrauchen können“, sagt Sahin, der 1972 als mittelloser Student einreiste. Heute ist der 51-Jährige Eigentümer der Sahinler Group, einem Textilkonglomerat mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

Die Probleme von Kindern zugewanderter Eltern sind nicht nur in Hauptschulen zu finden, erklärt Sahin sein Engagement. „Gerade studierenden Türkischstämmigen fehlen meistens die Netzwerke und das richtige Auftreten, um sich gut zu präsentieren.“ Über die TD-Plattform würden sie nicht nur Persönlichkeiten kennen lernen, das Netzwerk trage auch dazu bei, sich zu entwickeln.

Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen seien alles andere als ein Nachteil, so Unternehmer Sahin. Nicht zuletzt deswegen haben auch Großkonzerne wie die Deutsche Post, Bayer und die Deutsche Bank das Netzwerk als Nachwuchs-Pool erkannt und treten als Sponsoren auf.

"Wir blicken in dieselbe Richtung"

Kompetente Nachwuchskräfte dürften in der Plattform tatsächlich anzufinden sein. Bedauernd gibt die Präsidentin bekannt, dass der Jura-Student Faruk Drovs wegen seiner Doktorarbeit über deutsch-türkisches Wirtschaftsrecht aus dem Vorstand zurücktreten muss. Der junge Mann mit den stechend blauen Augen und den hellbraunen Haaren ist halb Deutscher, halb Türke. Die doppelte Herkunft ziehe sich „wie ein roter Faden“ durch sein Leben.

Faruk wird ständig von Deutschen mit Vorurteilen gegenüber Türken geplagt: türkische Frauen würden benachteiligt, Jungs seien aggressiv, der BMW und Hiphop die einzigen Hobbys. Auf der anderen Seite nervten ihn Türken mit anderen Stereotypen: Deutsche seien alle geizig, nicht herzlich und unfreundlich. Der 27-Jährige sieht es als „Lebensaufgabe“, eine Brückenfunktion zwischen den zwei Kulturen einzunehmen, also „Hans und Peter mit Ayse und Osman zusammenzubringen“.

So unterschiedlich die Motivation der einzelnen sein mag, dem Netzwerk beizutreten – eines haben sie doch gemeinsam. Die lockige Nilgün versucht, es diesmal ohne soziologisches Fachsimpeln zu erklären: „Wir blicken alle in dieselbe Richtung“, sagt sie. „Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht."

Sie alle wissen, was es bedeutet, mit einem türkischen Namen durch die deutsche Welt zu gehen. Sie alle kennen die kleinen Stiche im Alltag, wenn aufgrund eines Rechtschreibfehlers ihre perfekten Deutschkenntnisse in Frage gestellt werden. Wenn die Sehnsucht nach einer Gruppenzugehörigkeit als mangelnder Integrationswillen verstanden wird. Da ist es nicht immer leicht, ein Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Doch dafür gibt es ja jetzt die Plattform.



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