Studentenparty in Warschau Voll Banane

Vor dem Prüfungsstress im Sommer verkleiden sich polnische Studenten als Bananen, Hippies, Sambatänzer und legen mit Umzügen ganze Unistädte lahm. Die Juwenalia ist seit dem Mittelalter ein traditionelles Studentenfest. Deutsche Partygäste würden das Spektakel am liebsten importieren.

Veronika Widmann

Von Veronika Widmann


Manch ein Spaziergänger guckt verdutzt, als sich die Studentenparade ihren Weg über Warschaus Flaniermeile bahnt. Sambatänzerinnen in brasilianischen Kostümen schwingen ihre Hüften, eine Gruppe von Bienen, ausstaffiert mit schwarzen und gelben Luftballons tänzelt hinterher. Die Elektrotechnik-Studenten tragen mehrheitlich Star-Wars Kostüme, die Mathematiker fahren Rad, Inline-Skates und Skateboards, angehende Manager tragen riesige Spitzhüte und bunte Perücken. Sprechchöre versuchen gegen die Ingenieure anzukommen, die in Vuvuzeelas blasen, dazwischen dröhnen "Waka Waka" und "We no speak Americano" aus diversen Lautsprechern.

Nicole Wepper, 24, Germanistikstudentin aus Düsseldorf, läuft in der Gruppe der Erasmusstudenten mit. Sie ist für eine Woche in Warschau und total "überwältigt und begeistert" vom Konzept der Juwenalia. "Wir wussten zwar, dass es irgendeine Parade geben würde, aber wir hatten keine Ahnung, welche Dimensionen das annimmt. Natürlich haben wir auch die Konzerte heute Abend fest eingeplant", sagt sie. "Wirklich schade, dass wir so etwas in Deutschland nicht haben!"

Die Juwenalia, die "Spiele der Jugend", sind Polens traditionelles Studentenfest. Bereits im 15. Jahrhundert wurden sie an der ältesten polnischen Universität in Krakau zum ersten Mal begangen und waren selbst in der Zeit des Kommunismus fester Bestandteil des akademischen Kalenders. Bevor im Juni die Prüfungszeit beginnt, feiern die Studenten noch einmal ausgiebig in einer Mischung aus Festival und Karneval.

"Wir fordern die Leute auf, sich zu lieben"

In Warschau, mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern, überlagern die Juwenalia das öffentliche Leben nicht so wie in kleineren Unistädten. Aber in der polnischen Hauptstadt feiern die Studenten dafür fast den ganzen Mai. Zwar gibt es nur einen Umzug, daneben organisieren die verschiedenen Unis aber Konzerte, Partys und Fußballturniere.

Den Anfang machte die Universität Warschau. Darauf folgen die Technische Universität und die Wirtschaftsuniversität, die ein Freiluftkonzert im Sportstadion organisiert haben, wohin auch Nicole Wepper mit der Parade zieht. Später am Abend treten dort die polnischen Kultbands Dem und Hey auf. Weil die Universitäten, die Stadt Warschau und Sponsoren das Konzert finanzieren, ist das Studentenspektakel kostenlos.

In dem bunten Tross, der mit der Jerusalemallee eine von Warschaus Hauptverkehrsachsen lahmlegt, taucht immer wieder eine kleine Gruppe von Hippies auf, in wallende, geblümte Kleider. "Wir sind keine Fakultät, sondern einfach eine Gruppe von Freunden", erklärt Alicja, 21, die sich Punkte wild um die Augen gemalt hat. Pawe, rosa getönte John-Lennon-Brille und passende Perücke, stimmt auf seiner Ukulele ein Lied an. Alicja geht voll auf in ihrer Hippie-Rolle: "Wir fordern die Leute auf, sich zu lieben und wir wollen Frieden", ruft sie lachend und tanzt hin und her. "Wir lieben die Juwenalia, wir sind frei und feiern", sagt sie und springt den anderen aus der Gruppe hinterher, zurück in die Menge.

Strenge Aufpasser: Wenn der Sicherheitsmann das Dosenbier ausleert

Bart, eigentlich Elektrotechnikstudent, fühlt sich als Banane wohl. Immer wieder posiert er mit seinen drei Bananenfreunden für die Kameras der Fotografen und winkt in die Menge. "Zur Juwenalia sage ich nur ein Wort: Fantastisch!" Dann braucht er erst mal was zu trinken und öffnet eine Dose - Fanta, nicht Bier, denn das in Polen geltende Alkoholverbot in der Öffentlichkeit, wird auch für die Studentenparade nicht aufgehoben. Als einer der privaten Sicherheitsleute, die den Zug begleiten, eine Bierdose entdeckt, gießt er den Inhalt ins nächste Blumenbeet.

Bier gibt es für die Feiernden erst im Stadion, dort kostet es dann aber nur 1,50 Euro - und die Stimmung ist entsprechend gut. Mit dem Auftritt von Hey ab halb neun füllt sich das Stadion, das bis zu 50.000 Besucher fasst. Denn auch wenn die Organisatoren die Große Parade als Herzstück der Juwenalia bezeichnen, so sind für viele Studenten die Konzerte die Hauptattraktion.

Gegen halb zehn schwenken die ersten Feuerzeuge, eine Stunde später betritt mit T.Love eine der erfolgreichsten polnischen Bands die Bühne. Als sie ihr Lied Warszawa anstimmen, grölen alle den Text mit. Einige Mädchen tanzen recht unkoordiniert Discofox, direkt vor der Bühne surft Bart, die Banane, über die Menge.

Um Mitternacht ist Schluss, die Forderungen nach einer Zugabe dürfen T.Love aus Lärmschutzgründen nicht erfüllen. "Aber wir singen euch noch ein Schlaflied", tröstet der Sänger. An Schlaf denken die meisten jedoch noch lange nicht, schließlich steigen in zahlreiche Clubs noch Afterpartys. Piotr, 20, Student an der Wirtschaftsuni, hat sogar vorsorglich seinen Schlafsack dabei. "Man weiß schließlich nie, was passiert."

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kniefall 27.05.2011
1. Ich mag die Polen!
Ich mag zwar nicht deren nationalistische Politik, aber das polnische Volk kann ich nur allzu gut leiden. Es sind einfach nette Leute und uns kulturell auch nur allzu ähnlich. :)
matthias_b. 28.05.2011
2.
Zitat von KniefallIch mag zwar nicht deren nationalistische Politik, aber das polnische Volk kann ich nur allzu gut leiden. Es sind einfach nette Leute und uns kulturell auch nur allzu ähnlich. :)
Als zugewanderter Pole sage ich: Gott bewahre!
TheCabal, 29.05.2011
3. Kultur
Zitat von KniefallIch mag zwar nicht deren nationalistische Politik, aber das polnische Volk kann ich nur allzu gut leiden. Es sind einfach nette Leute und uns kulturell auch nur allzu ähnlich. :)
Guter Witz! Man kann ein leeres Glas nicht mit einem vollen vergleichen :)
RothaarigerFritz 01.06.2011
4. Minderheitskomplex?
Zitat von TheCabalGuter Witz! Man kann ein leeres Glas nicht mit einem vollen vergleichen :)
Schon komisch, dass du Deutschland kulturell als ein leeres Glas bezeichnest..
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.