Studentenprotest bei Ikea Lass diesen Elch an mir vorübergehen

Am Donnerstag staunten Berliner Schnäppchenjäger bei der Eröffnung einer neuen Ikea-Filiale nicht schlecht. Studenten legten sich in die Betten, protestierten gegen "Bildungspolitik im Tiefschlaf" - und beantragten auch noch Bildungsasyl in Schweden.

Zur Eröffnung einer neuen Filiale, bereits der dritten in der Hauptstadt und der größten in Deutschland, startete Ikea eine Werbeoffensive. Seit Wochen wird Berlin auf Plakaten die "heimliche schwedische Hauptstadt" genannt. Und für den Verkaufsstart in Tempelhof konnten die Marketingexperten zwecks ironischer Kolonialisierung auch den schwedischen Botschafter gewinnen - Carl Tham, alter Schwede, hielt die Eröffnungsrede.

Und das haben die Möbelstrategen nun davon: Gleich zu Dutzenden baten Berliner Studenten am Donnerstagmorgen in der neuen Filiale um Bildungsasyl. Auf 1000 Fluglättern erklärten sie auch den Grund. Im Vergleich zu den maroden Berliner Hochschulen, die der rot-rote Senat noch weiter zurechtschrumpfen will, sehen die Studenten in Schweden das Bildungsparadies. Denn dort regne es an den Schulen nicht durchs Dach. Die Kitas verrotteten nicht. Und an den Hochschulen fehle es nicht an Dozenten, Büchern und Räumen. Schweden gebe 7,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukt für Bildung aus, Deutschland dagegen nur 4,7 Prozent, rechneten die Protestler vor.

Zur gleichen Zeit schlummerten andere Studenten schon in den Betten der skandinavischen Musterzimmer, unter dem Motto "Bildung im Tiefschlaf" und "Gute Nacht, Berlin". Kommilitonen hängten falsche Preisschilder auf ("Dekoelement Studieren für 500 Euro pro Semester - lernst du noch oder sparst du schon?"). Eine weitere Gruppe strich symbolisch Lehrstühle auf dem Ikea-Parkplatz. "Da hatten Studierende mehrerer Unis die gleiche Idee, die Eröffnung mit rund 20.000 Besuchern für öffentlichkeitswirksame Aktionen zu nutzen", erklärt Lutz Weischer, 21.

Insgesamt machten etwa 200 Studenten mit. Die "Besucher reagierten ziemlich amüsiert und interssiert", sagt Weischer, der im ersten Semester Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin studiert. Das OSI ist inzwischen von Studenten besetzt, in der Nachbarschaft veranstalten die Soziologen am Donnerstagabend eine Party zum Geburtstag des FU-Präsidenten Dieter Lenzen. "Lenzen will zwar nicht kommen, aber wir feiern trotzdem", so Lutz Weischer.

In den letzten Wochen brüteten wütende Studenten immer neue Aktionen aus, um gegen die drastischen Sparpläne des Senats zu protestieren. So besetzten sie am Dienstag die Büroräume des Wissenschaftssenators Thomas Flierl, campierten über Nacht in Schlafsäcken und zogen erst am nächsten Tag ab - um kurz darauf die PDS-Geschäftsstelle zu stürmen. Flierl hatte auf Deeskalation gesetzt und eine Räumung durch die Polizei verzichtet, auch die PDS hieß die rund 100 Studenten als "Gäste des Hauses" willkommen.

Am Donnerstagvormittag verließen die ungebetenen Überraschungsgäste die Parteizentrale wieder. Es habe Vorwürfe wegen Sachbeschädigung gegeben, die aber unbegründet seien, so Studentensprecher Jens Fischer. Der Betrieb in der Parteizentrale sei durch die Besetzung nicht eingeschränkt worden, die ganze Nacht habe man mit den Studenten über die Hochschulpolitik des rot-roten Senats diskutiert, sagte Daniel Bartsch, Sprecher der PDS, die keine Anzeige erstatten will.

Am Nachmittag zogen rund 5000 Studenten der drei großen Unis vom Potsdamer Platz zum Roten Rathaus. Dabei trugen sie Särge, Holzkreuze, Galgen sowie Transparente wie "Die Wissenschaft hat festgestellt, dass diese Stadt nicht zu ihr hält" oder "Berlin spart sich dumm und dämlich". Zur Abschlusskundgebung kamen nach Angaben eines Studentensprechers etwa 20.000 Demonstranten.

Die nächsten Aktionen dagegen sind bereits angekündigt: So wollen Studenten und Professoren sich am Freitag abermals zu Lehrveranstaltungen in S-Bahnen und auf öffentlichen Plätzen treffen. Auch die Reichstagskuppel soll als Hörsaal dienen. Für Samstagmittag ist die nächste große Uni-Demonstration geplant.

Hamburg: Weihnachtsmarkt mit Polizei

Bis zum Jahr 2009 sollen die FU, die TU und die Humboldt-Universität mit rund 125 Millionen Euro weniger auskommen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit will von den Senatsbeschlüssen nicht abrücken: "Es bleibt bei den Einsparungen", sagte er am Donnerstag im Abgeordnetenhaus auf eine Anfrage der Grünen. Das sei auch per Vertrag mit den Universitäten besiegelt, da gebe es keinen Spielraum. Notwendig sei zudem die Einführung von Studiengebühren - aber leider sei Berlin noch nicht so weit, so Wowereit.

Unterdessen sind Hamburger Studenten bei einer spontanen Demonstration am Donnerstag mit der Polizei aneinandergeraten. Rund 150 Studenten protestierten gegen die geplante Schließung der Hochschule für Wirtschaft und Politik und setzen sich vor den Eingang des Rathauses. Die mit Schlagstöcken bewaffnete Polizei, in der Hansestadt für ihre rustikale Gangart bekannt, räumte den Streifen zwischen Rathaus und Weihnachtsmarkt. Als mehrere Demonstranten versuchten, zwei ihrer Wortführer zu befreien, seien einige Studenten wegen Widerstandes festgenommen worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Ein Polizist wurde demnch verletzt.

Die Studenten reagierten empört auf das Vorgehen der Polizei: "Wir wissen, dass wir uns in der Bannmeile befinden, aber das ist kein Grund, so hart durchzugreifen", so einer der Demonstranten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.